Unter der Lupe: ÖRV und OSV

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Verbände im Closeup: Schwimmen und Rudern

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Kommen Sie zum Schwimmsport, da wird immer etwas geboten!

Und sollte einmal keine Medaille rausspringen, dann rauscht es zumindest außerhalb des Beckens. So geschehen in London: Zunächst wagt Markus Rogan das nationale Denkmal Hermann Maier zu beschmutzen, dann macht Dinko Jukic auf Verbal-"Bud Spencer" und verpasst dem eigenen Verband (OSV) eine Stereo-Watsch'n samt anschließendem Würgegriff.

Ausreichend Anlass, um den OSV in der neuen LAOLA1-Serie unter die Lupe zu nehmen.

Dazu begeben wir uns diesmal auch in ruhigere Gefilde. Um genau zu sein, in zu ruhige. Denn österreichische Ruderer waren für die Spiele in London erst gar nicht qualifiziert.

Dabei zählte der ÖRV in den 90er-Jahren als Bank für Spitzenplätze. Die Frage, die sich also stellt: Was lief oder läuft dort falsch?

Aushängeschilder und deren Finanzierung:

Dinko Jukic, Markus Rogan, Jördis Steinegger, Christian Scherübl, Birgit Koschischek, David Brandl, Nina Dittrich, Sebastian Stoss, Hunor Mate, Fabienne Nadarajah, Nadine Brandl, Livia Lang, Constantin Blaha, Sophie Somloi

Zwar lockt das Schwimmen durch die Erfolge in der jüngsten Vergangenheit Sponsoren an, sich davon einen Lebensunterhalt zu finanzieren, gelingt aber nur den wenigsten. Deshalb gibt es abseits vom Heeressportzentrum mit Jukic, Rogan und Steinegger nur eine Handvoll Schwimmer, die das schaffen.


 

Wie werden Spitzensportler produziert?

Eine klare Förder-Struktur auf nationaler Ebene ist nicht zu erkennen. Vereinzelte Trainingslager sind bereits das Höchste der Gefühle. Die Nachwuchsarbeit findet zum größten Teil in den Landesverbänden statt. Südstadt, Linz und Graz gelten als die stärksten Leistungszentren.

OSV-Präsident Paul Schauer ist nicht unumstritten

Der größte Handlungsbedarf besteht in der Infrastruktur. Im ganzen Land gibt es kaum 50-m-Becken, die Leistungssportlern zur Verfügung stehen. Der Gipfel der Peinlichkeit ist die Posse um das Stadthallenbad. Zwischen 20 und 30 Millionen Euro sollen von der öffentlichen Hand bereits in die Renovierung des denkmalgeschützten Bunkers gesteckt worden sein, dessen Wieder-Eröffnung sich wegen baulicher Verfehlungen wie ein Kaugummi zieht. Ein Millionengrab, das Dinko Jukic in der Olympia-Vorbereitung sogar dazu zwang, nach Rijeka auszuweichen. Der Bau von Schwimmhallen obliegt freilich den Behörden, doch der OSV agiert zu passiv, bringt seine Interessen zu wenig ein. Die Nachfrage seitens der Athleten (nicht nur Schwimmer, sondern auch Turmspringer, Triathleten, Wasserballer,…) ist definitiv vorhanden. Einen Schritt in die richtige Richtung gab es zuletzt mit der Eröffnung des Bads in Graz Eggenberg.

Jukic kritisierte in seinem Rundumschlag auch die fehlende Professionalität im Verband. In die gleiche Kerbe schlägt der frühere EM-Teilnehmer Marco Ebenbichler. „Die Strukturen sind veraltet“, ist er für weniger Ehrenamtlichkeit in relevanten Positionen. „Wenn etwas nicht passt, bekommt man ansonsten immer Ausreden zu hören wie: Eigentlich müsste ich das gar nicht machen, schließlich bin ich ehrenamtlich angestellt.“ Zur Rechenschaft könne letztendlich niemand gezogen werden. "Das ist zu wenig für einen Verband dieser Größe", findet Ebenbichler, der eine Professionalisierung für finanzierbar hält. Laut OSV-Präsident Paul Schauer ein Ansatz, der im Verband schon längst angedacht ist (siehe LAOLA1-Interview).

 

Aushängeschilder und deren Finanzierung:

Michaela Taupe-Traer (LG-Einer), Joschka Hellmeier/Oliver Komaromy/Alexander Rath/Dominik Sigl (LG-Doppelvierer), Bernhard Sieber/Paul Sieber (LG-Doppelzweier), Magdalena Lobnig/Lisa Farthofer (SG-Doppelzweier)

Die Ruderer sind stark vom Heeressportzentrum (HSZ) abhängig. Die Anzahl der Plätze hat sich aufgrund der rückgängigen Erfolge im Vergleich zu den 90er-Jahren aber stark reduziert. Somit bleibt leistungsstarken Athleten oft nur während eines Studiums die nötige Zeit, Rudern auf hohem Niveau auszuüben.


 

Produktion von Spitzensportlern:

Im Nachwuchsbereich hat der Ruder-Verband (ÖRV) mit ähnlichen Problemen zu kämpfen wie andere Verbände. Zu übergewichtig und schwer für Bewegung zu begeistern, lautet der bereits bekannte Tenor. Der ÖRV versucht dem mit Projekten entgegen zu wirken, geht beispielsweise in die Schulen, um dort die Kinder mittels Ruder-Ergometern zu testen und so das Interesse zu wecken.

