Riha: "Krisenmanagement der UCI funkioniert nicht"

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Die 65. Internationale Österreich Rundfahrt (So., ab 11:30 Uhr im LAOLA1-LIVE-Ticker) war eine schwere Geburt.

Zunächst stand sie aufgrund finanzieller Probleme gar vor der Absage. Danach machte ein Geröllsturz auf der Felbertauernstraße die Umgestaltung einer Etappe nötig.

Keine leichten Bedingungen, mit denen Tour-Direktorin Uschi Riha heuer zu kämpfen hatte. Doch letztlich hat sich der ganze Stress gelohnt. Am Sonntag startet die Rundfahrt und zwar mit so vielen Stars wie noch nie in ihrer langjährigen Geschichte.

Warum die heurige Auflage dennoch die letzte sein könnte, was die UCI im Kampf gegen Doping besser machen muss und wie die Österreicher fahren sollen, erzählt Riha im Gespräch mit LAOLA1:

LAOLA1: Fabian Cancellara, Tom Boonen, Thor Hushovd und viele Stars mehr. Ist die 65. Auflage der Int. Österreich Rundfahrt die bestbesetzte aller Zeiten?

Uschi Riha: Ja, das denke ich schon. In den letzten Jahren entschieden sich immer wieder Top-Fahrer für uns, zum Beispiel Carlos Sastre, Denis Menchov oder Paolo Bettini. Aber in dieser geballten Form war das noch nie der Fall.

LAOLA1: Ist dieser Star-Auflauf auch ein Lohn für die beschwerlichen, vergangenen Monate?

Riha: Natürlich tut uns das gut. Für mich bedeutet es eine gewisse Wertschätzung, dass sich diese Top-Fahrer für die Österreich-Rundfahrt entscheiden. Sie könnten beispielsweise auch ein Höhentrainingslager absolvieren. Das tut schon mächtig gut.

LAOLA1: Lange Zeit stand die Ö-Tour aufgrund finanzieller Probleme auf der Kippe. Warum wird sie nun doch durchgeführt?

Riha: Das hat der Vorstand des Österreichischen Radsportverbandes so entschieden. Wir haben im April die finanziellen Fakten vorgezeigt. Man ist einheitlich zum Beschluss gekommen, dass sie  stattfinden muss. Als Plattform, damit die heimischen Teams ihre Sponsoren präsentieren können. Fehlt dieses Flaggschiff, dann gibt es irgendwann keine Continental-Teams mehr und es bricht die ganze Basis weg. Deshalb ist man diesen Schritt gegangen. Ob es ein zweites Mal auf diese Weise möglich sein wird, das weiß ich nicht.

Riha: Das kann ich noch nicht sagen. Ich bin momentan in Gesprächen mit internationalen Fernsehstationen, um zu schauen, wie das Interesse wäre, wenn wir das Material zur Verfügung stellen könnten. In diesem Fall spreche ich von acht Tagen Live-Übertragung. Im Moment schaffen wir es jedoch nicht einmal, drei Tage live zu produzieren. Deswegen steckt dahinter sicher ein gewisser Wunschtraum. Aber probieren kann man es einmal. Bis Ende November sollten wir diesbezüglich die Kosten abstecken können. Vielleicht – und deswegen führe ich diese Gespräche – gibt es mehr Sponsoren-Interesse, wenn wir internationale TV-Präsenz und acht Tage Live aufweisen können.

LAOLA1: Wie hoch schätzen Sie die Chancen auf eine 66. Int. Österreich Rundfahrt im nächsten Jahr ein?

Riha: Im Moment kann ich nichts dazu sagen. Im September werden wir einen Überblick haben, wie hoch das Defizit ist und welche Pläne für das nächste Jahr aufgehen könnten.

LAOLA1: Natürlich spielt die Dopingproblematik im Radsport eine große Rolle. Wie sehr wurde dadurch die Sponsorensuche beeinflusst?

Riha: Das ist natürlich immer wieder zur Sprache gekommen. Wenn du den Sponsoren aber die Fakten erklärst, dann sehen sie die Dinge anders. Dem Radsport fehlt einfach die Lobby. Der internationale Verband geht viel zu wenig damit in die Öffentlichkeit, was gegen Doping getan wird. Ein Budget von fünf Millionen Euro nur für die Kontrollen und mehr als 13.000 Dopingproben jährlich – das kann sich schon sehen lassen. Du wirst nie alle finden. Die Pharmazie wird immer einen Schritt voraus sein. Aber es gibt einfach auch deswegen so viele positive Fälle, weil so viel getestet wird. Da passiert so viel im Anti-Doping-Kampf, aber das wird zu wenig publiziert.

