Unglaubliche Geschichten aus 110 Jahren Tour

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Die Tour de France ist das größte jährliche Sportereignis der Welt. Abseits der Helden der Landstraße und der großen Skandale, die sie hervorbringt, gibt es noch etwas, was den Mythos der Frankreich-Rundfahrt ausmacht:

Aufreger und Anekdoten, die die Faszination des Radsports und der Tour belegen.

Während die Urin-Attacke auf Mark Cavendish während des Zeitfahrens auf der zwölften Etappe zu den unrühmlichen Kapiteln der "Grande Boucle" gehört, zählt der Fauxpas des Orica-GreenEdge-Busses, der auf der ersten Etappe im Ziel stecken geblieben war, zu den lustigen Schmankerln, die die Tour so außergewöhnlich machen.

LAOLA1 hat in den Geschichtsbüchern gewühlt und die unglaublichsten, skurrilsten Anekdoten aus 110 Jahren Tour de France herausgesucht:

 

Schneller mit der Bahn

Bei der zweiten Auflage der Tour de France im Jahre 1904 mussten die Fahrer 2428 Kilometer in sechs Etappen zurücklegen. Erst im November des Jahres stand der Gewinner  - Henri Cornet – fest, da Zeugen den Sieger ersten Frankreich-Rundfahrt, Maurice Garin, dessen Bruder Cesar, Hippolyte Aucouturier und Lucien Pothier beobachtet haben, wie sie die Eisenbahn nahmen, um abzukürzen. Aus diesem Grund wurden im Nachhinein alle vier disqualifiziert. Cornet, seither jüngster Tour-Sieger aller Zeiten, gewann die zweite Ausgabe und das, obwohl er aufgrund eines Vergiftungsanschlages während des Rennens auf dem Rad eingeschlafen und in den Graben gefallen war.

 

Zuschauer wenden unfaire Mittel an

Ein Jahr später, 1905 streuten Zuschauer Nägel auf die Fahrbahn, um die Konkurrenten ihrer Lieblinge zu Fall zu bringen. Auch 2012 sorgte eine Reißnägel-Attacke auf der letzten Abfahrt der 14. Etappe für Aufregung und viele Defekte. Doch das Peloton zeigte Solidarität und fuhr langsam, um die von Defekten betroffenen Fahrer wieder herankommen zu lassen.

 

"Ihr verdammten Mörder"

"Das ist absolut verantwortungslos von der Tour-Organisation. Sie spielen mit unserem Leben", beklagt sich Zeitfahr-Weltmeister Tony Martin aktuell vor der Tour de France 2013 über die Abfahrt von Alpe d’Huez - auf schlechtem Asphalt und ohne Leitplanken. "Vielleicht muss erst was passieren, dass jemand da die Grätsche macht. Ich weiß nicht, warum das sein muss." Schon über 100 Jahre vor ihm, 1910, drückte Toursieger Octave Lapize seine Kritik Streckenführung noch drastischer aus: „Mörder, ihr verdammten Mörder“, schrie er in Richtung der Organisatoren, als er als erster Fahrer den Col d’Aubisque 1910 überquerte. In diesem Jahr führte die Tour erstmals durch die Pyrenäen.


Tour der Qualen

„Quäl dich, du Sau“ – Udo Bölts' anfeuernde Worte an Deutschlands ersten Toursieger (1997) Jan Ullrich sind sinnbildlich für die Tour der Leiden. Eine besonderes harte „Sau“ war der Belgier Maurice Dewaele, der 1929 in Führung liegend am Galibier einbrach und viel Zeit verlor. Er quälte sich, bis ihm ganz schwarz vor Augen wurde. Komplett fertig stieg er vom Rad. Am nächsten Morgen soll Dewaele kurz vor dem Start noch immer bewusstlos gewesen sein, sein Masseur bat um eine Verschiebung des Starts. Eine Stunde später saß der tapfere Dewaele tatsächlich auf dem Rad und fuhr die Etappe sogar zu Ende – mit nur vier Minuten Rückstand auf den Tagessieger und gemeinsam mit den anderen Favoriten erreichte er das Ziel. Mit dieser Willensstärke beeindruckte er selbst seine größten Gegner und konnte die Tour de France trotz seines Schwächeanfalles noch gewinnen. Tour-Gründer Henri Desgrange allerdings zeigte sich nicht sehr angetan vom kranken und schwachen Belgier: „Man hat eine Leiche gewinnen lassen“.


Coppi und Bartali spalten die Nation

Es gab eine Zeit, da war ganz Italien dank Fausto Coppi und Gino Bartali in zwei Lager gespalten - in die „Bartalisten“ und die „Coppisten“. Und das, obwohl beide 1949 für ein und dasselbe Team fuhren. Am 17. Juli spürte der 35-Jährige Bartali, dass er den fünf Jahre jüngeren Coppi nicht mehr gewachsen war, suchte ihn auf und bat: „Hör mal Fausto, diese Tour gehört dir. Das ist sicher. Aber bitte, du weißt, ich habe heute Geburtstag – lass mit den Etappensieg.“ Coppi nickte nur und so geschah es: Bartali siegte auf der 16. Etappe vor Coppi, der sich am Ende mit knapp elf Minuten Vorsprung auf Bartali den souveränen Tour-Sieg sicherte.

