"Das ist Selbstverstümmelung"

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Verstümmelung auf eigene Faust

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Die Beine lassen sich nicht abwinkeln.

Jede Stufe ist eine Tortur.

Selbst aufstehen geht kaum. „Ich muss mich hochziehen“, gesteht Andreas Giglmayr mit einem Schmunzler. „Im Augenblick fühle ich mich wie ein Hundert-Jähriger.“

Schuld daran sind 3,86 Kilometer Schwimmen, 180,2 km Radfahren und 42,195 km Laufen, die der Salzburger am Sonntag in 8:09:06 Stunden abspulte. Beim Ironman in Klagenfurt reichte die zweitschnellste Zeit, die je ein Österreicher über die Langdistanz erzielte, für den vierten Platz, knapp 22 Minuten hinter Sieger Ivan Rana (ESP).

Aber das eigentlich Erstaunliche daran: Für Giglmayr war es sein erster Ironman.

„Eisenmänner“ schlafen nicht

„Ironman ist etwas Selbstverstümmelung“, lautet das Fazit Giglmayrs. Was ihm die größten Schmerzen bereitete ist schnell ausgemacht: Das Laufen. „Der Marathon zum Schluss war mit Abstand das Weiteste, was ich je in meinem Leben gelaufen bin.“

Um die enorme Belastung wie routinierte „Eisenmänner“ besser verdauen zu können, fehlen dem 30-Jährigen noch die nötigen Trainingskilometer.

Doch wer denkt, dass man nach einer Acht-Stunden-Tortur am liebsten erst einmal drei Tage durchschläft, der irrt. „Im Endeffekt konnte ich fast gar nicht schlafen, weil der Körper so arbeiten muss.“ Wer Giglmayr kennt, der weiß, dass er so etwas mit einem Lächeln und dem nötigen Schuss Galgenhumor hinnimmt. Noch dazu, wenn das Ergebnis derartig gut ausfiel.

„Es war genial, weil du gerade in Klagenfurt enorm viel Feedback bekommst. Das ist für mich mit keinem anderen Rennen vergleichbar.“

Das vermeintliche Selbstmordkommando ausgelassen

Ohne große Erwartungen war Giglmayr ins sein Debüt gegangen. Die erste echte Prüfung im Rennen bestand er, als er im Schwimmen auf Biegen und Brechen an der Spitzengruppe dran blieb. „Gerade beim Schwimmen darfst du auf keinen Fall abreißen lassen“, erklärt der Heeressportler, warum er bereits in der ersten Disziplin ans Limit ging.

Als bei Radkilometer 100 der spätere Sieger attackierte, wollte Giglmayr nicht mitgehen. Auch wenn er es zumindest anfangs gekonnt hätte. „Ich hab mich am Rad zwar richtig gut gefühlt, aber da habe ich mir gedacht, dass Rana ein Selbstmordkommando startet.“ Auch als sich später der Deutsche Christian Kramer (2.) absetzte, hielt sich der Österreicher zurück.

„Weil ich mich auf Farid Al Sultan konzentrierte. Er hat die meiste Erfahrung, weshalb ich mir dachte, dass ich mit ihm bei der richtigen Tempo-Einteilung am besten unterwegs bin“, erklärt das Greenhorn. Denkste. Der deutsche Favorit schied bei Rad-Kilometer 120 mit einem Patsch’n aus. Und Giglmayr musste sich alleine durchschlagen.

Warum er den Marathon an dritter Stelle liegend zu schnell anging, weiß er recht genau: „Ich dachte, dass da nach vorne noch etwas mehr geht. Hätte ich den dritten Platz absichern wollen, wäre ich den ersten Halbmarathon etwas kräfteschonender angegangen.“ So aber kam ein kleiner Einbruch, den letztlich der Slowene David Plese (3.) nutzen konnte.

Links liegen gelassen

Für Giglmayr bedeutet Rang vier eine Bestätigung seines eingeschlagenen Weges. Seit Ende des vergangenen Jahres versucht er es auf eigene Faust, fernab von Verband (ÖTRV) oder Fördertöpfen.

