"Anti-Doping-Institute sind Teil des Systems"

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Der schnellste Mann Österreichs, Olympia-Medaillengewinner und Europameister, wird des Dopings überführt. Dann stürzt er aus dem Fenster eines Wohnhauses – oder wird er hinausgestoßen?

Mit „Wiener Wunder“ legt Franzobel seinen ersten Krimi vor.

Dabei nimmt der Autor, der mit bürgerlichen Namen Franz Stefan Griebl heißt, vor allem die Verlogenheit der Gesellschaft im Umgang mit Doping aufs Korn. Die gesamte Sport-Szene bekommt ihr Fett ab: Vom korrupten Doping-Jäger über den schmierigen Journalisten bis zum hinterlistigen Manager.

LAOLA1 hat sich mit dem Schriftsteller getroffen, um mit ihm über das brisante Thema Doping zu sprechen.

LAOLA1: Wie ist es zu deinem Buch gekommen?

Franzobel: Ein Leistungssportler, der anonym bleiben will, ist auf mich zugekommen. Er meinte, dass er viel über Doping weiß; traut sich aber nicht selbst, die Dinge offen zu legen. Deswegen schlug er mir vor, einen Roman darüber zu schreiben. Viele der Details im Buch stammen von meinem Informanten, so zum Beispiel der Urin-Austausch mit einem Katheter, um eine positive Doping-Probe zu vertuschen.

LAOLA1: Kannst du uns sagen, aus welcher Sportart dein Informant stammt?

Franzobel: (überlegt) Sagen wir so: Er kommt aus der Leichtathletik.

LAOLA1: Interessant. Schließlich spielt auch die Geschichte des Buches im Milieu der Leichtathletik. Warum ist deine Leiche ausgerechnet ein 400-m-Läufer?

Franzobel: Wahrscheinlich weil es in Österreich keinen bekannten Athleten über diese Distanz gibt (lacht). Das sind Entscheidungen, die man im Zuge des Schreibprozesses irgendwann treffen muss. Es war aber natürlich auch mitentscheidend, dass der Informant aus diesem Bereich stammt.

LAOLA1: Wie realitätsnah sind die Praktiken, die du in deinem Buch beschreibst? Werden von den Anti-Doping-Instituten tatsächlich positive Proben unter den Tisch gekehrt?

Franzobel: Laut meinem Informanten schon. Teilweise haben die Anti-Doping-Institute eine sehr zwielichtige Rolle, da sie Teil des Systems sind. Es gibt natürlich immer wieder Einzelfälle, die aufgedeckt werden, aber du kannst nicht das ganze Doping abschaffen, weil du damit auch die Institute abschaffen würdest.

LAOLA1: Hast du vor, dich noch in weiteren Büchern mit der Doping-Problematik zu beschäftigen?

Franzobel: Literarisch ist dieser Stoff aufgebraucht. Mich würde aber noch die Wettmafia als Thema interessieren. Das ist sicher reizvoll, weil diesbezüglich in Österreich viel passiert ist. Aber grundsätzlich gibt es da vorher noch einige andere Projekte.

LAOLA1: Wie bist du eigentlich auf den Namen Franzobel gekommen?

Franzobel: Es gibt diese schöne Legende vom Fußballspiel zwischen Frankreich und Belgien, bei dem es 2:0 stand (Anmerkung: FRAN 2:0 BEL). Aber im Prinzip war es ein Studentenjux. Ein Freund von mir hat bei einer Performance die Namen aller Mitwirkenden verballhornt. Mich hat er Franzobel genannt. Diesen Namen habe ich übernommen, weil ich damals gerade begonnen habe zu schreiben, anstatt zu malen. So ist das Ganze entstanden.

 

Das Interview führten Christoph Kristandl und Jakob Faber

LAOLA1: Du erhebst in deinem Buch gewissermaßen einen Generalverdacht gegen die gesamte Sport-Szene. Ist es nicht problematisch, alle Akteure in einen Topf zu werfen?

