Ein Double-Double der besonderen Art

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Ob das ein Glücksbringer an ihrem Finger sei, fragte der Interviewer und deutete auf ihren Diamanten an der rechten Hand.

„Es ist mein Ehering, den ich nie ablege. Er erinnert mich an meinen Ehemann, der für mich die Welt bedeutet“, antwortete die 27-Jährige, als sie sich kurz in ihrem Schmuckstück verliert.

Sanya Richards-Ross lächelt glücklich nach dem Vorlauf über 200 Meter. Sie ist es auch. Kein Wunder, sie ist schließlich schon Olympiasiegerin.

Nicht zum ersten Mal, aber irgendwie doch. 2008 blieb der 400-Meter-Spezialistin das schönste aller Edelmetalle noch verwehrt. Als Favoritin musste sie sich in Peking mit Bronze begnügen.

Endlich Gold

Eine in jeglicher Hinsicht bittere Erfahrung, denn im Rennen führte sie zu Beginn der Schlussgeraden noch haushoch. „Das zu verarbeiten, dafür habe ich sehr lange gebraucht“, gestand die gebürtige Jamaikanerin, die mit zwölf Jahren in die USA kam und amerikanische Staatsbürgerin ist, später.

Mehr als nur ein Trostpreis war damals allerdings der Olympiasieg über die 4x400-Meter-Staffel, den sie mit ihren US-Teamkolleginnen holte. Wie schon 2004 in Athen zumindest wieder Team-Gold.

Vier Jahre nach Peking schlug dafür endgültig die große Stunde der Model(l)-Athletin.

Am Samstag sicherte sich Richards-Ross mit einer Zeit von 49,55 Sekunden vor Lokalmatadorin Christine Ohuruogu, die ihr damals in China den Sieg wegschnappte, Einzel-Gold. Ihr Traum, den sie 2008 noch unter Tränen begraben musste, wurde wahr.

„Du musst in vier Jahren so viel überstehen, um diese Möglichkeit zu bekommen. Ich bin sehr, sehr dankbar und fühle mich gesegnet, diesen Traum leben zu dürfen.“

Krankheit machte Richards zu schaffen

Sie sprach bewusst die Worte „dankbar“ und „gesegnet“ aus. Denn alle diese Leistungen hat sie trotz einer Erkrankung erbracht. 2007 wurde bei der Leichtathletin erstmals Morbus Behcet diagnostiziert.

Dabei handelt es sich um eine sehr seltene, schubweise verlaufende Immundefekt-Erkrankung, die im Fall der US-Amerikanerin etwa Läsionen an der Haut verursachte. Zu Beginn machten ihr auch Geschwüre im Mund zu schaffen, das Reden fiel ihr schwer.

Mit ihrem Coach Clyde Hart, der Michael Johnson zu Olympiasiegen führte, konnte sie teilweise nur per Notizzettel kommunizieren. Die neue Situation war sie ganz und gar nicht gewohnt.

„Ich war immer gesund, dann hatte ich plötzlich diese sehr seltene Krankheit – das war furchteinflössend“, gestand Richards-Ross vor zwei Jahren. Zumal nicht wenige Menschen in solchen Fällen etwa erblinden oder Hirnschädigungen davontragen. „Ich war sehr nervös.“

Jaguars-Cornerback Aaron Ross gratuliert seiner Frau

Die Medikamente beeinflussten ihren (Trainings-)Alltag, für sie waren sie manchmal schlimmer als die Krankheit selbst. Auch bei Rennen musste sie Letzterer Tribut zollen.

„Ich trage Ärmel, das habe ich auch früher schon getan. Das war kein Mode-Statement, es sollte die Läsionen verbergen“, so Richards-Ross, die sich vor Wettkämpfen auch viel Make-up auflegte, 2010.

