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Bernie Eisel erklärt Super-Sprinter Mark Cavendish

Mark Cavendish musste sich nach dem Aufwachen am Montag zwei, drei Mal die Augen reiben.

Das lag weniger an der WM-Party am Vorabend als vielmehr am Regenbogen-Trikot, das in seinem Hotelzimmer in Kopenhagen locker und leger über dem roten Lederstuhl hängte.

Weltmeister also. „Nach dem Rennen konnte ich es nicht glauben, aber schön langsam wird mir bewusst, was mir da gelungen ist.“

Auf seinem Twitter-Account schrieb „Cav“ noch am Morgen von Schock und Zweifel nach Zieldurchfahrt und Siegerehrung, postete dazu das Foto vom begehrtesten Wäschestück im Radsport.

Alles gewonnen und noch mehr

Der 26-Jährige von der Isle of Man hat in seiner Karriere bereits alles gewonnen, war 2005 auf der Bahn auch schon einmal Weltmeister.

Dazu insgesamt 30 Etappensiege bei den Grand Tours Giro d’Italia, Tour de France und Vuelta, in Frankreich (2011) und Spanien (2010) gab es je einmal das Grüne Trikot für den schnellsten Sprinter der Welt.

Und jetzt also Weltmeister.

Britische Gold-Hoffnung für Olympia

Aber wie tickt der erste britische Straßen-Weltmeister seit Tom Simpson im Jahr 1965 wirklich?

Warum ist eine der größten Gold-Hoffnungen der Briten für die Olympischen Spiele 2012 der Konkurrenz immer um zumindest eine Reifenbreite – meist aber doch mehr – voraus?

Und wie ist das mit seinem ruinierten Ruf, mit dem er eigentlich ganz gut lebt?

So gut drauf wie nie zuvor

Kaum jemand kennt den Radprofi Mark Cavendish besser als Bernhard Eisel, sein Teamkollege bei HTC-Highroad.

Der Steirer ist seit Jahren Freund, Vertrauensperson und einer der wichtigsten Helfer im Kampf um Titel und Triumphe.

In dieser Saison brachte er Cavendish bei der Tour de France über die Berge und im Grünen Trikot nach Paris. „Mark ist in diesem Jahr so gut drauf wie noch nie“, freut sich der Tour-Kapitän im Gespräch mit LAOLA1 mit seinem vergoldeten Kumpel.

"Quäl dich, du Sau - das gehört dazu!"

Von HTC-Teamchef Rolf Aldag werden die beiden als „altes Ehepaar“ beschrieben, das „nicht miteinander, aber auch nicht ohne einander“ kann.

Das bestätigt Eisel lachend: „Wir haben den Ehe-Vertrag schon länger unterschrieben. Wenn alles perfekt läuft, gibt es keine Probleme.“

Aber wehe, es läuft einmal nicht. „Wir hatten schon richtige Dramen mit Beschimpfungen und ‚Quäl dich, du Sau!‘, aber das gehört dazu, wenn du gemeinsam erfolgreich sein willst.“

So wie 2008, als Cavendish bei der Tour de France auf der Pyrenäen-Etappe von Pau nach Hautacam stürzte und kurz vor der Aufgabe stand. Aber Eisel pushte ihn, beschimpfte ihn und trieb ihn die Berge hoch. Mit Erfolg.

Gemeinsam kam das Duo ins Ziel und die Geschichte in die Cavendish-Biographie „Boy Racer“.

Pausen erhalten die Freundschaft

Manchmal geht das Ehepaar aber auch in gemeinsamen Zeiten getrennte Wege. So zum Beispiel im vergangenen Winter im HTC-Trainingslager in Los Angeles.

„Nach fünf Wochen haben wir gesagt: Das geht so nicht mehr! Also ist Cav mit Mark Renshaw ins Zimmer gegangen und ich habe ein Einzelzimmer bekommen.“

Pausen wie diese erhalten die Freundschaft. „Wir analysieren gemeinsam, planen gemeinsam, fahren die Rennen gemeinsam, tauschen uns über alles aus, was irgendwie zu einer Verbesserung beitragen kann – und das mit einem irrsinnigen Spaß-Faktor“, erklärt Eisel.