Der Löwenanteil der Nachwuchsarbeit wird in den Klubs und starken Landesverbänden (Wien, Oberösterreich, Kärnten) geleistet. Der Verband schaltet sich erst richtig ab der Jugend ein. Bei den Junioren sollen die Athleten schrittweise an die Spitze herangeführt werden. Dass das ganz gut klappt, zeigten die U23-Weltmeisterschaften vergangenen Juli in Trakai (POL), die mit zwei Gold-Medaillen als erfolgreichste in die ÖRV-Geschichte eingingen.

Wie internationale Ereignisse immer wieder verdeutlichen, gehört Rudern zu jenen Sportarten, die selbst für Umsteiger oder Spätberufene noch große Erfolge parat haben. Ein Potenzial, dessen sich der Verband sehr wohl bewusst ist. Zunächst stehen aber andere Dinge ganz oben auf der Prioritätenliste.


 

Kritik und Reform-Bedarf:

Vor knapp zwölf Jahren galt der Ruder-Verband als einer der heimischen Vorzeige-Fachverbände. In den 90er-Jahren gab es Weltmeister-Titel am laufenden Band, garniert mit einer Olympia-Medaille (Jonke/Zerbst 1992). Doch was ist seither geschehen? Eingeleitet wurde der Niedergang durch glücklose Besetzungen des Nationaltrainerpostens. Der Vogel wurde dabei erst vor kurzem abgeschossen, als Lubomir Kisiov das Team im Vorjahr zum schlechtesten WM-Abschneiden in der Geschichte führte. Der ÖRV reagierte. Anstelle mit dem Bulgaren weiterzuarbeiten, ging man lieber ohne Nationaltrainer in das Jahr bis zu den Olympischen Spielen. Kisiov schaffte es aufgrund seiner offensichtlichen Unfähigkeit sogar auf die „Blacklist“ des internationalen Verbandes. „Unsere oberste Priorität ist nun, einen neuen Coach einzusetzen“, erklärt ÖRV-Sportkoordinator Norbert Lambing, der in den nächsten zwei Monaten einen Mann präsentieren will, der in London mehrere Boote am Start hatte.

Die bisher erfolgreichsten Athleten, Rogan und die Geschwister Jukic, generierte der Verband aber durch sogenannte „Insel-Lösungen“. Das soll heißen, dass sie aus keinem dieser Systeme stammen. Während Rogan die US-amerikanische Schwimm-Schule durchlief, fußen die Erfolge von Mirna und Dinko Jukic auf der Rundum-die-Uhr-Betreuung von Trainer-Vater Zeljko.


 

Kritik und Reform-Bedarf:

Die Qualifikationsrichtlinien für Olympia waren kompliziert. Nach der Streichung von Christian Scherübl aus den Olympischen Einzelstrecken, die vom Wolfsberger Bürgermeister ausging, muss sich der OSV den Vorwurf gefallen lassen, zu schwach gewesen zu sein. Ein bisschen Erfahrung sammeln hätte dem 18-jährigen Talent, der wegen der Staffel ohnehin in London war, wohl nicht geschadet.

Seit etwa der Jahrtausendwende setzte zudem eine Dezentralisierung ein. Davor zogen Nationaltrainer, Heeressportzentrum, Studium, Trainingsbedingungen und oftmals auch die Aussicht auf Plätzen in den Flaggschiffen Spitzenathleten in die Bundeshauptstadt. Dort ergaben sich durch das gemeinsame Training zusätzliche Effekte. „Ich hatte damals das Glück, mich jeden Tag mit Leuten wie Arnold Jonke und Christoph Zerbst messen zu können. Wenn du mit denen mithalten konntest, wusstest du, dass du international vorne mit dabei bist“, erklärt der vierfache Weltmeister Wolfgang Sigl, für den man es auch zu wenig schaffte, vom Wissen der damaligen Größen für die heutige Trainingsarbeit zu profitieren.

ÖRV-Funktionäre
Präsident Helmar Hasenöhrl
Vize-Präsident Erwin Fuchs
Vize-Präsident Werner Russek
Technischer Referent Günter Müller
Sportkoordinator Norbert Lambing
Jugendverbandstrainer Christoph Engl

Wolfgang Sigl (l.) und Norbert Lambing (r.) saßen früher in einem Boot

„Auf den neuen Nationaltrainer wartet die Aufgabe, die  Zentren in den Bundesländern vernetzen“, will Lambing wieder mehr Harmonie im rot-weiß-roten Lager. Ein einheitlicher Ruder-Schlag soll helfen, neue starke Bootezu formen. Aktuell verfügt Österreich vorwiegend in nicht-olympischen Klassen über starke Besatzungen. „Aber wir können die Sportler freilich nicht zwingen, nach Wien zu kommen“, sieht Lambing von der Brechstange ab. "Wir sind in der glücklichen Lage, in den diversen Bundesländern über starke Bootsklassen zu verfügen", soll der neue Coach zwischen den einzelnen Zentren hin- und herpendeln.

Die Dropout-Rate nach den Jugendklassen stellt für den ÖRV wie für andere Sportarten ein großes Problem dar (Lambing: „Wir müssen versuchen, in den Vereinen das nötige soziale Umfeld zu schaffen.“). Nichtsdestoweniger fehlt für die dem Rudern treubleibenden Athleten oftmals eine adäquate Betreuung. „Während Großbritannien etwa über 400 bis 500 Trainer verfügt, die davon leben können, sind es in Österreich vielleicht sieben“, rechnet Sigl, der sich in Linz als Coach engagiert, vor. Die Erweiterung des Angebots ist freilich eine finanzielle Frage. Ein Problem, das vor zwölf Jahren noch leichter zu lösen gewesen wäre. „Damals genoss Rudern national einen viel höheren Status. Es wurde allerdings verabsäumt, um derartige Förderungen anzusuchen“, hofft Lambing, dass die glorreiche Vergangenheit neu auflebt.

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