Goldene Hochzeit

Die Erkrankung war auch im Privatleben eine Belastung. An ihrem 25. Geburtstag heiratete die Sprinterin ihre College-Liebe. Der Stress setzte ihr so zu, dass sie vor der Hochzeit ihren Körper komplett mit Make-up bedecken musste. „Es half, aber es nervte auch, das durchzumachen.“

Nichtsdestoweniger war es ein unvergesslicher Tag – wie ein unvergessliches Jahr. Wenige Monate zuvor hatte sie bei der WM in Berlin erstmals Einzel-Gold geholt. Im Februar 2010 folgte dann der schönste Tag.

Die 400-Meter-Dominatorin der vergangenen Jahre heiratete dabei nicht irgendjemanden, sondern Aaron Ross. Einen Football-Spieler, den sie auf der University of Texas kennen und lieben lernte.

2003 fing ihre Liebe an und ist nach vielen harten Jahren ungebrochen. In den USA gelten sie als Sportler-Traumpaar, als sportliches Pendant zu den Musik-Superstars Beyonce und Jay-Z.

„Das gefällt mir“, kommentierte die Olympionikin mit dem ansteckenden Lächeln. Und sie haben mehr als nur Spitzenleistungen gemein, sie stehen für den großen Erfolg – und das im selben Jahr.

Alle vier Jahre: Super-Bowl- und Olympiasieg

Genauer gesagt, alle vier Jahre. 2008 wurde Richards mit der Staffel Olympiasiegerin, 2008 gewann ihr damaliger Lebensgefährte mit den New York Giants die Super Bowl.

2012 holte der NFL-Verteidiger wieder mit „Big Blue“ die Super Bowl, seine Frau lief zu 400 Meter Einzel-Gold. Ein Double-Double der besonderen Art.

Im Frühjahr dieses Jahres erklärte sie, dass sie ihre Krankheit nicht mehr so stark beeinflussen würde. Sie mutmaßte, ob bei ihr nicht eine falsche Diagnose aufgestellt wurde. Sie würde auch nicht mehr so behandelt werden. Dass die Erkrankung 2008 Gold gekostet haben könnte, hätte sie nie zugegeben.

Vier Jahre später ist das auch kein Thema mehr.

Richards-Ross holte endlich Gold bei Olympia

Es war wohl auch der schönere Moment, an diesem Tag in London zu gewinnen. Denn ihr Mann („Das ist ihre Super Bowl“) war zu Gast im Olympic Stadium. Jacksonville, sein neuer Klub, gab ihm die Erlaubnis, für einige Tage das nicht unwesentliche Trainings-Camp zu verlassen.

In Peking und in Berlin beim WM-Titel konnte er nicht dabei sein. Seine Ehefrau nervte das damals so, dass sie Giants-Coach Tom Coughlin fragte, ob ihr Mann nicht zu den Spielen 2012 fliegen dürfte.

Richards und Ross vereint

Nun war das nicht mehr seine Aufgabe, diese Entscheidung zu fällen. Nichtsdestoweniger lud er die frischgebackene Weltmeisterin 2009 zum Training ein, um vor dem Team zu sprechen.

„Das war eine große Ehre, denn nie zuvor durfte eine Spielerfrau zum Training stoßen“, erzählte Richards, die schließlich ihren wichtigsten sportlichen Moment mit ihrem Mann feiern durfte.

Als sie am vergangenen Samstag Gold holte, konnte sie es nicht glauben. Endlich am Ziel. Sie, als jene Frau, die am öftesten die 400 Meter unter 50 Sekunden gelaufen war. In Stratford tat sie es wieder.

Usain Bolt unterbrach sogar ein Live-Interview und wandte sich Richtung Richards, als die US-Hymne zu ihren Ehren ertönte. Momente, nachdem der absolute Sprint-Superstar die Konkurrenz über 100 Meter wieder in Grund und Boden lief. Die beiden mit jamaikanischen Wurzeln sind befreundet.

Auch Richards unterbrach ein Interview. Als sie ihren Mann in der Mixed-Zone erblickte, gab es kein Halten mehr. Den ersten Kuss des ultimativen Double-Siegers hielten zahlreiche Kameras fest.

„Du hast es geschafft, Baby“, jubelte er ihr ins Ohr. Sie beide hatten es geschafft. Schon wieder.

 

Bernhard Kastler

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