Das irrste Rennen der Welt

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Strasser: "Es ist möglich, Geschichte zu schreiben"

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4.880 Kilometer und rund 51.000 Höhenmeter hat er vor sich. Acht Tage am Limit - Halluzinationen und Schmerzen inklusive.

Es ist wieder soweit: Christoph Strasser nimmt das Race Across America in Angriff.

Der 31-jährige Steirer gewann im Vorjahr in neuer Rekordzeit und blieb als erster Mensch unter acht Tagen.

Diese für den Durchschnittsbürger kaum vorstellbare Leistung katapultiert Strasser auch bei der 33. Ausgabe des wohl härtesten Radrennens der Welt in die Favoritenrolle, zumal mit Reto Schoch sein schärfster Rivale aus den letzten Jahren diesmal fehlt.

Im großen LAOLA1-Interview spricht der Extremradsportler über die Qualen und Strapazen des RAAM und warum er sich das immer und immer wieder antut.

LAOLA1: Christoph, wann warst du nach deinem Rekordsieg im Vorjahr mental wieder bereit, dich auf das RAAM 2014 einzulassen?

Strasser: Das war Anfang November, um meinen Geburtstag (4. November, Anm.) herum. Da gibt es für gewöhnlich eine letzte große Party, ehe das Training wieder beginnt. Dieses Mal habe ich allerdings länger überlegt, ob ich das Rennen noch einmal fahren soll oder nicht. Ich habe mit dem Gedanken gespielt, etwas anderes zu machen.

LAOLA1: Was heißt das konkret?

Strasser: Ich habe nie überlegt, das Radfahren sein zu lassen, aber, ob ich zur Abwechslung andere Rennen bestreiten sollte. In Wirklichkeit gibt es in dieser Sportart aber nur einen Event, der großen Stellenwert hat – das RAAM. Dieses auszulassen wäre nicht gut. Für mich selbst, für die Außenwirkung bei Sponsoren, aber auch bei den Medien.

LAOLA1: Als erster Mensch das RAAM unter acht Tagen zu beenden, hat medial hohe Wellen geschlagen. Inwieweit hat sich das finanziell niedergeschlagen?

Strasser: Das hat auf alle Fälle geholfen. Es ist nach wie vor nicht so, dass ich mit meinem Geld Häuser kaufen könnte, aber es ist leichter, das Budget aufzustellen. Das ist sicher ein Privileg in meiner Sportart. Bei meinen Motivationsvorträgen habe ich aber noch mehr gemerkt, dass man mehr Geld damit verdient. Das ist lässig, auf der anderen Seite kann es aber auch zum Problem werden.

LAOLA1: Inwiefern?

Strasser: Man ist sehr gefragt und investiert viel Zeit. Dabei kann es sein, dass man den Fokus für das Training verliert. Daher ist eine gewisse Vorsicht geboten, dass man nicht jede Anfrage annimmt.

LAOLA1: Wie viele Kalorien verbrennst du während eines Tages auf dem Rad und auf wie viele Stunden Schlaf kommst du in den rund acht Tagen?

Strasser: Verbrannt werden in etwa 15.000 kcal, zugeführt so viele wie möglich. Man schafft es nicht ganz, das wieder auszugleichen, es sind für gewöhnlich an die 13.000. Unterm Strich ergibt dieses tägliche Defizit zwei bis vier Kilogramm Gewichtsverlust über acht Tage. Geschlafen wird etwa sechs Stunden.

LAOLA1: Klingt nicht so, als wäre das gesund. Wie lautet denn die ärztliche Meinung dazu?

Strasser: Natürlich ist das nicht gesund, aber es gibt wohl keinen einzigen Leistungssportler weltweit, der behaupten kann, dass das, was er macht, gesund ist. Schau dir nur an, wie viele Skifahrer und Fußballer sich die Knie zerstören. Bei mir ist gar nichts. Klar, während des Rennens gelange ich in Bereiche, die nicht gesund sind, aber das zieht sich nur über wenige Tage. Im restlichen Jahr kann ich wieder regenerieren. Ich mache das ja nur einmal im Jahr. Das halte ich locker aus, ohne dass Folgeschäden entstehen.

LAOLA1: Der Körper ist beim RAAM schon nach wenigen Tagen am Ende, die mentale Komponente wird mit Fortdauer immer wichtiger. Welche Rolle misst du ihr bei?

Strasser: Die mentale Stärke ist dann wichtig, wenn der Körper nicht mehr will. Dann musst du weitermachen, auch wenn du eigentlich aufhören willst. Ebenso wichtig ist aber auch der Teamfaktor, den viele vergessen. Wir sind zwölf Leute, das ist fast ein Mannschaftssport. Ich vergleiche es mal mit dem Fußball. Wenn einer eine schlechte Phase hat, können ihn die anderen pushen. Bei mir ist das genauso, auch wenn ich der einzige am Rad bin. Ich lasse mich aber von der Begeisterung meiner Betreuer anstecken und bin mir auch meiner Verantwortung ihnen gegenüber bewusst. Der Teamgedanke ist für mich ein wesentlicher.

LAOLA1: Vielen Dank für das Gespräch.
 

Das Interview führte Christoph Nister 

LAOLA1: Bist du an einem Punkt angelangt, an dem Gefahr bestand, dass es kippt?

