Kittel: Ich möchte für Chris Froome nicht die Hand ins Feuer legen, weil ich nicht weiß, was er macht oder nicht macht. Ich glaube aber, so wie er sich gibt, versucht er den sauberen Sport nach außen zu präsentieren. Deshalb finde ich es ihm gegenüber ungerecht, Vergleiche mit Armstrong heranzuziehen. Dasselbe gilt für das Team Sky und die Vergleiche mit US Postal. Die vermeintlichen Fakten, an denen das festgemacht wird, beweisen nichts. Wenn er einen Rekord am Mont Ventoux bricht, kann man seine Zeiten oder Wattzahlen nicht mit früher vergleichen.  Es kommt immer darauf an, wie der Etappenverlauf bis dahin war. So lässt sich aber eine Geschichte besser verkaufen. Ich finde es daher traurig, wenn mit Sportlern so umgegangen wird, obwohl man nichts in der Hand hat.

LAOLA1: Armstrong fordert Gleichbehandlung aller Athleten und sieht sich ob seiner lebenslangen Sperre zu hart bestraft. Hat er diese Gleichbehandlung verdient oder muss man ihn gesondert betrachten?

Kittel: Nach allem, was bekannt wurde, weiß man, dass er ein System geschaffen und vorangetrieben hat, das definitiv dazu geführt hat, dass auch junge Sportler zum Dopen verleitet wurden. Das hat dem ganzen Umgang mit Doping eine neue "Qualität" gegeben. Diesen Vorwurf muss er sich gefallen lassen und deshalb ist sein Fall auch anders zu betrachten als jene anderer Sportler, die in diesem System feststeckten und keinen Ausweg sahen.

LAOLA1: Von seinem ewigen Rivalen, Jan Ullrich, hast du stets erwartet, dass er auspackt und alle Fakten auf den Tisch legt. Bis heute ist wenig bis gar nichts passiert. Hast du noch Hoffnung, dass er eines Tages ein umfassendes Geständnis ablegt?

Kittel: Ich weiß es nicht, bleibe aber dabei, dass ich mir ein Geständnis wünschen würde. Einerseits für Ullrich selbst, andererseits aber auch für junge Sportler, gerade in Deutschland. Es würde ihnen helfen, wenn er seine Vergangenheit aufklärt und sagt, was war. Im Moment ist es so, dass er immer noch Schlagzeilen produziert, die auch Erfolge von uns überschatten. Jeder spekuliert, deshalb wäre es gut, mit einem reinen Gewissen leben zu können und den Ballast von sich zu werfen.

LAOLA1: Tyler Hamilton und Floyd Landis haben genau das getan. Du hast einst in einem Interview gesagt, der Radsport brauche diese Geständnisse, um „gewisse Leute aus dem Sport rauszubekommen“. Wie soll man einen Bjarne Riis oder einen Alexandre Vinokourov, die in leitenden Positionen tätig sind, aus dem Radsport entfernen?

Kittel: Das weiß ich auch nicht, ich bin kein Weltverbesserer. Ich denke nur, dass wir die Vergangenheit aufklären müssen, um die Leute zu finden, die für diese Probleme verantwortlich waren, und um diese loszuwerden. Wir müssen versuchen, die Fehler nicht zu wiederholen. Daher muss man den geständigen Dopern auch zuhören, um daraus zu lernen.

LAOLA1: Du warst als Junior zweimal Zeitfahr-Weltmeister. Ist das in irgendeiner Art und Weise noch ein Thema für dich, sodass du dich eventuell auch in diese Richtung weiterentwickelst?

Kittel: Nein, das kann ich gleich ausschließen. Das Einzelzeitfahren ist vielleicht mal bei einem Prolog interessant, aber ohne spezielle Vorbereitung. Für mich geht es nur um den Sprint.

LAOLA1: Es gab im vergangenen Jahr einige Rennen, die nahe an der Grenze der Regularität waren. Nehmen die Veranstalter bewusst die Gesundheit der Athleten in Kauf, um Rennen durchzudrücken? Müssten sie verantwortungsbewusster mit euch umgehen?

Kittel: Das ist ein schwieriges Thema. Das Problem ist, dass man bei Rennen 200 Leute am Start hat. 160 sagen „Ich will nach Hause“,  der Rest „Geil, jetzt fahren wir richtig Rennen“. Was macht man dann? Wenn es Rennfahrer gibt, die fahren wollen, ist das in Ordnung. Es ist das Besondere, dass Rennen wie Mailand-San Remo im letzten Jahr Mythen und Legenden prägen, die unseren Sport definieren. Diese Quälerei und das Übermenschliche, bei -2 Grad und Schneeregen auf dem Rad zu sitzen, dazu die völlig erfrorenen Fahrer – all das macht es so besonders. Es müsste von Seiten der Veranstalter etwas kommen, aber dafür sind die Regularien nicht klar genug. Wenn man festlegen würde, bei weniger als -5 Grad keine Rennen zu fahren, wäre das eindeutig. Eine Abstimmung würde hingegen nichts bringen.

LAOLA1: Abschließend ein kurzer Blick voraus. Welche Schlagzeilen würdest du am Ende dieses Jahres gerne über dich lesen?

Kittel: Ich würde gerne lesen „Kittel macht’s bei der Tour wieder wie 2013“, ohne mich selbst unter Druck zu setzen. Dazu „Kittel mit Mila Kunis verlobt“ (lacht). Das wird schwierig, aber es wäre ein Traum. Nein, im Ernst, mir wäre es wichtig, zeigen zu können, dass das Jahr 2013 kein Zufall war und ich Kontinuität beweisen kann, gerade auch, was die Erfolge bei der Tour de France betrifft.

LAOLA1: Vielen Dank für das Gespräch.


Das Interview führte Christoph Nister

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