Kein Brett vorm Kopf

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Philipp Schuster: The Austrian Way of Skateboarding

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Als Street-Skater muss man hart im Nehmen sein. Jeder noch so kleine Fehler wird schmerzhaft bestraft. Denn Beton verzeiht nicht.

Was einst als Trendsport begann, ist heute aus der Jugendkultur kaum noch wegzudenken.

Für Philipp Schuster ist sein Skateboard auch Fortbewegungsmittel, in erster Linie taucht der Wiener damit aber in fremde Universen ein und erkundet Städte.

Skateboarden ist ein Leben – und im großen LAOLA1-Interview spricht er darüber.


LAOLA1:
Philipp, stell dich doch bitte für all jene Leser, die dich vielleicht noch nicht kennen, einmal kurz vor?

Philipp Schuster: Ich bin Skateboarder, also Street-Skater und fahre seit 13 Jahren auf der Straße alles, was unter Anführungszeichen natürlich im urbanen Gebiet wächst. Und da habe ich natürlich schon einiges gesehen und erlebt.

LAOLA1: Skateboarden hat schon viele Höhen und Tiefen gesehen, ist geboomt und von der Bildfläche verschwunden. Wie war das, als du begonnen hast?

Schuster: Ich habe kurz vor dem ganz großen Boom begonnen. In den späten Neunzigern war bei uns nicht viel, erst mit der Jahrtausendwende ist der große Boom gekommen. Danach ist es noch einmal ein bisschen abgeflaut, aber jetzt geht es richtig steil. Der Sport hält heute Einzug in die Populärkultur.

LAOLA1: Wie hast du diesen Boom anfangs erlebt, der zum Beispiel zu riesigen Contests wie den Monster Masterships geführt hat?

Schuster: Eigentlich nur am Rande. Ich habe ihn zwar mitbekommen und registriert, dass er existiert. Aber ich bin lieber mit meinen Freunden geskatet und habe geschaut, dass ich selbst etwas weiterbringe. Mit 14 bist du in deiner eigenen Welt, da interessiert dich weder die Schule noch sonst was.

LAOLA1: Mädchen vielleicht?

Schuster: Mir hat tatsächlich ein Mädchen das Skaten beigebracht. Anna, eine Schulfreundin von mir, hatte daheim von ihren älteren Brüdern  ein Fishboard mit dicken Rollen daheim. Sie konnte die Basics wie antauchen, den Ollie, all die grundlegenden Dinge. Ich habe es dann probiert und es hat mir gleich so getaugt, dass ich mir zum Namenstag mein erstes Brett gewünscht habe. Und dann ging es ab.

LAOLA1: Und irgendwann zu den ersten Contests?

Schuster: In Wien gab es damals das Skatelab, eine richtig fette Halle, wo ich bei Contests gut abgeschnitten habe. Und ich hatte ein paar Freunde, die immer gerne irgendwo hinfahren wollten. Damals gab es noch diese großen Contest-Serien, zum Beispiel die European Open, das waren riesige Veranstaltungen. Das war der erste Schritt aus Wien hinaus in die internationale Skate-Szene. 2007 bin ich dann in Basel Europameister geworden.

LAOLA1: Heute sieht man dich nur noch selten auf Contests?

Schuster: Wenn man Skateboarden lebt, als Lebenseinstellung und Lifestyle, nicht als Sport im engeren Sinne, sind einem diese klassischen Contestformate irgendwann nicht genug. Man wird älter, reifer und erwartet sich etwas anderes. Ich bin auch an diesen Punkt gekommen, wo ich mir gedacht habe: Das ist jetzt nicht ganz das, was ich möchte.

LAOLA1: Was war es, was dich gestört hat?

Schuster: Die klassischen Formate lassen nur wenig Freiraum für echte Kreativität. Da hast du Leute, die ihre zehn Tricks können und jahrelang nichts anderes machen. Das ist nicht meine Welt, ich möchte nicht in so einen Trott hinein kommen.

LAOLA1: Du bist selbst gerade dran, ein neues Contestformat zu entwickeln. Was dürfen sich die Skater da erwarten?

Schuster: Mir fehlt noch ein bisschen der rote Faden. Aber es soll Street-Skaten an echten Spots sein, nicht irgendwas Hergerichtetes im Skatepark. Mit allen Einflüssen, die man auf der Straße hat. Wind, Wetter, schlechter Boden. Die Fahrer sollen sich während des Contest weiterentwickeln, sich neue Dinge überlegen. Mal schauen, was daraus wird, aber diese Geschichte liegt mir sehr am Herzen.

LAOLA1: Wie auch deine Heimatstadt. Ist Wien eine gute City für einen Skateboarder?

Schuster: Das hängt davon ab, was man für eine Wahrnehmung hat und wie man mit welchem Spot zurechtkommt. Viele Skater sind aus Barcelona verwöhnt, da ist alles glatt und wunderbar. Und dann kommen sie nach Wien und sind verdutzt, dass die Spots doch nicht so leicht sind, wie sie auf Fotos und Videos ausschauen. Aber grundsätzlich gibt es viel zu entdecken.

LAOLA1: Vorausgesetzt man rollt mit offenen Augen durch die Stadt?

Schuster: Viele Wiener schimpfen, dass es so wenig gibt. Aber das ist eben das Wienerische. Wenn man nur zu Hause pickt, glaubt man schnell, dass es woanders besser ist. Ich bin viel unterwegs und für mich gibt es nichts Besseres als daheim zu skaten.

LAOLA1: Du hast vorher Barcelona angesprochen, das europäische Skateboard-Mekka. Welche Städte kannst du sonst noch empfehlen?