Zuvor war Österreichs Olympia-Starter der Spiele von London für das vom Sportministerium und dem ÖOC ins Leben gerufene Projekt Rio 2016 einfach außen vor gelassen. Zwar sind die Triathleten mit gleich vier Sportlern im Elite-Kader überdurchschnittlich zahlreich vertreten, mit Giglmayr wurde jedoch nicht einmal ein Gespräch geführt. Und das, obwohl mit Harald Horschinegg ein Triathlon-affiner Berater in Schröcksnadels Stab vertreten ist.

Für ihn war das Signal, einen Schlussstrich zu ziehen und mit der Langdistanz ein neues Kapitel aufzuschlagen. Er wolle sich nicht mehr von der Meinung einiger Leute abhängig machen, „die von Triathlon keine Ahnung haben“, kommentierte er damals seine Entscheidung.

„Heute habe ich nichts mehr zu tun mit dem Verband, habe auch kein schlechtes Verhältnis zum ÖTRV, aber ich möchte mich nicht mehr auf sie verlassen müssen“, meint er jetzt.

Hart zu sich selbst

Auch was das Training angeht, wurde Gilgmayr von einigen Seiten ein Scheitern prophezeit. Denn der Mozartstädter schrieb sich fortan seine Pläne selbst. „Es hat geheißen, das kann nicht funktionieren. Jetzt klopfen sie mir auf die Schulter.“

Lediglich im Schwimmen kommen die detaillierten Inhalte von Clemens Weis, alles andere entstammt den Gedanken des Selfmade-Ironmans. „Im Vergleich zu früher habe ich jetzt den Vorteil, dass ich besser in mich hineinhorchen kann. An den jeweiligen Tag kann ich das Programm selbst noch korrigieren.“

An der nötigen Härte zu sich selbst scheint es nicht zu mangeln, wie auch ein Bild von seinen Beinen nach einer strammen Einheit im Trainingslager in Stellenbosch verdeutlicht. Treten bei seinen Kollegen die Adern ebenfalls so deutlich hervor? „Bin mir nicht sicher, aber ich glaube schon“, lacht er.

Heim-WM als Ziel

Es ist selbstredend, dass ein vierter Platz beim Debüt zum Träumen einlädt. Nichtsdestoweniger will Giglmayr an seiner Marschroute festhalten. Diese sieht vor, dass es für ihn heuer erst einmal um das Sammeln von Erfahrung geht. Der Fokus liegt zunächst auf der Halbdistanz.

„Nächstes Jahr ist die Halbironman-WM in Zell am See das große Ziel. Das wird ein Mega-Event! Es werden 4.000 bis 5.000 Starter erwartet. Da ist dann auch das Fernsehen wieder groß drauf. Und wer weiß, vielleicht zeigen sie mich diesmal auch ein wenig mehr“, kann er sich einen kleinen Seitenhieb nicht verkneifen.

Schließlich musste er sich in Klagenfurt trotz des dritten Zwischenrangs die meiste Zeit alleine auf dem Rad den Weg durch die vielen überrundeten Hobby-Athleten bahnen. „Begleitung durch ein TV-Motorrad wäre da enorm hilfreich gewesen.“

Auf Sponsorensuche

Erst nach Zell am See möchte er weiter in die Zukunft blicken. Eine Zukunft, in der die Langdistanz-WM auf Hawaii ein Thema werden könnte.

Bis dahin gilt es für den „hundert-jährigen“ Giglmayr aber nicht nur, noch etliche Trainingskilometer herunterzuspulen, sondern auch sich finanziell auf neue Beine zu stellen. Durch seine Abkehr von der olympischen Distanz verliert er mit Oktober nämlich seinen Platz im Heeressportzentrum.

Somit steht er vor einer noch ungewissen Zukunft. „Ich hoffe, dass sich das mit Sponsoren abdecken lässt.“ Zu wünschen wäre es nicht nur ihm, sondern wohl auch der österreichischen Ironman-Szene.

Schließlich profitieren auch die Veranstalter in Klagenfurt oder Zell am See, wenn die Fans einem aussichtsreichen Lokalmatador mehr zujubeln können.

Reinhold Pühringer

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