Wenn Schmetterlinge kotzen

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Jolanta Ogar: Vom Schmetterling zum "Kotzbrocken"

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Hans-Peter Steinacher, Niko Resch, Carolina Flatscher.

Sie alle sind oder waren Vorschoter.

Doch was macht so ein Vorschoter überhaupt? Wir fragen bei Jolanta Ogar nach. Die 32-Jährige muss es wissen, schließlich holte sie erst kürzlich gemeinsam mit Lara Vadlau den Weltmeister-Titel im 470er-Segeln. Als Vorschoterin versteht sich.

„Wenn Lara der Kopf ist, bin ich der Nacken“, versucht es die gebürtige Polin zunächst mit der metaphorischen Variante. Eine schöne Beschreibung für die Segel-Affinen, aber unzureichend für all jene, deren Segel-Erfahrungen sich auf das Beobachten der Plastik-Palme der aufblasbaren „Pool-Insel“ beschränken.

Letztlich bezeichnet Vorschoterin die Vorderfrau der im Heck sitzenden Steuerfrau, die das Vorsegel sowie den Spinnaker – ein besonders großes Segel – setzt. „Wenn ich in der Auslage hänge und mit dem Körper zu pumpen beginne, mache ich das Boot schneller. Außerdem sage ich Lara, was sie von hinten nicht so gut sehen kann. Ich bin quasi der Motor und die Augen des Bootes“, zeichnet Ogar ein weiteres Bild mit Worten. Diesmal jedoch ein wenig genauer.

Am heutigen Donnerstag könnte sie mit Vadlau als Österreichs Sport-Team des Jahres ausgzeichnet werden. Dabei ist sie gerade erst einmal 149 Tage lang Österreicherin.

Polnischer "Schmetter-ling"

Dass Ogar heute in Österreich sitzt und als Vadlaus Vorschoterin Interviews gibt, ist eine recht eigenwillige Geschichte. Denn obwohl sie nun zwar Weltmeisterin ist, hat sie in einer anderen Sportart bereits viel mehr Geld verdient, als sie es mit Segeln womöglich je tun kann.

Ogar spielte nämlich lange Jahre Volleyball – und das sogar ziemlich gut. Genauer gesagt reichten ihr Können und Talent sogar für die erste polnische Liga. Während Damen-Volleyball in unseren Breiten unter der öffentlichen Wahrnehmungsgrenze läuft, ist es in Polen eine große Nummer. Nein, eine RICHTIG große Nummer sogar.

Das Eröffnungsspiel der jüngst in Polen ausgetragenen Herren-WM verfolgten im Fußball-Stadion von Warschau beachtliche 62.000 Zuschauer. Dass die Gastgeber am Ende über den zweiten Titel nach 40 Jahren jubeln durften, setzte der dortigen Begeisterung freilich die Krone auf und lässt Ogars Augen bei der bloßen Erwähnung funkeln.

Sie selbst spielte bei Krakau auf der Position der linken Angreiferin. „Ich habe richtig gutes Geld verdient“, nickt sie lächelnd. Doch warum dieser lukrativen Gelegenheit, bei der sie offenbar ihr Hobby zum Beruf gemacht hat, den Rücken kehren? „Weil ich finde, dass es im Leben in erster Linie nicht um das Geld gehen sollte.“

Perfekt – nicht ganz

Jolanta Ogar versucht in der Auslage des 470ers Tempo zu machen

Auf die Idee, sich in ein Segelboot zu setzen, war sie nicht alleine gekommen. Schuld war ein Arzt. Einen medizinischen Check absolvierte sie einst zufällig beim Team-Doktor des polnischen Segel-Verbands. Dieser war der Meinung, dass Ogars körperliche Voraussetzungen für den windigen Bootssport perfekt wären.

Der Mediziner hielt mit seinen Ansichten nicht hinterm Berg. Seinem Werben konnte die Volleyballerin zunächst nichts abgewinnen, erst nach und nach ließ sie sich dann aber doch überreden.