Strasser: Ja, ich hatte in der Vorbereitung öfter Motivationsprobleme als im Jahr davor. Als Hauptgrund dafür sehe ich aber immer noch, dass im letzten Jahr die Wut im Bauch dabei war. Daher ist es wohl auch so extrem gut gelaufen. Heuer erwarte ich ein deutlich schwierigeres Rennen. Da Schoch nicht dabei ist, musste ich mich mental anders vorbereiten. Es soll nicht überheblich sein, ist aber realistisch: Wenn ich gesund bleibe und ein gutes Rennen zeige, kann es sein, dass der Druck der Konkurrenz nicht allzu groß ist. Dann muss ich mein Tempo halten, auch wenn die stärksten Fahrer der letzten Jahr nicht dabei sind.

LAOLA1: Birgt das Wissen, als klarer Favorit ins Rennen zu gehen, auch die Gefahr, dass man die letzten ein, zwei Prozent nicht aus sich rauskitzeln kann?

Strasser: Ganz genau so ist es. Ich muss mich an meinen eigenen Zwischenzeiten orientieren. Früher waren die Ziele, das Rennen zu beenden, dann zu gewinnen. Nach dem Rekord ist es schwieriger. Ich bin mir aber bewusst, dass es für mich möglich ist, in diesem Rennen Geschichte zu schreiben.

LAOLA1: Das RAAM ist ein Rennen der Extreme. Du hast in Rekordzeit gewonnen, bist während eines Hurricanes gefahren, hattest Halluzinationen und warst einmal zum Ausstieg gezwungen. Muss man ein bisschen verrückt sein, um diese Strapazen auf sich zu nehmen?

Strasser: Ein bisschen verrückt muss man sicher sein. Es steckt aber ungemein viel Planung dahinter, dass man nicht völlig verrückt sein sollte. (lacht) Man muss bereit sein, all diese Strapazen auf sich zu nehmen. Du kannst noch so gut vorbereitet sein, du gehst trotzdem teilweise durch die Hölle. Dass man teilweise Halluzinationen hat, lässt sich nicht vermeiden, davor muss man gewappnet sein.

LAOLA1: Welches Investitionsvolumen ist von Nöten, wenn man das RAAM bestreiten will?

Strasser: Ich bin nicht der große Rechner, aber es sind wohl rund 50.000 Euro. In erster Linie geht das für die Flüge und die Unterkünfte für das Team drauf, dazu die Autos, den Treibstoff und die Verpflegung. Inklusive mir sind zwölf Leute dabei, da summieren sich die Kosten. Ich sollte dazusagen, dass man es auch billiger haben kann. Man kann es auch mit ca. 25.000 Euro schaffen. Dann hat man ein kleineres Teams, keinen Fotografen und keinen Kameramann. Ich muss es etwas größer angehen, weil ich ansonsten keinen Sponsor zufriedenstellen würde.

LAOLA1: Elf Betreuer sorgen für dein Wohl. Was ist ihre Aufgabe?

Strasser: Natürlich muss jeder teamfähig und zugleich Mädchen für alles sein. Auf der anderen Seite ist trotzdem auch jeder ein Spezialist. Ich habe zwei Fahrer, zwei Navigatoren, einen Physiotherapeuten, einen Arzt, einen Koch, zwei Fahrer, einen Fotografen und einen Pressebetreuer dabei.

Jahr Sieger Nation Jahr Sieger Nation
1982 Lon Haldeman USA 1998 Gerry Tatrai AUS
1983 Lon Haldeman USA 1999 Danny Chew USA
1984 Pete Penseyres USA <span style=\'color: #ff0000;\'>2000 <span style=\'color: #ff0000;\'>Wolfgang Fasching <span style=\'color: #ff0000;\'>AUT
1985 Jonathan Boyer USA 2001 Andrea Clavadetscher LIE
1986 Pete Penseyres USA <span style=\'color: #ff0000;\'>2002 <span style=\'color: #ff0000;\'>Wolfgang Fasching <span style=\'color: #ff0000;\'>AUT
1987 Michael Secrest USA 2003 Allen Larsen USA
<span style=\'color: #ff0000;\'>1988 <span style=\'color: #ff0000;\'>Franz Spilauer <span style=\'color: #ff0000;\'>AUT 2004 Jure Robic SLO
1989 Paul Solon USA 2005 Jure Robic SLO
1990 Bob Fourney USA 2006 Daniel Wyss SUI
1991 Bob Fourney USA 2007 Jure Robic SLO
1992 Rob Kish USA 2008 Jure Robic SLO
1993 Gerry Tatrai AUS 2009 Daniel Wyss SUI
1994 Rob Kish USA 2010 Jure Robic SLO
1995 Rob Kish USA <span style=\'color: #ff0000;\'>2011 <span style=\'color: #ff0000;\'>Christoph Strasser <span style=\'color: #ff0000;\'>AUT
1996 Danny Chew USA 2012 Reto Schoch SUI
<span style=\'color: #ff0000;\'>1997 <span style=\'color: #ff0000;\'>Wolfgang Fasching <span style=\'color: #ff0000;\'>AUT <span style=\'color: #ff0000;\'>2013 <span style=\'color: #ff0000;\'>Christoph Strasser <span style=\'color: #ff0000;\'>AUT
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