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Die Favoriten müssen Farbe bekennen

Wien – Noch etwas mehr als elf Kilometer bis ins Ziel in Luz Ardiden. Die Spitzengruppe ist bereits auf wenige Fahrer zusammengeschmolzen, die schwere Bergankunft macht den Athleten zu schaffen.

Jan Ullrich, Alexandre Vinokourov, Ivan Basso, Tyler Hamilton, Jose-Luis Rubiera, Haimar Zubeldia und Iban Mayo sind noch dabei. Und natürlich der Mann in Gelb, Lance Armstrong, der mit Manuel Beltran einen seiner getreuen Helfer als Tempomacher vor die Gruppe gespannt hat.

Dann ein Angriff: Mayo steigt aus dem Sattel und lanciert das Tempo. Armstrong springt sofort nach. Auch Ullrich, der bei schnellen Tempowechseln stets Probleme hatte, kommt wieder ran.

Ein Stoffsackerl stoppt den Leader

Plötzlich geht der Leader zu Boden. Armstrong fährt zu nah an den begeisterten Massen an den Straßenrändern vorbei. Ein Stoffsackerl wird ihm zum Verhängnis, der Texaner stürzt und reißt Mayo mit sich zu Boden.

Ullrich kann gerade noch ausweichen, nimmt aber umgehend das Tempo raus. Der Deutsche will trotz Armstrongs Eigenverschulden keinen Nutzen aus dessen Bekanntschaft mit dem Asphalt ziehen.

Die nachfolgenden Fahrer kommen wieder ran, auch Armstrong und Mayo schaffen nach einigen Minuten den Anschluss. Das Rennen beginnt von vorne.

Mit Adrenalin vollgepumpt wartet Armstrong nicht lange, ehe er seine Widersacher attackiert. Diesmal kann keiner folgen, der US-Amerikaner entscheidet die Tageswertung der 15. Etappe der Tour de France 2003 für sich und legt den Grundstein für seinen fünften Gesamtsieg beim wichtigsten Radrennen der Welt.

Hosen runter lassen

Das Teilstück geht in die Geschichte ein und sorgt bei Rad-Fans aus aller Welt noch heute für Gänsehaut-Feeling. In diesem Jahr gibt es wieder eine Bergankunft im 1.715 Meter hoch gelegenen französischen Pyrenäen-Ort. Neuerlich stehen die Chancen gut, dass man sie dauerhaft in Erinnerung behält.

Bei der Tour geht es ans Eingemachte

Ivan Basso (ITA)

33 Jahre

Platz 11 (+ 3:36 min)

Unauffällig, zurückhaltend und dennoch wachsam präsentierte sich der Italiener in der ersten Tour-Hälfte. Im Teamzeitfahren büßte er mit seinen Mannen von Liquigas eine knappe Minute auf die stärksten Aufgebote ein. Er ließ den Giro aus, um sich optimal auf die „Große Schleife“ vorbereiten zu können. Basso ist der einzig verbliebene Top-Fahrer von 2003, der auch in diesem Jahr Ambitionen auf einen Top-3-Platz hat.

Damiano Cunego (ITA)

29 Jahre

Platz 12 (+ 3:37 min)

Der „kleine Prinz“, wie Cunego von seinen Fans genannt wird, ist für viele die große Unbekannte. Noch nie konnte er um den Tour-Sieg pedalieren, doch in diesem Jahr will es der Lampre-Profi allen zeigen. Cunego hat sich gewissenhaft auf die Tour vorbereitet und ließ wie Basso seine Heimat-Landesrundfahrt sausen. In den Pyrenäen will der Giro-Sieger von 2004 einen Vorgeschmack seines Könnens liefern, in den Alpen – wenn es nach Italien geht – dann endgültig sein wahres Gesicht zeigen.

Robert Gesink (NED)

25 Jahre

Platz 15 (+ 4:01 min)

Der Niederländer gehört in die Riege der arg gebeutelten Tour-Stars. Auf der 5. Etappe kam der Vorjahres-Sechste zu Fall und leidet seither an den Nachwirkungen der Verletzungen. Mehrfach hatte er große Probleme im Feld, konnte jedoch den Rückstand auf Evans oder die Schlecks bislang in Grenzen halten. Fraglich, ob der uneingeschränkte Rabobank-Chef mit 100%iger Leistungsfähigkeit den Tourmalet sowie die Auffahrt nach Luz Ardiden in Angriff nehmen kann.

