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Die große Team-Analyse zur Tour de France

Ein Start bei der Tour de France ist für ein Radsport-Team das Beste, was ihm passieren kann.

Sich beim größten jährlichen Sportevent ins Rampenlicht zu fahren und die Sponsoren zu präsentieren, ist für Fahrer und Verantwortliche von enormer Bedeutung. In diesem Jahr hatten 22 Mannschaften die Ehre, die "Grande Boucle" in Angriff zu nehmen.

Von Beginn war Hektik vorprogrammiert. Ein Gros der Teams wollte möglichst häufig in Ausreißergruppen vertreten sein, um viel TV-Zeit zu bekommen. Da es nur 21 Etappen gab, um abzuräumen, und Mark Cavendish alleine schon fünf für sich entschied, ist es nicht schwer zu erraten, dass die eine oder andere Equipe leer ausging.

Wer sich für neue Geldgeber empfehlen konnte, wessen Fahrer deutlich über den Erwartungen agierten und welche Rennställe zu den großen Enttäuschungen zählen, erfährst du in der LAOLA1-Teamanalyse:

               TEIL 2: Garmin bis Omega Pharma

               TEIL 3: Quick Step bis Vacansoleil

Ziele: Nicolas Roche hatte die imaginäre Kapitänsbinde am Arm, der Sohn von Ex-Tour-Sieger Stephen Roche (triumphierte 1987) sollte nach Rang 15 im Vorjahr einen Sprung nach vorne machen. John Gadret, Gewinner einer Giro-Etappe, war als Edelhelfer mit von der Partie, Christophe Riblon (Tour-Etappensieger 2010) galt als weitere Hoffnung.

Ausbeute: Die genannten Profis konnten die in sie gesetzten Hoffnungen nicht erfüllen. Roche hielt am Berg nicht Schritt mit den Top-Stars, Gadret musste den Giro-Strapazen Tribut zollen und nach zehn Etappen aussteigen. Dazu blieb Riblon blass.

Highlight aus Sicht der französischen Auswahl war das Auftreten von Jean-Christophe Peraud. Der 34-Jährige rettete die Tour für sein Team und beendete die Rundfahrt auf Platz zehn. In der Mannschaftswertung steht ein dritter Platz zu Buche.

Zeugnis: Genügend!

Ziele: Alexandre Vinokourov zog ein letztes Mal aus, um bei der Tour ins Gelbe Trikot zu schlüpfen. Als uneingeschränkter Chef im Team waren die anderen acht Fahrer als Adjutanten eingeplant, wobei Roman Kreuziger eine Sonderstellung hatte und notfalls als Ersatzkapitän hätte einspringen sollen.

Ausbeute: Das Sturz-Pech machte vor "Vino" nicht Halt und zerstörte all seine Ambitionen. Ein Oberschenkelbruch sorgte dafür, dass der Tour-Dritte von 2003 das Rad endgültig an den Nagel hing. Seine Kollegen waren auf sich alleine gestellt und damit überfordert.

Einige Ausreißversuche blieben erfolglos, daher steht ein dritter Platz Vinokourovs (4. Etappe) als Highlight zu Buche. Ansonsten sprangen die Ränge neun in der Bergwertung (Maxim Iglinskiy) und zehn in der Nachwuchswertung (Andrey Zeits) heraus.

Zeugnis: Nicht genügend!

Ziele: Zweimal war Cadel Evans Zweiter der Tour, doch er wollte mehr. Nachdem er bei der letzten Ausgabe von einem Ellbogenbruch gestoppt wurde, wollte er es noch einmal wissen. Sein Team war zweifellos nicht das beste, mit George Hincapie und Marcus Burghardt hatte er aber zwei routinierte Helfer mitbekommen, die ihn in kritischen Momenten stärken sollten.

Ausbeute: Von Beginn an war der Australier in Top-Form. Zum Start gab es zwei zweite Plätze, auf der vierten Etappe schlug er dann zu und feierte seinen zweiten Etappensieg bei der "Grande Boucle". Evans blieb immer bei den Favoriten, war wachsam und behielt stets die Kontrolle.

Das zahlte sich aus, denn dank eines grandiosen Einzelzeitfahrens übernahm er am vorletzten Tag das Gelbe Trikot und brachte es nach Paris. Down Under befindet sich seither im Ausnahmezustand. Dass sich Evans' Teamkameraden auf Helferdienste beschränkten und selbst kaum in Erscheinung traten, tat dem Jubel selbstverständlich keinen Abbruch.

Zeugnis: Sehr gut!

