Die unglaubliche Geschichte des Tony Martin

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Die unmenschlichen Qualen haben sich gelohnt: Zeitfahrweltmeister Tony Martin (Omega Pharma - Quickstep) gewann das Einzelzeitfahren auf der elften Etappe der 100. Tour de France und feierte seinen zweiten Tour-Etappensieg nach 2011.

Dass Martin überhaupt noch dabei ist, gleicht einem Wunder. Bereits auf dem ersten Teilstück stürzte der Deutsche kurz vor dem Ziel schwer und zog sich unter anderem eine Lungenquetschung sowie eine fünf Zentimeter lange Wunde an seinem linken Ellbogen zu.

Vom Pechvogel zum Glückskind

Bereits im Vorjahr hatte der 28-Jährige bei der "Grande Boucle" kein Glück. Bei einem Crash auf der ersten Etappe brach er sich das Kahnbein und musste eine Woche später entkräftet aufgeben. Doch diesmal kam es anders: Martin biss sich durch und holte sich als verdiente Belohnung den lang ersehnten Etappenerfolg.

“Glücklicherweise ist ein wenig Haut auf meinem Rücken schon nachgewachsen, sodass ich wieder auf dem Rücken schlafen kann. Ich habe mich mehr oder weniger erholt. Natürlich gibt es noch einige offene Wunden, aber wir Fahrer sind daran gewöhnt, also ist es kein Problem mehr", spielte der Radprofi die Verletzungen bescheiden herunter.

„Als ich hörte, dass ich die Tour de France weiterfahren kann, wusste ich, dass ich beim Zeitfahren zwar keine 100 Prozent werde geben können, aber ich habe immer eine gute Leistung erwartet. Ich bin wirklich ein Glückspilz, aber ich glaube, ich habe auch ein wenig Glück verdient“, so Martin, der in diesem Jahr noch kein einziges Zeitfahren verloren hat.

Wattestäbchen gegen Infektionen

Großen Anteil daran, dass der Weltmeister im Kampf gegen die Uhr weiterfahren konnte, hat Teamarzt Helge Riepenhof. Er sorgte dafür, dass Martin die tiefen Schürfwunden möglichst wenig Probleme bereiteten und mixte eine speziell abgestimmte Salbe für den Zeitfahrexperten, damit sich seine Wunden nicht entzündeten.

Um herauszufinden, welche Keime Radsportlern in Frankreich besonders Probleme bereiten, hat er laut „radsport-news.com“ vor einigen Jahren mit Wattestäbchen Proben des Straßenbelags genommen und diese untersuchen lassen.

Seitdem weiß er genau, welche Wirkstoffe in die Salbe müssen, damit seine Schützlinge es bis nach Paris schaffen.

Nach dem Sturz musste Martin ins Spital

Zittern bis zum Schluss

Bis zu Martins Sieg war es demnach ein langer Weg. Das trifft nicht nur auf die letzte Woche zu, sondern auch auf das Rennen am Mittwoch selbst.

Bereits um 12.36 Uhr war der Olympia-Zweite von London gestartet, sein letzter und größter Konkurrent um den Etappensieg, Leader Chris Froome (SKY), ging jedoch erst um 16:54 Uhr auf die Strecke. Martin legte eine Fabelzeit vor: 36:29 Minuten brauchte er für die 33 Kilometer zum malerischen Mont Saint-Michel.

Daraufhin war wohl nicht nur Cameron Meyer (OGE) vom Sieg Martins überzeugt. Auf seiner Facebook-Seite schrieb der Australier: "Wenn noch jemand in die Nähe von Tony Martins Zeit kommt, dann bin ich geschockt. Er ist eine Maschine."

Beinahe um den Sieg gebracht

Tatsächlich geriet sein Sieg bis zum letzten Starter nicht ansatzweise in Gefahr, doch dann kam Chris Froome. "Ich hatte schreckliche letzte Minuten. Ich habe nicht erwartet, dass er so nah rankommt", beschrieb Martin das bange Warten, bis der Brite, der an den beiden Zwischenzeiten jeweils ganz knapp vor ihm lag, mit zwölf Sekunden Verspätung ins Ziel rollte.

“Um ehrlich zu sein, habe ich beinahe schon die Hoffnung aufgeben, die Etappe zu gewinnen. Es war schon sehr enttäuschend, als Chris meine Zwischenzeiten unterboten hat. Ich habe fast geweint und konnte es kaum glauben."

Ungläubig fügte er hinzu: "Einer der schlimmsten Krimis, die ich je miterlebt habe!"

"Wir Fahrer sind daran gewöhnt"

 Wohltat

"Dieser Sieg hat mir und dem Team sehr gut getan", sagte ein überglücklicher Martin, der mit einem Schnitt von 54,271 Kilometern pro Stunde unterwegs war. "Ich bin von Anfang an richtig mit Power gefahren. Die Etappe passte gut zu mir."

Bereits im Teamzeitfahren schrammte Martin mit seinem Team Omega Pharma hauchdünn am Sieg vorbei. Lediglich 0,75 Sekunden fehlten am Ende auf die Konkurrenz von Orica-GreenEdge.

„Nach dem Unfall in der ersten Woche war ich in den letzten paar Tagen schon unglaublich fokussiert auf dieses Zeitfahren. Nachdem es mit dem Sieg im Mannschaftszeitfahren nicht geklappt hat, hatte ich gehofft, dass es im Einzelzeitfahren funktioniert", verriet der Deutsche.

Martins Triumph war zwar keine große Überraschung, aber der Lohn dafür, schier unmenschliche Qualen auf sich genommen zu haben, um das bedeutendste Radrennen der Welt fortsetzen zu können.

 

Henriette Werner

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