Vom Tour-Sieger zum „Alkoholiker“ und zurück?

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Von ganz oben nach ganz unten - das geht im Sport und vor allem im Ansehen der Medien sehr schnell.

Wenn es bei einem Sportler einmal nicht so gut läuft und er hinter den Erwartungen zurückbleibt, wird auf den einstigen Helden schnell eingeprügelt, er wird extrem kritisiert und schließlich fallengelassen.

Diese bittere - und für ihn bisher ungewohnte - Erfahrung muss derzeit der Luxemburger Radprofi Andy Schleck machen.

Der Traum

Der nachträgliche Tour-de-France-Sieger von 2010 (nachgerückt für Alberto Contador) und zweimalige Zweite der "Grande Boucle" (2009, 2011) hat einen Traum: Er möchte die Frankreich-Rundfahrt (noch einmal) gewinnnen und dieses Mal auch auf den Champs Élysées ganz oben auf dem Treppchen stehen.

Die Realität sieht derzeit freilich anders aus: Im letzten Jahr wurde der jüngere Schleck-Bruder in Abwesenheit von Alberto Contador noch als heißer Kandidat für den Sieg der großen Schleife gehandelt, doch seit seinem Sturz beim Critérium du Dauphiné - der ihm die Teilnahme an der Frankreich-Rundfahrt kostete - fand er nicht mehr zu seiner Form.

Die Heilung seines gebrochenen Kreuzbeins dauerte eine gefühlte Ewigkeit, seitdem reihte sich Rennaufgabe an Rennaufgabe.

Viele Rückschläge

Wie die letzte Saison endete, so begann auch die aktuelle.

Der Saisonstart verlief absolut nicht nach Plan, eine Infektion der Atemwege warf ihn weit zurück.

Wieder folgten viele Rennen, bei denen Schleck aufgeben musste, wie etwa bei der Tour Down Under, Tirreno-Adriatico, der Basken- und der Mittelmeer-Rundfahrt und nach einem Sturz beim Amstel Gold Race.

Kurz gesagt: Bisher sind noch keine Topergebnisse in den Ergebnislisten zu finden.

Schleck macht eine schwierige Zeit durch

Auf die Probe gestelllt

„Diese Zeit war nicht ganz einfach. Es gab einige saure Momente zu überstehen. Mental war es nicht immer ganz unkompliziert. Eine solch schwierige Zeit kannte ich bis dato nicht. Vor allem auf psychischer Ebene war es eine wahre Probe“, gestand Schleck gegenüber "wort.lu", wie schwierig die letzten Monate für ihn waren.

Den Flèche Wallonne beendete das Leichtgewicht als 86. Mit mehr als vier Minuten Rückstand meisterte er die "Mur von Huy". Dennoch wertete der Luxemburger dieses Ergebnis als Schritt in die richtige Richtung. Verglichen mit seinen vielen Aufgaben zuvor, stimmt dies sogar.

Ganz langsam geht es voran

"Am Ende bin ich explodiert, aber das gibt mir Selbstvertrauen", versuchte der Lüttich-Bastogne-Lüttich-Sieger von 2009 optimistisch zu bleiben.

Doch auch in Lüttich konnte Schleck nicht ganz mit den Favoriten mithalten – immerhin, als 41. verlor er nur 1:20 Minuten auf den Sieger.

Andy Schleck kämpft, er will zurück an die Weltspitze. Doch der Weg dahin ist steiniger, als er sich das wohl vorgestellt hat.

Einsamer Kampf

Hinzu kommt die für ihn sehr ungewohnte Situation, ohne seinen Bruder Fränk zurechtkommen zu müssen. Der ehemalige Tour-Dritte ist nach seinem positiven Befund auf das Diuretikum Xipamid noch bis zum 15. Juli gesperrt.

"Ich arbeite weiter sehr hart, um wieder an das Level heranzukommen, auf dem ich vor meinem Sturz gefahren bin. Ich weiß aber auch, dass das nur 'step by step' geht und ich auch nicht versuchen darf, zu große Schritte zu machen“, sagte Schleck gegenüber dem „Tageblatt“.

Ein Bild aus glücklicheren Tagen

Auf der Suche nach der Top-Form

Es wirkt ein wenig, als habe er die aktuelle Saison - und damit auch die Tour 2013 - schon abgeschrieben.

