Abgang durch die Hintertür

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Andy Schleck: Tour-Abgang durch die Hintertür

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Er war jahrelang eine der ganz großen Nummern bei der Tour de France.

Rückte das bedeutendste Radrennen der Welt näher, rückte Andy Schleck automatisch ins Rampenlicht.

Der Luxemburger gehört seit seinem kometenhaften Aufstieg in die Weltelite beim Giro d'Italia 2007 (Rang zwei) zu den Stars im Feld der Pedalritter und rechtfertigte diesen Status lange Zeit.

Ein (durch die Disqualifikation von Alberto Contador nachträglich ausgesprochener) Sieg, zwei zweite Plätze, drei Etappensiege sowie drei "Weiße Trikots" für den besten Nachwuchsfahrer zieren die Tour-Vita des inzwischen 29-Jährigen.

Vom Haupt- zum Nebendarsteller

Bei der Tour 2014 spielte er schon im Vorfeld maximal die Rolle des Nebendarstellers - wenn überhaupt.

Selbst seine Nominierung im Team Trek stand lange in der Schwebe, ein Spitzenplatz war in Frankreich realistisch gesehen außer Reichweite. Vor der vierten Etappe musste der jüngere der beiden Brüder schließlich aufgeben.

Nach einem Sturz am Montag klagte er über starke Knieschmerzen, die ihn schlussendlich dazu zwangen, die "Große Schleife" durch die Hintertür zu verlassen.

Die Enttäuschung ist „riesig“

„Ich bin riesig enttäuscht“, erklärte Schleck nach seinem K.o. „Ich war so glücklich, hier zu sein und wieder mit (meinem Bruder) Fränk die Tour bestreiten zu können. Ich war glücklich, Teil des Rennens und wettbewerbsfähig zu sein. Jetzt bin ich traurig, das Team zurücklassen zu müssen, Fränk zurücklassen zu müssen. Ich war bereit, ihm bei seinen Klassement-Ambitionen zu helfen. Ich fühlte einen Fortschritt, alles kam wieder zurück.“

Der letzte Part seines Statements darf dabei stark bezweifelt werden. Schleck, der seit seinem schweren Sturz beim Criterium du Dauphine vor zwei Jahren nie wieder zu alter Form zurückfand, hat im laufenden Jahr kein einziges Spitzenergebnis zu Buche stehen.

Die Kritik wächst

Die Geduld der Öffentlichkeit litt unter der Erfolglosigkeit Schlecks, nur noch wenige trauen ihm zu, noch einmal den Sprung nach ganz vorne zu vollziehen. Selbst sein Sportdirektor Luca Guercilena nimmt kein Blatt vor den Mund und kritisiert ihn hart.

„Ich denke, in den harten Jahren, die er durchzustehen hatte, hat ihm ein bisschen der Hunger gefehlt, um ganz vorne zu sein“, befand dieser gegenüber „Velonews“. Während Andy deutlich mehr Talent zugesprochen wird, gilt Fränk Schleck als der mental wesentlich stabilere der beiden unzertrennlichen Brüder.

Andy nimmt sich Kritik sehr zu Herzen und hat damit zu kämpfen, von den Medien für seine Formschwäche in den vergangenen beiden Jahren in die Mangel genommen zu werden. Sätze wie „ich kann es immer noch schaffen“ klingen viel mehr nach Durchhalteparolen statt nach echter Aufbruchsstimmung.

Viele gesundheitliche Probleme

Gesundheitliche Probleme tragen ihr Übriges dazu bei. Erst war es ein gebrochenes Kreuzbein, anschließend immer wieder Knieprobleme. Diese kehrten bei seinem Crash bei der Tour zurück. Dabei wurden nicht nur die Bänder im Knieapparat verletzt, sondern auch sein Meniskus in Mitleidenschaft gezogen.

„Andy wird sich einer MRI-Untersuchung unterziehen, danach werden wir entscheiden, ob eine Operation notwendig ist. Er hat offensichtlich starke Schmerzen, sodass ein Start eine schlechte Idee gewesen wäre. Wir haben alles Mögliche getan, aber die Verletzung ist zu ernst“, wird Teamarzt Andreas Gösele auf der Homepage von Trek Factory Racing zitiert.

Endgültiges Aus oder großes Comeback?

Während Fränk, Chris Froome, Alberto Contador und all die anderen großen Namen im Peloton am Dienstag die schwere Etappe nach Arenberg – inklusive neun Kopfsteinpflaster-Etappen – in Angriff nehmen, reist Andy Schleck nach Basel.

Nicht wenige seiner Kritiker sehen im Abschied des 29-Jährigen als endgültiges Aus bei der Tour de France.

Jetzt kann Andy beweisen, aus welchem Holz er geschnitzt ist, und allen zeigen, dass noch immer ein Hauptdarsteller in ihm steckt.

 

Christoph Nister

 

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