Wunder oder fauler Zauber?

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Was steckt hinter Jamaikas Sprint-Dominanz?

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Nicht einmal 20 Sekunden hat Jamaika gebraucht, um einen ganzen Medaillensatz bei den Olympischen Spielen abzuräumen.

Oder anders gesagt: Mit einer halben Runde im Olympic Stadium holte die Karibik-Insel Gold, Silber und Bronze und damit drei Medailllen mehr als Österreich in allen bisherigen Bewerben.

Usain Bolt verteidigte nicht nur seinen Titel über die 200 m eindrucksvoll, er holte als erster Sprinter das historische Olympia-Double.

Liegestütze im Ziel

Der Rekordmann war im Finale seinen Konkurrenten so überlegen, dass er auf den letzten Metern auslaufen konnte, ohne in Gefahr zu geraten von seinen Landsleuten Yohan Blake und Warren Weir noch überholt zu werden.

Und weil der „Thunder-Bolt“ noch so viel Kraft übrig hatte, machte er nach der Ziellinie ein paar Liegestütze.

In den meisten Sportarten fällt das in die Kategorie „Verhöhnung des Gegners“, bei der Leichtathletik gibt es dafür Standing Ovations.

Wie machen die das?

Als er nach der Ehrenrunde wieder bei der Ziellinie ankam, drückte der 25-Jährige erst der Tartanbahn einen dicken Schmatzer auf und zeigte einmal mehr seine seit Peking 2008 weltberühmte Pose, den Blitzewerfer.

Während im Jamaica House nahe Greenwich und daheim in Kingston Town und Trelawny alle Dämme brachen, fragt sich die Welt nach dem Dreifachsieg einmal mehr: Wie machen die das?

Warum laufen die allen anderen davon? „Es gibt viele Theorien“, lacht Bolt und zuckt mit den Schultern. Ihm ist das Warum herzlich egal.

Kein neues Phänomen

Das Karibik-Paradies hat die USA als Sprint-Nation Nummer 1 nicht nur abgelöst, es demoliert die amerikanischen Sprinter bei fast jeder Gelegenheit.

Auch über 100 m waren drei Jamaikaner im Finale, aber weil sich Asafa Powell am Start verletzte, war der Weg frei für Justin Gatlin.

Es ist zumindest kein neues Phänomen, dass die Jamaikaner schnelle Sprinter hervorbringen.

Schon die Kanadier Ben Johnson und Donovan Bailey sowie der Brite Linford Christie haben ihre Wurzeln auf der 2,8 Millionen Einwohner zählenden Insel.

Was in Kenia oder Äthiopien die Langstrecke, ist in Jamaika der Sprint.

"So wichtig wie Bob Marley"

„Alle Kids wollen Sprinter werden, weil es cool ist“, freut sich Volksheld Bolt über die scheinbar nie versiegende Quelle an neuen Sprintern.

Als sich LAOLA1 bei den jamaikanischen Trainern und Betreuern nach dem Stellenwert des Sprints in deren Heimat erkundigt, bekommen die drei leicht übergewichtigen Herren strahlende Augen.

„Der Sprint ist für uns genauso wichtig wie Bob Marley, es ist unsere Identität, ein Teil unserer Kultur“, sprechen sie vor lauter Aufregung und Freude fast so schnell, wie Bolt und Blake laufen.

Nachwuchs fördern und fordern

Die besten Talente werden schon im Kindesalter gefördert und gefordert, jedes Jahr finden große Sichtungen und Leichtathletik-Wettkämpfe in allen Schulen des Landes statt.

Ehemalige Weltklasse-Sprinter kümmern sich um die hoffnungsvollsten Talente, denen auch Usain Bolt regelmäßig auf die Spikes schaut, wenn er in der Heimat ist.

Wissenschaftler haben zudem herausgefunden, dass der Anteil an schnellen Muskelfasern bei Jamaikanern größer sind als anderswo auf der Welt.

Was kann Protein Actinen A?

Der Sportmediziner Norbert Bachl hat in seinem Buch "Der Mensch von Morgen" einen weiteren Ansatz entdeckt: das Protein Actinen A.

Es spielt bei Muskelkontraktion eine wichtige Rolle und kommt bei den Jamaikanern viel häufiger vor als bei der Konkurrenz.

Warum? Darüber rätselt die Sportmedizin noch.

Bolt: Keine dunklen Flecken

Und die Fans fragen sich: Sind die Trainer und Trainingsbedingungen in Jamaika wirklich um so viel besser?

Machen Yam-Wurzel und Süßkartoffeln schneller als Proteine und Vitamine? Und geht da wirklich alles mit rechten Mitteln zu?

Seit die Jamaikaner den Sprint dominieren, gibt es Doping-Vorwürfe.

Fakt ist: Die schwarz-gelb-grüne Weste von Usain Bolt hat noch keine dunklen Doping-Flecken.

Blake und Fraser gesperrt

Fakt ist aber auch: Yohan Blake, der in London zwei Mal Silber gewann, wurde 2009 für drei Monate gesperrt, nachdem er bei den Meisterschaften positiv getestet wurde.

Shelly-Ann Fraser-Pryce, das weibliche Pendant zu Usain Bolt über die 100 m, tappte den Fahndern 2010 in die Falle.

Sie rechtfertigte sich damit, dass sie das auf der Dopingliste stehende Medikament wegen Zahnschmerzen eingenommen habe.

Sechs Monate durfte sie nicht an Wettkämpfen teilnehmen.

Kein Einlass für Doping-Fahnder

Victor Conte, der ehemalige Betreiber des Doping-Labors BALCO, ließ mit Aussagen aufhorchen, wonach die Jamaikaner neben der Reggea-Musik auch mit Epo-Doping bestens vertraut sein sollen.

Beweise dafür gibt es aber nicht. Nur wer sollte danach suchen? Die Anti-Doping-Agentur JADCO wird von der Welt-Anti-Doping-Agentur nicht anerkannt, weil nicht unabhängig.

Ausländische Doping-Fahnder bekommen keinen Zugang zu den Trainingsstätten.

Schon nach den Olympischen Spielen in Peking hieß es, dass man daran etwas ändern möchte.

Passiert ist nichts. Und Usain Bolt ist weiter der schnellste Mann der Welt.

 

Stephan Schwabl

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