Alberto Contador (ESP)

28 Jahre

Platz 16 (+ 4:07 min)

Der Madrilene hatte sich den Kampf um Tour-Sieg Nummer vier sicher anders vorgestellt. Im Teamzeitfahren verlor er gegenüber Evans und den Schlecks wertvolle Zeit, dazu kosteten ihn insgesamt drei Stürze nicht nur Zeit, sondern auch Nerven und Substanz. Nichtsdestotrotz bleibt er „the man to beat“. Contador agierte nach einigen Rückschlägen angriffslustig und wird wohl auch die 13,5 Kilometer hoch nach Luz Ardiden nicht still halten.

Samuel Sanchez (ESP)

33 Jahre

Platz 20 (+ 5:01 min)

Um es vorsichtig zu sagen: Der bisherige Rennverlauf war aus Sicht des Euskaltel-Frontmannes suboptimal. Im Mannschaftszeitfahren war klar, dass er keine Chance haben würde, daher war das einzige Ziel, den Schaden in Grenzen zu halten. Wie Contador fing sich auch Sanchez schon auf der ersten Etappe nach einem Massensturz einen beträchtlichen Rückstand ein. Will er sein Vorjahresergebnis toppen (Platz vier), gibt es nur eine Devise: Volle Attacke!

Christoph Nister

Schließlich findet sie nicht nur am französischen Nationalfeiertag statt, sie bildet zugleich die erste schwere Bergetappe der diesjährigen „Grande Boucle“. Nach eineinhalb Wochen mit vielen hügeligen Teilstücken, spannenden Massensprints und unzähligen Stürzen geht es ins Hochgebirge. Die Favoriten müssen erstmals so richtig die Hosen runter lassen und Farbe bekennen.

Nur, wer sich in absoluter Topform befindet und auch taktisch einiges auf dem Kerbholz hat, kann sich hier einen entscheidenden Vorteil im Kampf um die Podestplätze sichern. Der Favoritenkreis hat sich indes bereits deutlich verkleinert, nachdem mehrere Stockerlkandidaten unsanft vom Rad gerissen wurden und sich schwere Verletzungen zuzogen.

So ist die Frankreich-Rundfahrt unter anderem für Alexandre Vinokourov, Jurgen van den Broeck, Janez Brajkovic oder Brad Wiggins zu Ende, bevor es richtig ernst wurde. Wie die verbliebenen Klassement-Fahrer sich bisher geschlagen haben und was man in den Pyrenäen von ihnen erwarten darf, verraten wir im großen Formcheck:

Cadel Evans (AUS)

34 Jahre

Platz 3 (+ 2:26 min hinter Leader Thomas Voeckler)

Der Australier präsentierte sich bislang in bestechender Form und war stets auf der Höhe des Geschehens. Evans nutzte gleich die erste Etappe und setzte mit Rang zwei ein Ausrufezeichen. Mit dem Sieg an der Mur de Bretagne gelang ihm ein weiterer Höhepunkt. Der BMC-Kapitän will seine womöglich letzte Chance auf den Gesamtsieg nutzen und ist bereit für die Pyrenäen.

Fränk und Andy Schleck (LUX)

31 bzw. 26 Jahre

Plätze 4 und 5 (+ 2:29 min bzw. + 2:37 min)

Die beiden Brüder sind wohl die schärfsten Herausforderer von Titelverteidiger Alberto Contador. In den ersten Tagen präsentierte sich Fränk offensiver. Andy büßte an der Mur de Bretagne acht Sekunden auf einige Konkurrenten ein, gilt aber als der stärkere der beiden Luxemburger, wenn es ins Hochgebirge geht. Die taktische Variabilität könnte zum großen Trumpf der Schlecks werden. Mit abwechselnden Attacken könnten sie ihre Rivalen zermürben.

Andreas Klöden (GER)

36 Jahre

Platz 8 (+ 2:43 min)

Das arg gebeutelte RadioShack-Team hat mit Klöden nur noch eine Geheimwaffe, nachdem Horner und Brajkovic verletzungsbedingt aussteigen mussten und Leipheimer aufgrund von Stürzen außer Reichweite der Spitzenplätze liegt. Der Deutsche war jedoch selbst Opfer eines Massensturzes und musste kurzfristig ins Krankenhaus. Trotz starker Schmerzen will „Klödi“ als letzter verbliebener Leitwolf weiterkämpfen und die RadioShack-Fahnen hochhalten. Angeschossene Tiere sind bekanntlich besonders gefährlich.

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