Der Raketen-Techniker

Aufmacherbild
 

Er ist der Mann hinter Usain Bolt. Er ist der Architekt der jamaikanischen Sprintraketen.

„Er ist die inspirierende Kraft in meiner Karriere. Er hat mir den Weg gezeigt, um mich als Mensch und Athlet zu verbessern. Er ist eine Vaterfigur für mich“, sagt Bolt über Glen Mills.

Der 62-Jährige kann getrost als erfolgreichster Leichtathletik-Trainer seiner Zeit bezeichnet werden.

„Als wir anfingen, zusammenzuarbeiten, haben sich die Dinge dramatisch geändert“, blickt Bolt zurück.

Doch wie wurde Mills überhaupt Trainer? Welche Philosophie verfolgt er? Wie begann die Zusammenarbeit mit Bolt? Und wie machte er ihn zum schnellsten Mann der Welt?

LAOLA1 kennt die Meilensteine im Leben des Raketentechnikers:

Der Einstieg

Er wollte immer eine Rakete sein. Der Junge aus der Arbeiterfamilie in Kingston wollte am Start explodieren und als Erster über die Ziellinie zischen. Doch Bubenträume und die Realität sind zweierlei Dinge. Und deshalb musste der junge Glen schon mit 13 Jahren feststellen, dass man im Leben eben nicht alles erreichen kann, nur weil man es unbedingt will. „Ich hatte kein Talent, ich war enttäuscht“, erinnert sich der nunmehr 62-Jährige. Also gab er nach einem Jahr im Sprint-Team der Camperdown High School wieder auf. Doch die Anziehungskraft der Aschebahn war zu groß. Mills kam weiterhin. Er saß im Abseits und sah den Burschen, die ihm um die Ohren gelaufen waren, fasziniert zu. Eines Tages rief Trainer Henry McDonald Messam zu ihm rüber: „Komm her, kleiner Mann! Ich sehe dich hier jeden Abend, aber du trainierst nicht mehr. Warum?“ Der kleine Mann tat seine Bedenken bezüglich seiner Talentlosigkeit kund. Der Coach fand eine Lösung: Mills wurde sein Mitarbeiter, durfte diverse Nebentätigkeit verrichten. „So bin ich über die Enttäuschung hinweg gekommen und habe realisiert, dass mein Talent im Coachen lag“, so Mills. Nach zwei Jahren, er ging immer noch zur Schule, hatte er seine eigene Trainingsgruppe von Jungs, die nur um drei, vier Jahre jünger waren. Nach seinem Abschluss blieb er als offizieller Trainer an der Schule. Doch dann übernahm ein neues Direktorium und setzte ihn vor die Tür. Zu jung, zu unerfahren. Doch die neuen Führungskräfte hatten nicht mit dem, was folgen sollte, gerechnet. Die besten Sprinter der Schule trainierten lieber mit dem geschassten Coach, als zu den offiziellen Einheiten zu kommen. Mills wurde wieder eingestellt. Noch heute ist er seinem damaligen Mentor Messam dankbar: „Er war eine großartige Inspiration und hatte großen Einfluss auf meine Karriere.“

Die Reifeprüfung

Mills machte Abschlüsse am mexikanischen Trainingszentrum des Internationalen Olympischen Komitees und am Trainingszentrum des internationalen Leichtathletikverbandes IAAF in Puerto Rico. Zu diesem Zeitpunkt war er bereits beim jamaikanischen Verband angestellt und entwickelte seine eigene Philosophie. Sein Stil mag darin begründet sein, dass der stets gut gelaunte Coach eine Ausbildung zum Mathematik-Lehrer hat. Wenn man nur eine Zahl verändert, ist das Ergebnis ein völlig anderes. Diese Herangehensweise hat er auch an das Sprint-Training. „Ich glaube, dass dich die kleinste Veränderung in der Technik weiterbringt, ohne zusätzliche Arbeit zu machen. Ich bin ein Technik-Fanatiker“, sagt er. Fine-Tuning ist das Schlüsselwort. Darüberhinaus kümmert er sich auch abseits der Rennstrecke um seine Schützlinge: „Ich helfe ihnen gerne dabei, erwachsen zu werden. Ich versuche, in den Rest ihrer Leben involviert zu sein – soweit sie mich lassen.“ Hinzu kommt, dass der Jamaikaner ein ausgezeichnetes Auge für Talente besitzt. Eine Anekdote erzählt von Mills bei einem High-School-Rennen: Alle jubeln dem Sieger zu, Mills zeigt auf den schlaksigen Jungen, der als Vierter ins Ziel kommt und sagt: „Der ist es!“ Sein Name: Asafa Powell. Über die Jahre hinweg geht fast jeder erfolgreiche Sprinter aus Jamaika durch die Hände des Coaches. Die kleine Karibik-Insel fährt Medaille um Medaille ein.