Was sind diese ach so guten Voraussetzungen, die der Arzt ausgemacht hat? „Ich glaube, weil ich groß, aber nicht zu groß, athletisch und recht dünn bin“, meint die 1,80m große Dame, die allerdings einen großen Nachteil mit sich bringt. Einen, den auch der Arzt nicht erkennen konnte. Denn so sehr ihre Körpermaße auch für den Segel-Sport geeignet sein mögen, ihr Verdauungssystem ist es definitiv nicht. Ogar leidet an Seekrankheit.

„Ich glaube, dass ich die einzige Vorschoterin im Weltcup-Zirkus bin, die mit diesem Problem zu kämpfen hat.“ Mit Tabletten bekam sie es in den Griff.

Ein Test mit einem anderen Präparat ging zuletzt in die Hose, Ogar musste sich während eines Rennens immerzu übergeben. Sogar ihre Steuerfrau ist davon nicht verschont geblieben. Ogar: „Auch über die Jahre hat sich mein Körper daran nie gewöhnen können.“

Einprägsamer erster Eindruck

An der Seite ihrer polnischen Lands- und Steuerfrau Agnieszka Skrzypulec startete sie in die 470er-Regatten, ehe sich 2011 die Wege von Ogar und Vadlau erstmals kreuzten – und zwar recht unsanft.

„Dieses kleine Arschloch, war mein erster Gedanke über Lara“, lacht Ogar und spielt auf ein zu grobes Manöver ihrer nunmehrigen Steuerfrau an. Das polnische Boot legte infolge Protest ein und bekam Recht, weshalb die damals noch mit Maria Schimak zusammengespannte Vadlau aus dem Bewerb flog.

Kein guter Start der späteren Weltmeister-Crew. Die Wogen glätteten sich jedoch rasch. Bei gemeinsamen Trainingsfahrten wurde Freundschaft geschlossen und die Idee, miteinander zu segeln, geboren.

No risk, no citizenship

Ogar und Steuerfrau Vadlau

Eine Polin mit einer Österreicherin in einem Boot – eine vollkommen verrückte Idee. Das befanden zumindest alle Leute im Umfeld der beiden. Die Dickköpfigkeit – oder anders formuliert: die Meinungsstabilität – des Duos sorgte aber für ein allmähliches Umdenken bei den Entscheidungsträgern.

Im Juni dieses Jahres wurde mit der Einbürgerung durch den Ministerrat auch die letzte große Hürde genommen.

Die Brücken in der Heimat abzubrechen, war für Ogar aber freilich ein riskantes Spiel, in dem es bei einem vorzeitigen Scheitern kein Zurück mehr gegeben hätte. Doch wusste sie überhaupt, dass der österreichische Ministerrat seit 2011 keine Promi-Einbürgerungen, unter welche auch Sportler fallen, mehr vorgenommen hatte? „Ja, ich hatte davon gehört.“ Abbringen von ihrer Idee konnte sie aber selbst das nicht. „Ich mag es, etwas zu riskieren, die Herausforderung zu suchen.“

Das Verhältnis zum polnischen Segel-Verband sei zunächst angespannt gewesen, hätte sich mittlerweile aber wieder normalisiert.

Deutsche Töne unterm Zuckerhut

Ogar ist mittlerweile nach Maria Rain in Kärnten gezogen. Ihre neue Heimat gefällt ihr gut, auch wenn sie wenig Zeit hat, diese zu genießen, schließlich ist sie mit dem Segler-Tross rund 280 Tage pro Jahr unterwegs.

Dementsprechend schleppend laufen auch ihre Bemühungen, Deutsch zu lernen. Am geläufigsten sind ihr bereits die Schimpfwörter, die sie bei der täglichen Arbeit am Boot aufschnappt. „Lara ist keine gute Lehrerin“, schmunzelt Ogar. „Sie versucht zwar, mit mir Deutsch zu sprechen, fällt dann aber doch immer wieder ins Englische.“

Neben der Olympia-Medaille hat sich Ogar deshalb für Rio 2016 ein weiteres Ziel gesetzt: „Die Interviews in Deutsch zu geben.“

Reinhold Pühringer

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