Nicht jeder ist eine Maschine

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Triple-Gewinner Wiggins als logischer Favorit

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Andy Schleck muss verletzungsbedingt passen. Alberto Contador wird die Teilnahme an der Tour de France aufgrund einer Sperre verweigert.

Jene beiden Protagonisten, die dem wichtigsten Rad-Event des Jahres in den vergangenen Jahren den Stempel aufdrückten, sind bei der 99. Auflage der Frankreich-Rundfahrt, die am 30. Juni mit einem 6,4 Kilometer langen Prolog in Lüttich (Belgien) beginnt, zum Zuschauen verdammt.

Ausgeglichen wie lange nicht

Conclusio: Die "Große Schleife" ist ausgeglichen wie lange nicht. Was zudem für einen spannenden Rennablauf spricht, ist die Topografie der Etappen.

Im Gegensatz zu den Gebräuchlichkeiten der jüngeren Vergangenheit setzen Renndirektor Christian Prudhomme und sein Team auf mehr Zeitfahr-Kilometer und weniger Bergankünfte.

Nichtsdestotrotz gibt es Profis, die sich bei der Frage nach den Favoriten besonders aufdrängen. Das sind die Anwärter auf den Gesamtsieg:

Cadel Evans: Der Australier startet die "Mission Titelverteidigung" mit breiter Brust. Platz drei in der Gesamtwertung, ein Etappensieg sowie der Gewinn des Punktetrikots bei der Dauphine signalisierten dem BMC-Racing-Kapitän, den richtigen Weg eingeschlagen zu haben. Die Erfahrung aus sieben Tour-Teilnahmen, von denen er drei auf dem Podest beendete, tragen ihr Übriges bei.

Von fehlender Motivation nach der Erfüllung seines Lebenstraums im vergangenen Jahr will Evans zudem nichts wissen. "Bin ich hungrig? Ja! Kann ich ein zweites Mal gewinnen? Ich denke, das kann ich." Neben einer guten Form, die er sich selbst bescheinigt, hofft er vor allem auf eines: "Dass wir kein Pech haben." Der ehemalige Mountainbiker weiß, wovon er spricht. Als Träger des Gelben Trikots musste er 2009 aufgrund eines Ellbogenbruchs alle Hoffnungen auf den Sieg frühzeitig begraben.

 


Bradley Wiggins: Das Team Sky ist (fast) zur Gänze auf ihn ausgerechnet, selbst Weltmeister Mark Cavendish muss dafür Opfer in Form von fehlenden Helfern in Kauf nehmen. Mit Siegen bei Paris-Nizza, der Tour de Romandie und dem Criterium du Dauphine rechtfertigt er seine Ausnahmestellung unter untermauert zugleich seine Ansprüche: Neben Evans gilt der 32-Jährige, der die Tour 2009 auf Rang vier beendete, als Topfavorit auf den Sieg.

"Ich bin wirklich stolz, Teil eines solch starken Teams zu sein", übt er sich schon vor Rundfahrt-Beginn als Motivator für seine treuen Domestiken. Aus Fehlern der Vergangenheit glaubt er gelernt, zudem die schwere Last der Verantwortung unter Kontrolle zu haben. "Ich habe lange auf diesen Moment warten müssen und werde nun alles dafür tun, um die Tour gewinnen zu können."

 

 

 


Fränk Schleck: Die Rollenverteilung sollte - wie bei allen Top-Teams - klar verteilt sein, doch der vermeintliche Leader Fränk Schleck, der erstmals seit 2007 ohne seinen verletzten Bruder Andy in Frankreich startet, will von seinem Kapitänsamt wenig wissen. "Ich bin keine Maschine. Man sollte realistisch sein. Ich bin jetzt schon sehr dünn und in großartiger Form, dieses Niveau kann ich nicht halten", so der Luxemburger nach Rang zwei bei der Tour de Suisse.

Ganz unbegründet sind seine Sorgen nicht, denn der 32-Jährige hat zwei harte Rennwochen beim Giro d'Italia in den Beinen. Alberto Contador wagte im Vorjahr den Versuch, das Double zu gewinnen und war bei der Tour letzten Endes chancenlos. Schleck will bewusst Druck rausnehmen, könnte aber mit seiner "Understatement"-Taktik zum lachenden Dritten werden. Die wenigen Bergankünfte bzw. vielen Abfahrten am Ende einer Etappe sowie mehr als 100 Zeitfahr-Kilometer spielen dem Vorjahres-Dritten hingegen nicht in die Karten. Seine Devise muss daher "Volle Attacke" sein.

 

 

Vincenzo Nibali: Noch vor einem Jahr war der Liquigas' Mann für den Giro, während Ivan Basso den Steuermann bei der Tour gab. Mit umgekehrten Rollen ging es in die Saison 2012, womit der Vuelta-Sieger von 2010 sich der Helferdienste seines routinierteren Kollegen gewiss sein kann. Von übertriebenen Erwartungen hält der 27-Jährige wenig, so stellt er vor Tour-Beginn klar: "Wir sollten die Füße still halten, es kann einfach zu viel passieren."

Bei der Dauphine, die er als 28. beendete, blieb er vieles schuldig, doch Nibali glaubt, gerüstet zu sein. Um auch die letzten Promille an Leistungsfähigkeit rauszukitzeln, ging er im Winter härter als je zuvor mit sich ins Gericht. Er sei mit besserer Kondition in die Saison gestartet als in den Vorjahren und sich "besser vorbereitet". Der Italiener fällt in die Kategorie "guter Zeitfahrer", hat aber klare Defizite gegenüber Wiggins. Dadurch besteht auch für ihn die Notwendigkeit, bereits in den Bergen das Heft in die Hand zu nehmen und Attacken zu reiten.

 

 

Weitere Kandidaten: Seit 2000 Profi, fährt Denis Menchov in diesem Jahr erstmals für ein russisches Team. Als Anführer Katushas will der 34-Jährige, der die "Grande Boucle" bereits als Zweiter bzw. Dritter beendete, bei seiner womöglich letzten Chance zum großen Wurf ausholen. Derweil rüstet sich die baskische Equipe Euskaltel einmal mehr, um Samuel Sanchez jedwede Unterstützung zukommen zu lassen. Ein schwerer Sturz bei der Dauphine setzte dem Titelverteidiger in der Bergwertung zwar erheblich zu, von einem Angriff auf das Stockerl will sich der Olympiasieger und waghalsige Abfahrer nicht abbringen lassen.

Überaus ambitioniert geht auch Robert Gesink zu Werke. Ein überaus schlagkräftige Armada wurde ihm vom Rabobank-Tross zur Verfügung gestellt. Diese braucht er aber auch, um in den Alpen und Pyrenäen möglichst viele Sekunden (am besten Minuten) an Vorsprung zu "erbeuten". In dieselbe Kerbe muss bei Jurgen van den Broeck geschlagen werden. Auch der Belgier, Frontmann im Team Lotto-Belisol, gilt im Kampf gegen die Uhr nicht unbedingt als begnadet und muss bei steigendem Terrain sein Heil in der Flucht suchen.

 

Christoph Nister

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