Das Material

Doch all das sollte nur ein Vorgeschmack darauf sein, was kommen sollte. Denn im Sommer 2004, kurz nach den Olympischen Spielen von Athen, bekam Mills jenes Material in die Hände, auf das er schon so lange gewartet hatte. Ein Ausnahmetalent, wie es nur alle heiligen Zeiten auftaucht. Bei Jugend-Weltmeisterschaften hatte Usain Bolt bereits gezeigt, was in ihm steckt. Doch auf Erwachsenenebene wollte es noch nicht so recht klappen. Bolt kam auf Mills zu und fragte diesen, ob er ihn trainieren würde. Mills sagte zu. Natürlich. „Zu diesem Zeitpunkt hatte er eine Reihe von Rückschlägen erlitten. Er war verletzt. Das hat sein Selbstvertrauen und seine Fähigkeiten beeinträchtigt“, erinnert sich Mills an einen geknickten Bolt. Auch die Trainingsmoral des Youngsters ließ zu wünschen übrig: „Er hat keine Leidenschaft für harte Arbeit. Aber er tut genug, um es gut zu machen.“

Die Basisarbeit

Der Rohdiamant Bolt benötigte Feinschliff. „Der Schwerpunkt lag darauf, ihn technisch so korrekt wie möglich laufen zu lassen. Das hat über zwei Saisonen benötigt“, betont Mills. Tatsächlich sind in den ersten beiden Jahren der Zusammenarbeit keine signifikanten Leistungssteigerungen Bolts zu erkennen. Es waren andere Dinge zu tun. „Seine Körperposition hat Druck auf seinen unteren Rücken ausgeübt, es gab eine ständige Verlagerung seines Hüftbereichs und einen Zug auf seinem hinteren Oberschenkelmuskel. Deshalb hatte er ständig Muskelprobleme“, erzählt der Coach. Bolts Körperhaltung wurde geändert, der Schwerpunkt nach vorne verlagert. „Ich glaube daran, dass die Ausrichtung des Hüftbeugers in Einklang mit einem starken Oberkörper eine sehr wichtige Rolle spielt“, gibt Mills einen Einblick in seine technischen Ansichten. Wer den heutigen Bolt mit jenem von vor ein paar Jahren vergleicht, wird feststellen, dass der Sprinter wesentlich muskulöser geworden ist. „Wenn er stärker wird, erhöht sich seine Schrittfrequenz und er wird noch schneller“, erklärt der Trainer. Auch an Bolts Kurvenlage wurde gearbeitet. All diese Verbesserungen ließen sich nur durch Wiederholungen bis zum Erbrechen herbeiführen.

Die Kurskorrektur

Wäre es nach Mills gegangen, wäre Bolt nie über die 100 Meter gelaufen. In den Augen des Trainers ist der Superstar nämlich für die 200 Meter und vor allem die 400 Meter prädestiniert: „Er hat alle Attribute, um ein 400-Meter-Läufer zu sein.“ Doch die Ablehnung des Sprinters gegenüber hartem Training ist bekannt. Und für die Stadionrunde muss man hart trainieren. Der Schüler drängte seinen Lehrer vielmehr, ihn die Königsdisziplin laufen zu lassen. Zu Beginn der Saison 2007 ließ sich Mills auf eine Wette ein: „Ich habe ihm gesagt, dass er die 100 Meter laufen darf, wenn er den nationalen Rekord über die 200 Meter bricht.“ Gesagt, getan. Im Juni pulverisierte Bolt in Kingston den 36 Jahre alten Rekord von Donald Quarrie und lief die 200 Meter in 19,75 Sekunden – elf Hundertstel schneller als das je einem Jamaikaner gelungen war. „Nach dem Rennen hat er sich nicht einmal bei mir bedankt, er hat nur gefragt: ‚Wann sind die 100?‘“, lacht Mills. Nicht einmal einen Monat später absolvierte er die 100 Meter in Griechenland in 10,03 Sekunden. Zwar läuft Bolt hin und wieder auch die Stadionrunde, Mills gesteht ihm aber zu, dieses Thema erst ernsthaft anzugehen, wenn ihm die Explosivität für die 100 Meter altersbedingt fehlt.

Die Zündung

Und dann kamen die Olympischen Spiele in Peking. Innerhalb von einer Woche wurde Bolt Mitte August 2008 zur Legende. Samstag: 100-Meter-Gold in der Weltrekordzeit von 9,69. Mittwoch: 200-Meter-Gold in der Weltrekordzeit von 19,30. Freitag: 100-Meter-Staffel-Gold in der Weltrekordzeit von 37,10. Die Welt saß mit offenem Mund vor den Bildschirmen, dieser Jamaikaner hatte alles je dagewesene in den Schatten gestellt. Nur Mills war nicht überrascht. Er wusste stets, wozu sein Schützling im Stande ist. „Wir hatten unsere Differenzen, unsere Ups und Downs. Aber er hat nie den Blick auf das große Ganze verloren. Obwohl wir uns uneinig sind, was harte Arbeit ist, haben wir es immer geschafft, die Dinge zu erledigen“, sagte er nach den Spielen. Seither ist Bolt das Maß aller Dinge, hat seine Weltrekorde über 100 und 200 Meter noch verbessert und geht auch als absoluter Favorit in die Sprintbewerbe der Olympischen Spiele von London 2012. Sein größter Herausforderer ist Yohan Blake, der in Bolts fehlstartbedingter Abwesenheit 2011 100-Meter-Gold bei der WM von Daegu holte. Sein Trainer? Glen Mills. Blakes Manager Cubie Seegobin sagt über den erfolgreichsten Leichtahletik-Coach dieser Tage: „Ich glaube nicht, dass die Menschen verstehen, welch großartiger Mann er ist. Das Geld, das er verdient, gibt er wieder her. Wenn er ein Auto kriegt, gibt er es jemandem, der es braucht. Und er hilft mit dem Geld aus seiner eigenen Tasche aus, wenn jemand keinen Vertrag hat oder ein armer Junge ein Taxi braucht.“ Der Erfolg ist ihm nie zu Kopf gestiegen. Mills lacht, ist ein gemütlicher, untersetzter Mann und baut Raketen für die Laufbahnen dieser Welt. Seit fast 50 Jahren.


Harald Prantl

Zum Seitenanfang»
Mehr zum Thema

LAOLA Meins - Tags folgen