Le Tour: Zwischen "episch" und "unverantwortlich"

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Mit 152,5 Kilometern war sie eine der kürzesten Etappen der 101. Tour de France.

Doch schon jetzt steht fest: Das fünfte Teilstück wird in die Geschichte des bedeutendsten Radrennens der Welt eingehen.

Ein unglaubliches Spektakel

Starke Regenfälle, die zur Streichung zweier Kopfsteinpflaster-Passagen führten. Unzählige Stürze, die auch vor den Favoriten nicht Halt machten und einen davon aller Chancen beraubten.

Fahrer mit von Schlamm übersäten Gesichtern, die mit letzter Kraft ins Ziel kamen. Aber auch heldenhafte Leistungen, die dem einen oder anderen Profi im Ziel sogar ein Lächeln abringen konnten.

Die rund 3:20 Stunden lange Fahrt von Ypres nach Arenberg Porte du Hainaut war nichts für schwache Nerven und bot wirklich alles, was ein Radrennen offerieren kann.

Grund genug, die Fünf-Sterne-Etappe, die auch heftige Kritik hervorrief, noch einmal Revue passieren zu lassen:

Der Fall Froome

Das Selbstbewusstsein des Chris Froome war bereits seit seinem Sturz bei der Dauphine angeknackst, der Crash auf der vierten Etappe trug ebenso nicht zur Besserung bei. Entsprechend verunsichert wirkte der 29-Jährige auch auf dem Weg nach Arenberg. Gleich zweimal küsste der Titelverteidiger und Sky-Teamkollege von Bernhard Eisel den Boden. Nach dem ersten Mal rappelte er sich wieder auf und setzte die Fahrt fort, der zweite Sturz war zu viel des Guten. Froome griff sich immer wieder an den verletzten Arm und stieg nach Absprache mit Teamarzt Alan Farrell und Sportdirektor Nicolas Portal in das Teamfahrzeug ein.

Für den Dominator des Vorjahres war die Rundfahrt wider Willen vorzeitig beendet. „Es bricht uns das Herz“, twitterte Team Sky, während Froomes Freund Richie Porte, der die Leaderrolle seines Zimmerkollegen übernehmen wird, meinte: „Ich werde Chris Froome bei dieser Tour vermissen, aber er wird nächstes Jahr stärker denn je zurückkehren.“ Das Sturzopfer meldete sich wenig später selbst kurz zu Wort. „Ich bin am Boden zerstört, bei der Tour aufgeben zu müssen. Ein verletztes Handgelenk und harte Bedingungen machten es nahezu unmöglich, mein Rad zu beherrschen. Danke an das Team und den Betreuerstab, der versucht hat, mich durch den heutigen Tag zu bringen. Ich wünsche Richie Porte und dem Team Sky das Beste für den Rest der Tour!“

Der Fall Nibali

„Auf dem Kopfsteinpflaster ist er sehr stark. Ich habe gesehen, wie gut er auf Schotter gefahren ist und wie gut er im Regen abfährt“, erklärte Sky-Boss Dave Brailsford im Vorfeld der Tour. Er sollte Recht behalten, denn der Italiener fuhr ein bärenstarkes Rennen. Als Etappendritter verlor der Astana-Kapitän, der im Vorfeld der Tour kaum zählbare Ergebnisse vorweisen konnte, nur 19 Sekunden auf Tagessieger Lars Boom (Belkin) und nahm sämtlichen Konkurrenten im Kampf um das Gelbe Trikot jede Menge wertvolle Zeit ab.

