Der Meer-Versteher

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Der Meer-Versteher

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Kaum taucht er auf, bildet sich eine Menschentraube um ihn.

Kelly Slater zieht die Blicke auf sich, wie der Strand die Wellen.

In Zeiten wie diesen werden die Superlative Ikone, Lichtgestalt, Legende und Held medial fast schon inflationär verwendet.

Dieser Umstand macht es fast unmöglich, Slater entsprechend zu würdigen. Denn der Surfer ist all das und noch viel mehr.

Ein Star ohne Vorgänger

Der Superstar, der am Samstag seinen 40. Geburtstag feiert, kann sich getrost in eine Reihe mit Kalibern wie Michael Jordan, Lance Armstrong oder Tiger Woods stellen.

In gewisser Art und Weise überragt er all diese Größen sogar noch. Denn während es vor Jordan Wilt Chamberlain und Julius „Dr. J“ Erving, vor Armstrong Eddie Merckx und vor Woods Jack Nicklaus gab, hat Slater keinen Vorgänger, der ihm auch nur annähernd das Wasser reichen könnte.

Der US-Amerikaner ist der erste Held seit der Kommerzialisierung des Surf-Sports, zu der er nicht unerheblich beigetragen hat. Die Internet-Generation kennt nur ihn als Superstar, dominiert der Mann aus Florida die Szene doch schon über viele Jahre hinweg.

Wer von einem Surfer spricht, spricht von Kelly Slater. Der braungebrannte Ami mit den stahlblauen Augen gilt als Prototyp des Surfers. Dabei ist er das so überhaupt nicht. Teil der Szene war er nie so wirklich und ist er mittlerweile überhaupt nicht mehr.

Kein Partytiger

Im Alter von fünf Jahren stand der kleine Kelly erstmals auf dem Brett, das für ihn die Welt bedeutet. Am Strand der Third Street North in Cocoa Beach ritt er gemeinsam mit seinen zwei Brüdern die ersten Wellen. Schon rasch war klar, dass er ein Ausnahmetalent ist.

Doch Glück allein reicht nicht aus, um der Beste der Welt zu werden und es über so lange Zeit auch zu bleiben. Denn mittlerweile darf sich Slater nicht nur jüngster, sondern auch ältester Weltmeister aller Zeiten nennen. 2011 holte er den Titel mit 39 Jahren zum elften Mal.

Dass er in diesem Alter den Jüngeren immer noch eine Boardlänge voraus ist, hat seine Gründe. „Ich bin seither sehr leidenschaftlich, was Gesundheit angeht, ich weiß genau, was ich esse, ich nerve meine Freunde mit Mails voller Ernährungstipps, ich habe mich sehr viel mit solchen Themen beschäftigt“, nennt der passionierte Amateur-Golfer einen.

Zudem besteht das Training des 40-Jährigen schlicht und ergreifend aus Praxis. Slater sagt, er sei noch nie in einem Fitnessraum gewesen. Dennoch beneiden ihn Mitstreiter, die seine Söhne sein könnten, um seine körperliche Verfassung.

Kein Ende in Sicht?

Das Ende der Fahnenstange sieht er noch nicht erreicht: „Warum soll ich mit 50 nicht noch so fit sein, wie jetzt mit 40? Ich bin mir sehr sicher, dass ich das sein werde.“ Ob er deswegen auch im neuen Jahr auf Tour geht, ist aber noch unklar.

„Ich weiß es noch nicht“, antwortet Slater seit Jahren auf die Frage, ob er denn weitermache. Irgendwann wolle er mit seiner langjährigen Freundin ein normales Familienleben führen. Mit einem Haus am Meer, versteht sich. Denn das ständige Reisen sei er leid. Slater hat den Sand aller Herren Länder in den Taschen, schon jedes Flugzeug bestiegen, schon jedes Hotelzimmer gesehen.

Doch das Leben als Legende ist ihm keineswegs zu Kopf gestiegen. Wer Slater kennt, beschreibt ihn als ganz normalen Menschen ohne Allüren. Skandal-Geschichten sind ihm fremd.

Dennoch, oder vielleicht gerade deswegen, ist er einer der außergewöhnlichsten Sportler.


Harald Prantl

1992, im Alter von 20 Jahren, wurde der Frauenschwarm zum ersten Mal Weltmeister. Zu dieser Zeit benahmen sich die Surf-Granden noch wie Rockstars. Es galt ein Party-Image aufrecht zu erhalten, Alkohol und Drogen gab es wie Sand am Meer.

Slater lag mit ihnen so gar nicht auf einer Wellenlänge, ihm waren ihre Versuchungen fremd. Der Spitzensportler ist Anti-Alkoholiker, auch weil sein Vater trunksüchtig war, und alles andere, als ein Partytiger.

Ankunft in Hollywood

Dennoch war er es, der für die Schlagzeilen sorgte. Nicht zuletzt dank seines umtriebigen Managers Bryan Tayler. 1991 brachte ihn dieser bei den „50 schönsten Menschen der Welt“, die das „People“-Magazin jährlich kürt, unter.