Ziele: Wie immer setzte das Continental Pro Team vorwiegend auf Lokalmatadore. So sollte David Moncoutie als einer von sechs Franzosen im neunköpfigen Aufgebot in den Bergen glänzen. Samuel Dumoulin wurde für die Fluchtgruppen eingeplant. Kapitän war allerdings der Este Rein Taaramae, dem ein Platz in den Top 15 der Gesamtwertung zugetraut wurde.

Ausbeute: Während die Hausherren hinten den Erwartungen blieben - Moncoutie hatte einen Ausreißer nach oben und wurde auf der 13. Etappe Zweiter -, wusste Taaramae zu gefallen. Der 24-Jährige kratzte gar an den Top 10 und wurde am Ende Zwölfter.

In der Nachwuchswertung verpasste er knapp den Sieg, in Paris lag er nur 46 Sekunden hinter Triumphator Pierre Rolland. Vergessen darf man zudem nicht, dass Cofidis nur dank einer WildCard zu seiner 15. Tour-Teilnahme kam.

Zeugnis: Befriedigend!

Ziele: Der neue Hauptsponsor - die Equipe ist Nachfolger von Bouygues Telecom - bestand vor der Saison darauf, dass Thomas Voeckler bleibt. Dieser sollte schlussendlich als Tour-Kapitän fungieren und seine Kollegen führen. Mit Sebastien Turgot hatte man auch einen ambitionierten Sprinter im Aufgebot.

Ausbeute: Nicht in den kühnsten Träumen hatten sich Fahrer und Verantwortliche eine solche Tour ausgemalt. Thomas Voeckler übernahm nach Etappe 8 die Gesamtführung und wuchs anschließend über sich hinaus. Selbst im Hochgebirge hängte er sich ans Hinterrad von Evans, den Schlecks und Co.

Der fünfte Gesamtrang ist ein Meilenstein in der Karriere des 32-Jährigen. Doch nicht nur er überzeugte, auch das gesamte Team leistete unglaubliche Arbeit. Besonders hervorzuheben: Pierre Rolland. Der 24-Jährige war nicht nur Edel-Domestike Voecklers, er gewann darüber hinaus die 19. Etappe und die Nachwuchswertung.

Zeugnis: Sehr gut!

Ziele: Nachdem Samuel Sanchez 2010 als Vierter knapp scheiterte, wollte der er dieses Mal das Podium entern. Die baskische Auswahl war ganz auf ihn ausgerichtet, ausschließlich gute Kletterer und Etappenjäger fanden den Weg in die Tour-Mannschaft.

Ausbeute: Der Massensturz am ersten Tag wurde ihm zum Verhängnis, im Teamzeitfahren verlor er weitere wertvolle Zeit. Sanchez blieb nichts anderes übrig, als fortan zu attackieren, wo es nur ging. Der Olympiasieger setzte dieses Vorhaben in die Tat um und machte dank couragierter Fahrweise wieder Boden gut.

Eine kleine Schwäche auf dem Weg nach Serre Chevalier kostete ihm dennoch die letzte Podest-Chance, doch Sanchez durfte sich mit deutlich mehr als dem Trostpreis trösten. Neben dem Gewinn seiner ersten Tour-Etappe streifte der Top-Kletterer und -Abfahrer auch noch das Bergtrikot ein. Der Rest des Teams leistete Helferdienste oder fand sich in Spitzengruppen wieder. Mehr als eine Auszeichnung zum kämpferischsten Fahrer (Ruben Perez) kam dabei nicht heraus.

Zeugnis: Gut!

Ziele: Wie Cofidis bestritt auch FDJ in diesem Jahr seine 15. Tour. Sandy Casar wurde zum Teamleader berufen, dazu waren jede Menge Etappenjäger - darunter Jeremy Roy und Anthony Roux - mit von der Partie. Sprinter suchte man indes vergeblich.

Ausbeute: Arnold Jeannesson durfte einen Tag im Weißen Trikot pedalieren, Jeremy Roy gelang es, für eine Etappe ins Bergtrikot zu schlüpfen. Zudem wurde der 28-Jährige, der immer wieder sein Heil in der Flucht suchte, zweimal zum kämpferischsten Fahrer des Tages sowie zum kämpferischsten Fahrer der gesamten Rundfahrt gewählt.

Die rote Trikotnummer war auch Mickael Delage und Sandy Casar vergönnt. Zum ganz großen Wurf in Form eines Tageserfolges reichte es zwar nicht, viel vorzuwerfen haben sich die Jungs allerdings auch nicht.

Zeugnis: Gut!

 

Christoph Nister

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