LAOLA1: Was muss passieren, damit es nächstes Jahr auch noch eine Ö-Tour gibt?

Riha: Ein großer Sponsor muss her! Oder gleich mehrere.

LAOLA1: Ist das aus heutiger Sicht realistisch?

LAOLA1: Im Vergleich zu anderen Sportarten wird der Radsport diesbezüglich oft als schwarzes Schaf hingestellt. Zu Unrecht?

Riha: Es liegt mir fern, andere Verbände schlechtzumachen. Aber ich plädiere dafür, dass die Grenzwerte der Dopingkontrollen für alle Sportarten europaweit vereinheitlicht werden. Es ist Aufgabe der UCI, gemeinsam mit der EU, einheitliche Richtlinien in einem Sportgesetz zu verankern. Es kann nicht sein, dass einer in Österreich inhaftiert wird, während das gleiche Vergehen in Spanien bedeutet, dass er als Nationalheld gefeiert wird. Wie gesagt: Es muss für alle Sportarten in allen Ländern gleich sein.

LAOLA1: Kommen wir zurück zum Sportlichen. Wie schätzen Sie die Chancen der Österreicher bei der diesjährigen Ö-Tour ein?

Riha: In erster Linie erhoffe ich mir, dass sie für Österreich fahren. Nicht die Team-Konkurrenz soll im Vordergrund stehen, sondern die gegenseitige Hilfe. Wir hatten noch nie so viele heimische Mannschaften am Start. Es sind 40 Österreicher, die füreinander fahren sollten und nicht gegeneinander. Zumindest ein Etappensieg sollte drin sein. Vielleicht kann Riccardo Zoidl sogar auf das Gelbe Trikot losgehen.

LAOLA1: Wie schwer wiegt in dieser Hinsicht der Verlust von Thomas Rohregger, der aufgrund eines chronischen Infekts seinen Start absagen musste?

Riha: Mir tut es extrem Leid für Tommy. Ich stehe sehr viel mit ihm in Kontakt und weiß deswegen, dass er heuer eine schlechte Saison hinter sich hat. Wir sollten froh sein, dass man jetzt erkannt hat, woran es liegt. Er soll sich auskurieren. Es bringt nichts, wenn er antritt, obwohl er nicht fit ist.

LAOLA1: Zum Abschluss: Was wünschen sich von der diesjährigen Österreich-Rundfahrt?

Riha: Dass das Wetter hält. Dass keine Straßen mehr den Bach runter gehen. Dass nirgends mehr Schnee liegt. Es wird Zeit, dass da oben jemand eine Einsicht mit uns hat und die Tour bei schönem Wetter stattfindet (lacht).

LAOLA1: Danke für das Gespräch.

 

Das Interview führte Jakob Faber

LAOLA1: Bei der Streckenpräsentation der Ö-Tour richteten sie einen offenen Brief an UCI-Präsident Pat McQuaid, indem sie für den Kampf gegen Doping plädierten. Könnten Sie uns den Inhalt dieses Briefes kurz wiedergeben?

Riha: Es ging genau um das. Das Krisen-Management funktioniert überhaupt nicht. Wenn so ein Fall wie Armstrong oder Contador auftaucht, dann muss man in die Öffentlichkeit gehen. Noch dazu wird dann ein Jahr diskutiert, ob nun eine Sperre in Kraft tritt oder nicht. Wenn ein Befund positiv ist, dann wird derjenige gesperrt. Da braucht man nicht lange herumzureden. Das sind Dinge, die dem Radsport nicht gut tun. Andere Verbände gehen damit besser um. Zudem geht es auch um die jungen Sportler. Wir betreiben viel zu wenig Aufklärung, auch bei den Eltern. Events wie die Tour de France könnte man hervorragend nutzen, um zu sagen: 'Ihr braucht keine Angst haben, eure Kinder in den Radsport zu schicken. Da wird kontrolliert, da gibt es Aufklärungsarbeit.' Aber das einfach stillzuschweigen, das funktioniert nicht.

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