Ein Jahr später fädelte er ein, dass sein Klient für eine Staffel der TV-Serie „Baywatch“ als Jimmy Slade vor den Kameras stand. Nun kannte ihn die halbe Welt. „Ich habe Baywatch gehasst, und ich hasse es immer noch. Ich habe diese ganze Künstlichkeit gehasst, und ich habe es gehasst, abhängig zu sein von einem Zeitplan, den andere erstellen“, fällt der Rückblick Jahre später alles andere als positiv aus.

Schlagartig war Slater in Hollywood angekommen. Affären mit Pamela Anderson, Gisele Bündchen und weiteren bildhübschen Frauen taten ihr Übriges. Wo auch immer der Beau auftauchte, war ihm ungeteilte Aufmerksamkeit gewiss.

Erfolg um Erfolg um Erfolg

Die Surf-Szene beobachtete diese Entwicklung argwöhnisch. Auch der sich so betont locker gebenden Strand-Community ist Neid offenbar nicht fremd. Doch Slater hatte stets ein schlagendes Argument parat: seine sportlichen Erfolge.

So manch anderem Talent mag der Ruhm zu Kopf gestiegen sein. Nicht so dem Musikliebhaber aus Florida, der am liebsten mit Eddie Vedder von „Pearl Jam“ jamt. Er heimste 1994, 1995, 1996, 1997 und 1998 weitere Weltmeistertitel ein.

Denn der Vater einer Tochter war immer von seinem Ehrgeiz getrieben. In der High School schrieb er Bestnoten. Wenn ein Konkurrent auf dem Board einen spektakulären Trick vollführte, gab er nicht auf, ehe er ihn zumindest genauso gut konnte.

Überraschender Rücktritt

Und plötzlich war Schluss. 1998 verkündete Slater überraschend seinen Rücktritt. Sein Ehrgeiz würde ihn auffressen, begründete er seine Entscheidung. Auf der Suche nach innerer Ruhe beschäftigte sich der Superstar mit Buddhismus und Spiritualität. Zudem verstarb sein Vater, zu dem er ursprünglich den Kontakt abgebrochen hatte. Nachdem er aber von dessen Krebserkrankung erfuhr, kümmerte er sich fast ununterbrochen um ihn.

„Ich habe dadurch viel über mich selbst erfahren“, sagt der Wellenreiter. Auch, dass die Surf-Bewerbe in seinem Leben immer noch eine wichtige Rolle spielen. Denn nach dem Tod seines Vaters kehrte er 2002 auf die Tour zurück. Nicht zuletzt sorgte der mittlerweile verstorbene Andy Irons, der damalige Dominator, für den nötigen Anreiz. Slater wollte beweisen, dass er immer noch der Beste ist.

Wenngleich er einen Sinneswandel eingesteht: „Ich bin ruhiger geworden, gelassener. Vor zehn Jahren war ich viel verbissener, viel mehr auf den Wettkampf fixiert, auf das Gewinnen, ich war sehr viel aggressiver. Jetzt ist der Wettkampf nicht mehr so wichtig für mich.“

Zeiten ändern dich

Doch die Rückkehr gestaltete sich zunächst schwierig. Das Quiksilver-Aushängeschild benötigte etwas Zeit, um wieder zu alter Form zu finden. 2005 bestieg er den Thron wieder, wurde zum siebten Mal Weltmeister.

Auch als sich in den Jahren darauf der Stil änderte, gelang es dem US-Amerikaner stets, sich den neuen Gegebenheiten anzupassen. Waren Airs zu seiner Anfangszeit noch kein großes Thema, sind sie mittlerweile überaus wichtig, um Erfolg zu haben. Slater hat die Umstellung geschafft, ist ein flexibler Alleskönner.

Der Meer-Versteher

Zudem hat er eine Gabe. Er versteht das Meer. Oder wie seine Konkurrenten immer wieder sagen: Kelly Slater hat einen Vertrag mit dem Ozean. „Ich weiß nicht, wie viel die anderen Surfer davon verstehen, aber ich habe tatsächlich das Gefühl, das Meer zu verstehen.“

„Wenn ich nahe am Strand bin, dort, wo die Wellen brechen, dann habe ich das Gefühl, das alles schon einmal gesehen zu haben, das Gefühl zu verstehen, was eine Welle macht und welche Auswirkungen das auf die nächste Welle hat und auf die übernächste, dass ich weiß, was in den nächsten Minuten passiert“, sagt er.

Die goldene Regel: Wenn alles darauf hindeutet, dass Slater einen Bewerb nicht gewinnt, erwischt er kurz vor Schluss doch noch eine ideale Welle, um die benötigten Punkte zu sammeln.

Sein Bruder Sean beschrieb es einmal so: „Es kann ein Lauf sein, in dem er 9,2 Punkte zum Sieg benötigt und die Wellen sind total flach. Aber dann, aus dem Nichts, schwimmt ein Wal vorbei und macht die perfekte Welle. Und er macht eine perfekte 10. So war es immer schon.“

Der Gesundheitsfreak

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