Franzobel: Ich habe schon den Eindruck, dass viele Verbände davon betroffen sind. Ich glaube, dass jeder Ausdauersport prinzipiell unter Dopingverdacht steht. Auch die Kraftsportarten sind sehr gefährdet. Generell ist im Sport so dermaßen viel Geld im Spiel, dass man wahrscheinlich alles unternimmt, um die beste Leistung zu bringen. Die Sportler verurteile ich deswegen nicht. Ganz im Gegenteil: Ich finde, sie sind die Opfer dieses Systems. Wenn du dein Leben dem Leistungssport opferst, dann tust du eben alles, damit du nicht im hinteren Mittelfeld klassiert bist. Die Leistungen sind trotzdem super. Ich könnte kiloweise das Zeug schlucken und es hätte keinen Sinn.

LAOLA1: Du hast soeben gesagt, dass die Sportler für dich Opfer sind. Wer sind dann die Schuldigen?

Franzobel: Schuld ist diese Art von System, alles in den Himmel zu hypen. Grundsätzlich reden alle davon, dass es eigentlich unmöglich ist, solche Leistungen zu erbringen. Kommt aber doch einer aus dem eigenen Land, dem solch ein Aufstieg gelingt, dann ist er plötzlich das Jahrhunderttalent. Das hat man bei Bernhard Kohl gesehen. Alle haben ihm zugejubelt. Im Moment des Erfolges fiebert man selbst mit, als Fan findet man es geil, aber unter dem Gesichtspunkt des Dopings relativiert sich alles.

LAOLA1: Das heißt, du kritisierst diese Doppelmoral: Zuerst ist jemand der Held, dann der Bösewicht.

Franzobel: Ich glaube schon, dass die gesellschaftliche Moral hier eine Rolle spielt. Man betrügt so lange es geht und versucht im Falle der positiven Probe Ausreden wie Nahrungsergänzungsmittel zu finden. Gleichzeitig werden die sogenannten „Doping-Sünder“ wie Schwerverberecher hingestellt, meistens dazu noch von Sportlern, die Jahre später selbst erwischt werden. Es gibt also schon eine sehr große Scheinheiligkeit. Es sind keinesfalls Einzelne, die schuldig sind – weder Dopingdealer noch Sportler oder Trainer. So lange der Erfolg da ist, nimmt man alles in Kauf. Es ist schon ein sehr eigenartiges System, das Doping fördert.

LAOLA1: Wenn wir hier von einem „System“ sprechen, wer sind die kollektiven Mächte hinter diesem System?

Franzobel: Natürlich ist die Werbewirtschaft an Erfolgen interessiert. Ein nicht erfolgreicher Sportler ist uninteressant. Ich fand beim Fall Armstrong bemerkenswert, dass einige der UCI-Verantwortlichen daran interessiert waren, die positiven Proben zu vertuschen, um nicht dem Radsport zu schaden. Aus deren Sicht ist diese Vorgangsweise absolut verständlich.

LAOLA1: Gibt es einen alternativen Weg, wie man diese Doppelmoral aufbrechen könnte?

Franzobel: Eine Möglichkeit wäre, Doping zu legalisieren. Aber dann würde es Leute geben, die auch das legale Doping übertreiben. Die Situation lässt sich also wahrscheinlich nicht ändern. Die Scheinheiligkeit wird sich nicht umgehen lassen. Mir fällt keine Lösung ein.

LAOLA1: Sollten wir Fans aus dieser Scheinheiligkeit irgendwelche Konsequenzen ziehen?

Franzobel: Interessanterweise ist mir das als Fan ziemlich wurscht. Wenn ich mir Leichtathletik anschaue oder was auch immer für einen Sport, dann kann es sein, dass die Athleten danach disqualifiziert werden. Aber das ist mir egal. In diesem Moment geht es darum, sich mit den Sportlern zu identifizieren und beim Wettkampf mitzufiebern. Das ist wie beim Wrestling. Dort weiß man auch, dass vieles abgesprochen ist. Trotzdem funktioniert es.

LAOLA1: Dennoch sind viele Fans enttäuscht oder gar wütend, wenn ein Sportler des Dopings überführt wird.

Franzobel: Diese Aufregung wird auch von den Medien gemacht. Doping-Sünder werden als Verbrecher hingestellt und mit Gefängnis bedroht. Gleichzeitig sind ihre Namen öffentlich bekannt. Das Problem ist auch, dass die Betrogenen – also die sauberen Athleten – nichts von diesen Verurteilungen haben. Bei Tour de France 2001 war der erste saubere Fahrer vielleicht erst auf Platz 54, davon kann sich derjenige jetzt aber nichts mehr kaufen.

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