"Uns steht das Wasser bis zum Hals"

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Wasserspringerin Veronika Kratochwil hat genug von den miesen Trainingsbedingungen in Wien. In einem offenen Brief wendet sie sich an die Medien und legt den Finger in die Wunde:

 

Zielspringen statt Wasserspringen

Am Mittwoch hat Constantin Blaha bei der EM in Rostock den starken 4. Platz geholt. Das beste Ergebnis seiner Karriere hat er einem Umstand zu verdanken: er hat die letzten Jahre nicht in Wien trainiert. Hätte er das getan, hätte er Ziel- statt Wasserspringen gelernt. Tausende Badegäste, die nicht daran interessiert sind, den abgesperrten Bereich auch tatsächlich den Trainierenden zu überlassen, prägen den Trainingsalltag der Wasserspringer.

Mehr noch: das Wassersprungbecken wird regelrecht gestürmt. Die extrem unterbesetzte Bademeisterriege ist damit beschäftigt, das Geschehen in anderen Becken zu beobachten, während die Securities, welche seit einer Eskalation im Sommer 2011 im Bad stationiert sind, Streitereien bzw. auch Prügeleien aufmüpfiger Jugendlicher schlichten.

Bei den aktuellen Temperaturen ist es mehr als verständlich, dass sich die tausenden zahlenden Badegäste darüber beschweren, weder das Schwimmbecken (einige Bahnen sind für die Schwimmvereine gesperrt), noch das Wasserballbecken (wird nachmittags für die Wasserballvereine gesperrt), geschweige denn das Sprungbecken vollends benutzen zu dürfen.

Kinder werden ins Becken gestoßen!

Die Badegäste haben eine eigene Taktik entwickelt: man ignoriert sämtliche Vorschriften und stürmt die Becken. Gerade erst am Sonntag wurde bei einer Trainingseinheit das Sprungbecken im Kollektiv gestürmt. Als Trainerin sah ich mich gezwungen, das Training abzubrechen, da die Kinder (im Alter von 6-10 Jahren) von den Brettern geschubst und Auseinandersetzungen am Beckenrand ausgetragen wurden.

Blaha machte den Salto rückwärts

Blaha, der die vergangenen Jahre in den USA trainiert und studiert hat, wollte diesen Sommer eigentlich nach Österreich zurückkehren und das Training wieder aufnehmen. Doch schon nach der ersten Trainingseinheit nahm er wieder Kontakt zu seinem Trainer in den USA auf und vereinbarte, dass er ab Herbst zumindest teilweise das Training dort wieder aufnehmen darf. Er sah sich aufgrund der aktuellen Lage gezwungen, seine Pläne über Bord zu werfen, um weiterhin mit der Weltklasse mithalten zu können.

In Rio 2016 sollen wieder Medaillen her?

Sophie Somloi, amtierende Jugendeuropameisterin vom 3m-Brett sowie Wiens Sportlerin des Jahres 2012, hätte das Potential, eben diese für Österreich zu holen. Doch wie?

In der Wintersaison trainiert sie im Ottakringerbad. Ein kleines Sprungbecken steht nur stundenweise zur Verfügung (wenn die Bretter nicht gerade mit sämtlichen Schulklassen geteilt werden müssen). Aufgewärmt wird in zwei Baustellencontainern, in denen es im Winter zehn Grad kalt ist, weil man über Nacht die Heizung wieder einmal abgedreht hat – man müsse ja Strom sparen!

Wenn es regnet, muss sie zum Aufwärmtraining in den nassen Badebereich ausweichen, da die Container nicht dicht sind und man Kübel aufstellen muss, um das reintropfende Wasser abzufangen.

Sind das die Bedingungen, die Österreichs Top-Athleten geboten werden, um in drei Jahren in Rio eine Medaille zu holen? JA! – das sind sie! Aber an diese Bedingungen wird der Sportminister sicher nicht denken, wenn er sich unter dem Zuckerhut vor die Fernsehkameras stellt, um von den Olympia-Touristen zu sprechen.

Wobei: es schein mit dem neuen Sportminister Gerald Klug eine neue Ära hereingebrochen zu sein. Bisher zeigt dieser sich, im Gegensatz zu seinem Vorgänger, ungewöhnlich engagiert und ambitioniert. Es wurden bereits Gespräche mit den wichtigsten Personen im Sport, den Athleten selbst, geführt. Bleibt zu hoffen, dass das Engagement sowie der Wille zur Veränderung auch nach der Wahl im Oktober im Sportministerium erhalten bleiben.

Wie in der sogenannten „Sportstadt Wien“ alles begann...

Bekanntlich wurden die Wasserspringer im Mai 2010 ihrer Trainingsstätte, dem Stadthallenbad, beraubt. Erfahren haben sie davon im Februar 2010, drei Monate (!) davor, via Medien. Die Stadthalle werde renoviert und stehe 18 Monate später (ab September 2011) wieder bereit, hieß es damals.

Als Ausweichmöglichkeit wurde das Amalienbad (man musste erst mal Monate auf trainingstaugliche Sprungbretter warten, ehe das erste Training stattfinden konnte) sowie das Ottakringerbad geboten. Nicht bedacht hatte man dabei, die geringe Wassertiefe dort (das Sprungbecken ist nur 3,60m tief ) sowie ein Betonkonstrukt unter dem 3m-Brett, was einen Sprung aus dem Anlauf beinahe unmöglich macht.

Dann kam der September 2011, und 2012 und bald auch 2013...

Die Stadthalle ist nach wie vor weit davon entfernt, in Betrieb genommen zu werden. Die Verzweiflung darüber ist den Trainern sowie Aktiven tagtäglich anzusehen. Der zuständige Fachverband (OSV) sieht sich leider bis heute nicht in der Position, seine Athleten darüber zu informieren, wann die Haupttrainingsstätte wieder aufmache bzw. in einem persönlichen Gespräch mit den Athleten und deren Trainern über die Möglichkeiten der Überbrückung zu sprechen und zu diskutieren.

Was die Wasserspringer nach dem abermaligen „Becken-Sturm“ vom Dienstag wissen: das Stadionbad ist als Trainingsstätte weder akzeptabel noch zumutbar!

Ich werde als ehemalige Wasserspringerin und Trainingskollegin von Sophie Somloi aufgrund aktuellen Trainermangels das WM-Vorbereitungstraining für Sophie in der ersten Juli Woche übernehmen.

Doch wie kann man sich für eine WM vorbereiten, wenn man nicht einmal ein Training in angemessenem Rahmen absolvieren kann und bei jedem Sprung Angst hat, hineingestoßen zu werden?

Oder man macht das zu einer neuen Sportart. Dann kann man bei der „Sport?Stadt Wien“ das Fragezeichen wieder wegstreichen.


Veronika Kratochwil

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