"Ich weiß nicht, wann ich wieder in Top-Form bin. Vielleicht dieses, vielleicht nächstes Jahr. Ich habe realisiert, dass es unmöglich ist, nach so einer Verletzung in sechs Monaten das höchste Level wieder zu erreichen", erkannte Schleck in einem Interview mit "Le Quotidien".

Statt mit sportlichen Leistungen machte der Luxemburger zwischenzeitlich andere Schlagzeilen – durch angebliche Alkoholeskapaden.

Alokoholmissbrauch oder Verleumdung?

Im März behauptete der französische Politiker Pierre-Yves Le Borgn, Andy Schleck in München sehr betrunken gesehen zu haben – er berichtete von der Begegnung auf seiner Facebook-Seite.

"Ich erkenne einen Radsport-Champion, der in den vergangenen Jahren zweimal Zweiter der Tour de France war. Deprimierend. Er konnte kaum noch aufrecht stehen. Ich habe für ihn im Lift den Knopf gedrückt. Ich hatte den Eindruck, einem jungen Mann begegnet zu sein, der die Kontrolle verloren hat."

Sowohl Andy Schleck selbst als auch Sportdirektor Kim Andersen dementierten die Geschichte. Der dänischen Zeitung "Ekstra Bladet" sagte Andersen: "Andy war tatsächlich im Hotel, aber es stimmt nicht, dass er betrunken gewesen ist. Andy hat dies gegenüber mir erklärt und es gibt keinen Grund für mich, dies anzuzweifeln."

Kritik an den Medien

Der Sportdirektor kritisierte die Medien, die die Geschichte sofort aufbauschten: "Es stört mich, dass solch eine lächerliche Story um die Welt gehen kann."

Auf Facebook hingegen bedauerte nach kurzer Zeit auch der französische Politiker nach einigen empörten Kommentaren, die Geschichte gepostet zu haben. Kurz nach der Entschuldigung verschwanden die Einträge dazu auf der Seite wieder.

Doch auch wenn einige Boulevard-Medien übertreiben und fordern, Andy Schleck solle "seine Alkoholkrankheit endlich zugeben" – ganz aus der Luft gegriffen scheint es nicht, dass der Luxemburger gerne einmal über die Stränge schlägt. Denn Andy Schleck und der Alkohol, da war doch was.

Andy und Fränk sind unzertrennlich

Wäre nicht das erste Mal

2010 wurde er gemeinsam mit seinem damaligen Saxo-Bank-Teamkollegen Stuart O‘ Grady aufgrund eines feuchtfröhlichen – angeblich handelte es sich nur um ein Glas Rotwein - Abends außerhalb des Mannschaftshotels von der Spanien-Rundfahrt ausgeschlossen.

"Ich sehe ein, dass ich die Teamregeln gebrochen habe, weil ich nach dem Essen noch etwas trinken gegangen bin. Deshalb hat Bjarne (Riis) mich und Stuart O'Grady nach Hause geschickt", sagte Schleck damals gegenüber "cyclingnews.com".

"Ich bin verantwortlich für mein Handeln und obwohl ich die Entscheidung für zu streng halte, akzeptiere ich, dass Bjarne der Boss ist und tut, was er für das Beste hält", ergänzte der sensible Luxemburger, der ursprünglich seinem Bruder Fränk helfen sollte, die Vuelta zu gewinnen. Ohne seine zwei Helfer wurde dieser am Ende Gesamt-Fünfter.

Wieder da

All diese negativen Schlagzeilen sollen nun Vergangenheit sein.

„Mit dem letzten Jahr habe ich abgeschlossen und auch sonst orientiere ich mich an den positiven Dingen. Ich habe bereits Fortschritte gemacht und bin auf einem guten Weg. Ich fühlte mich wieder wohl im Peloton und fahre mit mehr Selbstvertrauen. Das ist ungemein wichtig", glaubt sich der 27-Jährige im „Tageblatt“ nun auf dem richtigen Weg.

Lange hatte er sich nicht zu Wort gemeldet, jetzt will er es noch einmal allen Kritikern beweisen. Es scheint ein gutes Zeichen zu sein, dass er sich nach zwei Monaten Twitter-Funkstille Ende April wieder zu Wort meldete.

