Neue chemische "Wunderwaffen"

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Experten bleiben im Kampf gegen Doping skeptisch

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Tour de France und Doping - diese Begriffe scheinen zusammenzugehören, nicht nur am Stammtisch.

Erfolge im Kampf gegen Manipulation wie die Überführung des einstigen Seriensiegers Lance Armstrong sind sicher erzielt worden.

Das räumen mehr oder weniger auch die Anti-Doping-Experten vor dem Start der 102. Tour am Samstag ein. Aber eine große Grauzone bleibt.

"Hochleistungssportler tun alles"

Der deutsche Sportwissenschaftler Perikles Simon spricht von "Unmengen" neuer Präparate auf dem Markt.

"Das toppt alles, was wir bisher als Dopingmittel gekannt haben", sagte der Mainzer Uni-Professor.

Der Nürnberger Biochemiker Fritz Sörgel ist trotz der "üblichen Spekulationen vor jedem größeren Sportereignis" genauso alarmiert: "Doping mit biotechnologischen Stoffen, die zumindest am Anfang schwer nachzuweisen sind, ist die große Gefahr für den Sport und das Leben der Sportler. Hochleistungssportler tun alles, um ihre Leistung zu steigern."

Neue chemische "Wunderwaffen"

Neue chemische "Wunderwaffen" im Kampf um Sekunden, mehr Aggressivität, bessere Erholungs-Werte, und erweiterte Schmerzgrenzen könnten laut Simon weiterentwickelte körpereigene Proteine und Hormone sein.

"Im Wesentlichen handelt es sich um konsequente Weiterentwicklungen der Dopingmaßnahmen, wie sie im Rahmen des Balco-Skandals bekanntgeworden sind", erklärte er.

"Neue Substanzen, wie Wachstumshormon-Releasing-Peptide, die eingesetzt werden könnten, wurden bereits von der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) verboten. Weitere Substanzen wie Telmisartan und Meldonium werden durch ein Monitoring-Programm überprüft", teilte der Kölner Institutsleiter Wilhelm Schänzer mit, der den diesjährigen Mitfavoriten Alberto Contador 2010 als Doper überführt hatte.

Auch in diesem Jahr wird Schänzer wieder aktuelle Proben der Tour auf den Tisch bekommen.

 Simon strikt gegen Nachtkontrollen

Lücken in der Kontrollpraxis lassen nach wie vor Verstöße zu. Mikrodosierungen von EPO - womöglich nachts verabreicht, wenn die Fahrer auf ihren Hotelzimmern vor Kontrolleuren sicher sind, nannte Simon "eines von sehr vielen, sehr großen und fast unlösbaren Problemen". Schänzer verweist dagegen auf "Verbesserung der Analytik, die zeigt, dass ein Nachweis auch über mehrere Tage nach der letzten Applikation möglich ist".

Simon ist strikt gegen Nachtkontrollen, "bevor nicht klar ist, wie wir überhaupt sportpolitischen Willen für einen Anti-Doping-Kampf erreichen". Sportler dürften "nicht noch stärker in die alleinige Verantwortung" genommen werden.

Schänzer ist unter Einschränkungen für die nächtliche Ruhestörung, "nicht flächendeckend bei allen Athleten, sondern nur bei Sportlern, die auffällig" geworden seien.

Auch Sörgel befürwortet die Ausweitung der Kontrollen, würde die Effektivität aber vorher gern "in einer wissenschaftlichen Studie" belegt sehen.

Sein düsteres Fazit: "Die einmal Verseuchten sind nicht zu belehren. Sie gehen volles Risiko und bauen auf ihre Erfahrung mit Verschleierung und Betrug." Mit Verweis auf die letzten drei Toursieger Wiggins, Froome und Nibali fragt der Wissenschafter: "Machen die etwa einen weniger perfekten Eindruck als Lance Armstrong? Dass hemmungslos gedopt wurde, kam immer erst später heraus."

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