"Konnte nicht reinwachsen"

Mark Cavendish ist aber nicht nur der schnelle Sprinter. Im Peloton hat er auch den Ruf des rasenden Rüpels und rücksichtslosen Rambos. „Wer mich nach den letzten 30 Sekunden eines Massensprints beurteilt, ist ein Idiot.“

Sein steirischer Dauerbegleiter weiß: „Wo Rauch ist, gibt es meistens auch Feuer. Mark ist kein einfacher Mensch, aber wenn du die Frau oder Freundin von einem echten Sportler fragst, dann wird dir jede sagen, dass ihr Partner ein Rad ab hat.“

Bernie Eisel hat aus einem einfachen Grund Verständnis für die Eskapaden des Briten.

„Mark hatte einen kometenhaften Aufstieg, konnte in die Rolle des Superstars überhaupt nicht reinwachsen. Das muss man erst einmal verarbeiten und das braucht natürlich auch Zeit.“

Immer wieder Öl ins Feuer

Aber wie sollte er reinwachsen? Wenn es nicht lief, begann der britische Boulevard sofort gegen den Super-Sprinter zu schießen. Zu langsam, zu faul, zu fett, all das musste Cavendish in den letzten Jahren schon über sich in dicken Schlagzeilen lesen.

„Jetzt ist er Weltmeister und hat das Grüne Trikot bei der Tour de France gewonnen, da sind alle still, aber es wird nicht lange dauern, dann wird wieder Öl ins Feuer geschüttet.“

Cavendish hat aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt, hat an seinem Umgang mit Presse und Gegnern genauso gearbeitet wie an seinen „Schwächen“ im Rennen.

"Sind eine andere Schiene gefahren"

Heute hat der 26-Jährige seinen einzigartigen Fahrstil und seine Körperhaltung perfektioniert. „Es gibt keinen, der flacher am Rad und damit im Sprint aerodynamischer ist“, weiß Eisel.

Zwar bringt Cavendish auf den entscheidenden Metern „nur“ 1.500 bis 1.600 Watt aufs Pedal – zum Vergleich: André Greipel tritt 1.800 bis 1.900 Watt -, aber die Aerodynamik macht den Unterschied.

„Wir waren die Ersten, die in diesem Bereich eine andere Schiene gefahren sind. Wir haben uns angeschaut, was am Besten wirkt: Rahmen, Laufräder, Helme, Trikots. Es geht um Steifigkeit und Aerodynamik und darum, was den besten Vortrieb bringt – und da sind wir ganz vorne!“

Der Trick mit dem Extra-Kick

Gutes Material alleine ist es aber nicht. „Mit Mark Renshaw hatte Cav zusätzlich den coolsten, besten und vor allem am meisten denkenden Anfahrer der Welt, der auch viele andere Leute zum Sieg führen würde.“

Und dann ist da noch das eigentliche Erfolgsgeheimnis: der Trick mit dem Extra-Kick.

Bernie Eisel klärt auf: „Ich kann auf den letzten 200 oder 300 Metern nur einmal Maximalkraft aufbringen, aber Cavendish kann ein zweites Mal kicken, so nennen wir das. Also einmal antreten, durch die Beine schauen, wo die Gegner sind, und dann eben noch einmal kicken.“

Was passiert mit dem "Ehepaar"?

Offen ist noch, wie es mit dem Duo Mark Cavendish und Bernhard Eisel nach dieser Saison weitergeht.

Das Team HTC-Highroad ist Geschichte, löst sich zum Saisonende auf. Der Brite wird mit dem Sky-Rennstall in Verbindung gebracht, auf der Insel träumt man schon vom britischen Super-Sprinter im britischen Team.

Bernhard Eisel weiß bereits, wo er nächste Saison fahren wird, darf es aber noch nicht verraten.

Deshalb ist offen, ob das „alte Ehepaar“ in Zukunft zusammen bleibt oder doch getrennte Wege geht. Ein „Rosenkrieg“ ist aber auszuschließen.

Stephan Schwabl

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