 

 

Sorgenkind bei Radioshack

Der Besitzer des Rennstalls Radioshack Leopard Trek, Flavio Becca, gründete das Team mit nur einem Ziel: Den Sieg bei der Tour de France zu holen.

Inzwischen halten sich hartnäckig Gerüchte, dass es den Rennstall nur noch bis Saisonende geben wird und auch Sponsor Radioshack sich zurückziehen will.

Zudem soll es einige Spannungen zwischen dem Teambesitzer und den Schleck-Brüdern geben.

"Bin Druck gewöhnt"

Zwar beruhigte Fabian Cancellara mit seinen Erfolgen bei Paris-Roubaix und der Flandern-Rundfahrt die Lage etwas und auch Becca bezeichnete Gerüchte um seinen Rückzug als „pure Spekulationen“, doch ein sportliches Ausrufezeichen Schlecks käme sicherlich nicht ungelegen, um die Wogen zu glätten.

"Es herrscht großer Druck für den Rest der Saison, aber das bin ich gewöhnt", ist sich Schleck bewusst.

„Ich habe immer an mich geglaubt und ich bin auch für die Zukunft optimistisch, dass ich wieder an mein Niveau herankomme. Ich habe ja einen guten 'Motor', und der verschwindet ja nicht einfach so. Bis zur Tour de France werde ich weiterhin an meiner Form arbeiten – und dann sehe ich weiter.“

Liegt das Glück in Kalifornien?

Sein aktuelles Projekt lautet Kalifornien-Rundfahrt (läuft noch bis 19. Mai). 2011 wurde er dort schon einmal Achter im Gesamtklassement. Die Tour besteht aus acht Etappen, drei davon enden mit einer Bergankunft.

"Es verbleibt eine Menge Arbeit. Ich verfüge aktuell über eine gute Basis und muss mich nun Schritt für Schritt nach vorne kämpfen. Ich will erneut der Fahrer werden, der ich einmal war und mich anschließend gar noch steigern," so Schleck zu "wort.lu".

Motiviert durch seinen leichten Aufwärtstrend - in Lüttich konnte er einigermaßen mithalten - hat er noch härter trainiert und will das Rennen als Vorbereitung auf die "Grande Boucle" nutzen.

"Bis in die Haarspitzen motiviert"

"Ich bin überzeugt, wir werden etwas von Andy sehen. Er ist bis in die Haarspitzen motiviert und will sich mehr als nur zeigen", war sich der Sportliche Leiter des Teams, Alain Gallopin, vor dem Start der Tour of California sicher, dass Andy eine gute Leistung zeigt.

Aktuell liegt der Luxemburger auf Rang 24, auf der zweiten Etappe verlor er 9:22 Minuten. "Es war ein harter Tag. Wir haben als Team hart gearbeitet, doch ich hatte keine guten Beine. Ich fühlte mich wohl weniger gut als am Vortag, doch ich fange an, immer besser in Form zu kommen", so Schleck.

Seither läuft es deutlich besser. Bereits am nächsten Tag zeigte er sich als Wiedergutmachung in zwei Ausreißergruppen und führte lange das Peloton an.

"Meine schlechte Leistung des Vortages hat mich dazu angespornt, mich erneut zu zeigen", kommentierte er das Geschehen.

"Potenzial und Können weiterhin vorhanden"

„Ich möchte erneut kompetitiv und in der entscheidenden Phase eines Rennens an der Spitze dabei sein. Dann gilt es den nächsten Schritt zu machen", formuliert Schleck seine nächsten Ziele.

"Ich liebe das Radfahren und die Rennen immer noch. Ich bin sicherlich noch nicht am Ende. Ich weiß, dass ich der Konkurrenz noch hinterherhinke und bin bereit, weiter hart an mir und meiner Form zu arbeiten", verspricht er seinen Fans.

Eines Tages will er wieder an seine Top-Leistungen anknüpfen: "Ich bin immer noch der alte Andy. Der Andy, der schon ein paar tolle Erfolge feiern konnte. Potenzial und Können sind weiterhin vorhanden.“

 

Henriette Werner

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