„Es ist eine gute Route für Vincenzo“, urteilte sein Sportdirektor Giuseppe Martinelli. In der Tat hat der 29-Jährige bislang sämtliche Kritiker eines Besseren belehrt. Mit seinem Sieg auf der zweiten Etappe hat er sich frühzeitig das „Maillot Jaune“ gesichert und seine Ambitionen auf den Gesamtsieg am Mittwoch eindrucksvoll untermauert. „Es war ein Wahnsinnstag, unglaublich für uns“, erklärte er nach seinem Husarenritt. Den Giro d’Italia (2013) und die Vuelta a Espana (2010) hat der aus Messina stammende Nibali bereits gewonnen, jetzt will er seine Sammlung komplett machen und auch die Frankreich-Rundfahrt für sich entscheiden. Das „Triple“ aus allen Grand Tours gelang bisher nur fünf Fahrern: Eddy Merckx, Bernard Hinault, Jacques Anquetil, Alberto Contador und Felice Gimondi.

 

Der Fall Contador

Abgekämpft und erschöpft rollte Alberto Contador 2:54 Minuten hinter Boom als Tages-37. in Arenberg ins Ziel. Er war neben Froome der zweite große Verlierer des Tages und büßte nicht nur rund zweieinhalb Minuten auf Nibali ein, sondern musste auch Jurgen van den Broeck (Lotto-Belisol), Richie Porte (Team Sky) sowie Andrew Talansky (Garmin-Sharp) ziehen lassen.

Der 31-jährige Spanier fand allerdings schnell wieder Mut und verlautbarte: „Heute war ein Überlebenstag. Ich habe Zeit verloren, bin aber noch am Leben und kam ohne Sturz durch. Die Tour startet jetzt!“ Auch sein Sportdirektor Steven De Jongh verlor nicht den Mut und gab zu Protokoll: „Wir sind immer noch zufrieden und uns zugleich bewusst, dass es einiger harter Arbeit bedarf, um an die Spitze des Klassements zu gelangen.“ Contadors Kampfgeist ist geweckt, das ist auch Nibali bewusst: „Es wird schwierig, ihn zu kontrollieren, daher muss ich aufpassen.“

Jubel in den Niederlanden

3.287 – in Worten dreitausendzweihundertsiebenundachtzig – Tage dauerte es, ehe eine schier unfassbare Durststrecke zu Ende ging. Pieter Weening war der letzte Niederländer, der bei einer Tour de France eine Etappe gewinnen konnte. Es war der 9. Juli 2005, als dieser für Rabobank triumphierte. Exakt neun Jahre später gelang Lars Boom für das Nachfolger-Team Belkin ein weiterer Erfolg. Ein höchst prestigeträchtiger noch dazu, denn Pavé-Etappen gibt es bei der „Grande Boucle“ nur ganz wenige. „Es war eine epische Etappe“, fand der Triumphator schnell einen Superlativ für das Geschehene. „Das ist mein schönster Sieg. (…) Am Morgen, als ich das Wetter sah, habe ich gelächelt. Ich war den ganzen Tag über relaxt und zufrieden.“

 

Reaktionen auf die Etappe

Diese fielen divers aus. Während Robbie McEwen „das spannendste Rennen, das ich je gesehen habe“ erlebte, übte Zeitfahr-Weltmeister Tony Martin (Omega Pharma) heftige Kritik an den Veranstaltern. „Paris-Roubaix – schön, für die, die es wollen. Aber so etwas hat nichts bei der Tour zu suchen. Unverantwortlich!“, schimpfte er in das „ARD“-Mikrofon. BMC-Kapitän Tejay van Garderen ortet „einen völlig neuen Level an Respekt für Kopfsteinpflaster-Fahrer. Diese Jungs sind verdammt Krieger!!!“. Derweil erklärt Jens Voigt (Trek), der älteste aller Tour-Starter: „Klar kann man sich fragen, ob so etwas in die Tour gehört. Jeder ausgestiegende Fahrer ist Opfer der Streckenführung.“ Fest steht, dass die A.S.O., die für die Streckenführung verantwortlich zeichnet, eines erreicht hat: Die ganze (Sport-)Welt spricht über die Tour de France.


Henriette Werner / Christoph Nister

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