Schuster: Paris ist ziemlich toll, London auch, aber da ist es wie in Wien. Viele roughe Sachen, schwer zu skaten. Eigentlich ist jede Großstadt eine Reise wert, Berlin, Lyon, überall wo gebaut wird und Architektur vorhanden ist. Finden kann man überall neue Spots – im Burgenland genauso wie in Costa Rica.

LAOLA1: Wie suchst und findest du?

Schuster: Eigentlich ist es schrecklich! Meine Freundin rügt mich dann auch, wenn ich ständig auf Spot-Suche oder weggetreten bin, weil ich an irgendwelche Tricks oder neue Projekte denke. Das nimmt einen schon zu hundert Prozent ein, da bin ich in meinem eigenen Universum.

LAOLA1: Auf den ersten Blick wirkt das Skateboard an sich ziemlich simpel. Ein Brett, zwei Achsen und vier Rollen. Bist du beim Material ein Tüftler?

Schuster: Ja und Nein. Es gibt natürlich viele Unterschiede, aber im Endeffekt kann man, wenn man sich daran gewöhnt hat, mit jedem Set-Up skaten. Natürlich gibt es ein paar Dinge, wie zum Beispiel schmale Achsen mit einem breiten Board mischen. Aber wenn es einem taugt, dann soll man es machen. Ich habe große Füße und deshalb breite Bretter, aber es gibt da keine Regeln solange es funktioniert.

LAOLA1: Aber stehst du manchmal auf einem Board und denkst dir: Auf diesem Brett ist einfach alles möglich!?

Schuster: Das Lustige ist: Ich fahre immer das gleiche Board. Aus der Fabrik, einzeln gepresst, aber mit genau dem gleichen Shape und Material. Wenn ich mir also mein Set-Up zusammenschraube, sollte es immer gleich sein, ist es aber nicht. Es gibt Boards, die funktionieren einfach so gut und ich weiß nicht warum. Und dann habe ich Bretter, die würde ich nach einmal fahren am liebsten wieder auseinanderschrauben.

LAOLA1: Kann man eigentlich vom Skateboarden leben?

Schuster: Als Österreicher ist es nahezu unmöglich, mit dem Skaten Geld zu verdienen, um seine Miete zu bezahlen. Entweder man zieht weg, nach Barcelona oder Paris, geht in einen großen Markt hinein, nach Deutschland, Frankreich, Spanien, oder man muss extrem viel reisen, was eher mein Ding ist, da ich auch sehr an Wien hänge. Sicher könnte es mir karrieretechnisch besser gehen, aber was bringt mir das, wenn es keine Freude macht.

LAOLA1: Die Freude eines jeden Skaters sind Covershots. Du warst zuletzt mit einem in Wien geschossenen Foto auf dem „Playboard“-Magazin. Wie ist die Geschichte dazu?

Schuster: Das Cover war ein großartiger Nebeneffekt, aber ich freue mich eigentlich mehr über den Trick. Das war so mein Trick des ersten Halbjahrs 2011, ein persönliches Highlight. Es war eine aufregende und aufwendige Session, aber man scheut keine Mühen, wenn man eine Vision hat. Dann geht man auch durchs Wasser.

LAOLA1: Oder an die Druckpresse, denn du bist ja auch der Herausgeber von "Trottoir", dem österreichischen Skateboard-Magazin?

Schuster: Das Magazin ist neben der Fotografie mein drittes Standbein. Eigentlich habe ich es gegründet, weil ich so viele Fotos hatte und es in Österreich keine Plattform gab, die diese Fotos veröffentlichen wollte. Und die deutschen Magazine haben sich nur bedingt für das Material aus Österreich interessiert, die wollten nur irgendwelche big names und richtige Banger. Da habe ich mir gedacht: Warum publiziere ich es nicht einfach selbst?

LAOLA1: Ganz so einfach war es aber dann nicht?

Schuster: Als die erste Ausgabe fertig war, war ich froh, dass ich diesen ganzen organisatorischen Krimskrams überhaupt geschafft habe. Aber mittlerweile läuft es gut, ich kann mich auf die Feinheiten im Heft konzentrieren und es weiter zu verbessern.

LAOLA1: Und mittlerweile ist das „Trottoir“-Mag Kult, nicht nur in Österreich?

Schuster (lacht): Ja, manchmal frage ich mich wirklich: Wo hast du jetzt dieses Heft her? 2.500 Stück Auflage ist anständig, aber nicht riesig. Und dann sieht man jemand in Italien, der im Heft liest. Da gibt es also eine irrsinnige Streuung, was mich natürlich sehr freut.

LAOLA1: Wir danken für das Gespräch.

Das Interview führte Stephan Schwabl

LAOLA1: Inwieweit hat sich das Skateboarden durch das Internet verändert, Stichwort YouTube?

Schuster: Man sieht durch die Videos einfach, was geht, was möglich ist. Aber schlussendlich ist es so, dass du selbst mit dem Spot zurechtkommen musst. Ich bin der Meinung, dass zu jedem Street-Spot ganz bestimmte Tricks passen. Nicht alles geht überall. Eine kleine Bodenwelle reicht und der Trick ist vielleicht nicht mehr möglich.

LAOLA1: Wie würdest du deinen Style beschreiben?

Schuster: Im ständigen Wandel. Ich bin sicher technischer geworden in den letzten Jahren. Es hängt davon ab, welche Spots man skatet. Das verändert sich von Jahr zu Jahr und dadurch natürlich auch der Style. Oder durch eine Verletzung. Ich hatte vor zwei Jahren ein Problem mit dem rechten Knöchel und dadurch angefangen andere Tricks zu machen. Jetzt kann ich mehr Tricks switch als normal.

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