 

Betrunken

Der Algerier Abd El Kader Zaaf riss bei der Tour de France 1950 mit seinem Mannschaftsgefährten Marcel Molinès aus und fuhr einen Vorsprung von bis zu 16 Minuten auf das bummelnde Peloton heraus. In der Zwischenzeit nahm Zaaf aufgrund der herrschenden Hitze Getränke von Zuschauern an - zumeist war es Wein. Davon wurde der Algierer so müde, dass er sich zu einem kurzen Nickerchen am Streckenrand niederließ. Als er wieder wachwurde, setzte sich Zaaf wieder aufs Rad, wusste jedoch nicht mehr, in welche Richtung er weiterfahren musste. Prompt entschied er sich für die falsche und kam nie im Etappenziel in Nimes an. Danach ware die Tour für Zaaf beendet.

Lebensgefahr

Paul Duboc trank 1911 in Führung liegend aus einer vergifteten Flasche und brach nach wenigen Metern zusammen. Beinahe wurde er auch noch von einem Begleitauto überfahren. Von Krämpfen geschüttelt lag er im Straßengraben und musste sich ständig übergeben. Irgendwie hievte er sich wieder aufs Rad und kam mit 3:47 Stunden Rückstand ins Ziel. Davon profitierte Gustave Garrigou, der sich jedoch nicht wirklich darüber freuen konnte, da ihn viele Zuschauer für den Giftmischer hielten und lynchen wollten. Garrigou wurde mit Sonnenbrille, falschem Trikot und einem umgespritzten Rad getarnt, sodass sein Leben gerettet werden und er die Tour gewinnen konnte - vor Duboc.


Keine fremde Hilfte erlaubt

Eine gern erzählte Anekdote ist die des beliebten Franzosen und ersten Träger des Gelben Trikots Eugène Christophe, der sich in Führung liegend 1913 auf der 6. Etappe bei der Abfahrt vom Col de Tourmalet die Vordergabel brach. Da es keine Materialwagen gab und er keine fremde Hilfe annehmen durfte, musste er zu Fuß weitergehen. Schließlich fand er eine Schmiede, in der er sein Rad eigenhändig reparierte. Doch diese Mühe wurde nicht belohnt, die Rennleitung brummte ihm zusätzlich zu seinen vier Stunden Rückstand noch eine Strafe auf, weil ihm ein kleiner Junge beim Schweißen geholfen hatte, den Blasebalg zu treten. Fremde Hilfe war damals verboten. „Wissen Sie was, sie können mich am Arsch lecken“, soll „Cricri“ zornig geschrien haben. Der Pechvogel erreichte Paris dennoch als Siebenter und bleibt dem französischen Volk bis heute als unsterblicher Held in Erinnerung.

 

Erschlagen

Im Jahr 1927 soll der erste italienische Tour-Sieger (1924), Ottavio Bottecchia, während einer Trainingsfahrt von einem Bauern erschlagen worden sein, weil er sich Weintrauben gepflückt hatte, um seinen Durst zu stillen. Der Bauer verscharrte den Leichnam des Tour-Siegers und gestand den Mord Gerüchten zufolge erst 1962 auf dem Sterbebett. Bis dahin galt Bottecchia als verschollen…

Frisch gebadet

Auf der 14. Etappe der Frankreich-Rundfahrt 1950 machte den Athleten die große Hitze zu schaffen, deshalb kamen die Fahrer Jose Beyaert und Brik Schotte bei einer Küstenstraße auf die Idee, das Rennen kurz zu unterbrechen, um in einem See Abkühlung zu suchen. Beinahe allen Fahrern gefiel die Idee, sie legten das Rad zur Seite und sprangen ins kühle Nass. Zwei Fahrern, darunter dem Führende Jean Robic, war scheinbar nicht ganz so heiß, sie fuhren weiter. Gebracht hat es ihnen allerdings nichts, das Peloton holte die beiden auf dem Trockenen gebliebenen später wieder ein.

 

Angst vor der Abfahrt

Sechsmal gewann Federico Bahamontes die Bergwertung der Tour de France, 1959 auch die Gesamtwertung. Jedoch war er ein miserabler Abfahrer. 1954 erreichte er mit einem großen Vorsprung den Gipfel des Col de Romeyère und bekam starken Durst. Daraufhin kaufte er sich bei einem fliegenden Eisverkäufer ein Vanilleeis, setzte sich hin und genoss die Aussicht. Als die anderen Fahrer den Gipfel erreichten, rollte er langsam mit ihnen gemeinsam den Berg hinab. Auf diese Weise verschenkte er eine Reihe an Etappensiegen, denn bergauf flog er förmlich an allen anderen vorbei. Doch abwärts hatte er viel zu viel Angst, zumal er als Kind bei einer Abfahrt in einen Kaktusbusch gefallen war – seitdem lehnte er es ab, alleine ins Tal zu rasen.

 

Der ewige Zweite

„Poupou“ Raymond Polidor bewies, dass man nicht immer gewinnen muss, um sich in den Herzen der Fans unsterblich zu machen. „Der ewige Zweite“ nahm 14 Mal an der Tour teil und stand dabei achtmal auf dem Podest: Dreimal als Zweiter und fünfmal als Dritter. Dennoch konnte er keine einzige Tour gewinnen, zudem war ihm kein Tag im Gelben Trikot vergönnt. 1972 wurde er zum Ritter der Ehrenlegion geschlagen, ein Jahr später zum beliebtesten Franzosen gewählt.

 

Henriette Werner

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