Emanzipation einmal anders

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Sport ist männlich.

Das war schon bei den nackt laufenden und raufenden Griechen so und wird auch immer so sein. So zumindest die vorwiegend männliche Sicht der Dinge.

Die Realität ist freilich um einiges differenzierter. Zumal seit den besagten Hellenen doch schon das eine oder andere Jahrtausend samt einhergehenden Veränderungen der geschlechtlichen Rollenbilder ins Land gezogen sind.

Aber Fußballerinnen, die ihre WM trotz Protesten auf Kunstrasen spielen müssen, Tennis-Spielerinnen, die sich in Wimbledon über mangelnde Präsenz am Centre-Court mokieren oder nicht zuletzt die Klickzahlen der LAOLA1-Diashows von ÖSV-Rennläuferinnen bei deren Sommer-Trainings zeigen uns nach wie vor, dass die diesem Artikel vorangestellte Prämisse nach wie vor eine gewisse Gültigkeit besitzt. Auch wenn die Männer-Bastion bröckelt.

Vor diesem Hintergrund ist es umso erstaunlicher, was dieser Tage bei den Schwimm-Weltmeisterschaften in Kazan geschieht. Erstmals in der Geschichte dürfen männliche Synchronschwimmer an globalen Langbahn-Wettkämpfen teilnehmen. Wenngleich auch nur im Mixed-Duett mit einer Dame an ihrer Seite, darf – wenn man so will – von „Emanzipation anders herum“ gesprochen werden.

Als berühmtester unter ihnen gilt Bill May (im Titelfoto links). Der US-Amerikaner gewann 1998 die nationale Meisterschaft im Duett. Starts bei Panamerikanischen sowie Olympischen Spielen blieben ihm zu seinem Leidwesen jedoch verwehrt. Seiner Passion blieb er dennoch treu. Seither schwimmt er Shows im Cirque du Soleil und in Las Vegas. „Obwohl er mittlerweile weit über dem Wettkampf-Alter ist, wird er in Kazan an den Start gehen“, spricht Österreichs Solo-Hoffnung Nadine Brandl von einer lebenden Legende.

Generell werde die Mixed-Premiere Kazan zu einem Schauschwimmen von Allzeit-Größen. Viele bereits zurückgetretene Ikonen – wie etwa die 16-fache russische Weltmeisterin Natalia Ishchenko, die nach einer Babypause ein Comeback gibt – werfen sich für den Einstand des anderen Geschlechts noch einmal in den Badeanzug und die Fluten.

„Das Starterfeld ist unglaublich! Das ist die Creme de la Creme der letzten zehn Jahre“, jubiliert Brandl, für die es ihre letzte WM ist. Schon die ersten Trainings im WM-Pool sind ungewohnt. "Man sollte ja meinen, dass man sich öfter nach Frauen umdreht, aber während der Einheiten schaut hier jeder den Männern hinterher", berichtet Brandl von den zehn Männern, die zahlenmäßig auf eine Vielzahl von Damen kommt. "In der Disco würde wohl jeder 16-Jährige von seiner Quote träumen", lacht Österreichs Aushängeschild.

Noch kein Nix

Eine Rückkehr für ein Mixed-Duett würde auch die Wienerin aus heutiger Sicht reizen. „Allerdings müssten wir dafür in Österreich erst die dafür notwendigen Synchron-Schwimmer züchten.“ Denn hierzulande gibt es keinen Nix, was die männliche Form von Nixe ist. Also keinen männlichen Athleten, der diese Sportart ausübt.

Auch jenseits des Schnitzel-Äquators sind die „Wassermänner“ derartig rar gesät, dass renommierte Zeitungen wie „Die Zeit“ (dem Deutschen Niklas Stoepel) oder die „Gazzetta dello Sport“ (dem Italiener Giorgio Minisini) den Ausnahme-Erscheinungen aufgrund ihrer Besonderheit sogar formatfüllende Artikel widmen. Allerdings nur einmalig versteht sich.

Legendäre Angelegenheit

Der Altherren-Verein namens Internationales Olympische Komitee (IOC), welcher sich anfangs gegen Frauen gesträubt hatte, hat die Gleichberechtigung mittlerweile so weit vorangetrieben, dass es bei Olympischen Spielen keine Sportart mehr gibt, bei denen es keine Damen-Bewerbe gibt. Einzige Ausnahme bildet die Nordische Kombination, was aber weniger an der Bereitschaft der Verantwortlichen, als vielmehr am Mangel an Athletinnen liegt.

Im umgekehrten Fall gibt es mit Synchronschwimmen und der Rhythmischen Gymnastik sogar zwei Sportarten, in denen es bei der Jagd nach Olympischen Ehren „Ladies only“ heißt. Obgleich die Gründe dafür womöglich jenen der Nordischen Kombi ähneln, gibt es insbesondere unter den Synchron-Schwimmern bereits seit Jahren Männer, die sich für eine Teilnahme an internationalen Wettkämpfen stark machen.

Anpassung bis zu einem gewissen Grad

Sportsoziologe Otmar Weiß

Sportsoziologe Otmar Weiß zeigt von der Emanzipation der Männer und der einhergehenden Öffnung der Sportart nicht überrascht.

„Es geschieht hier nichts Ungewöhnliches, weil die Anpassung der Geschlechter aneinander ständig voranschreitet“, erklärt der Wiener im Gespräch mit LAOLA1. Eine Anpassung, die in beide Richtungen erfolge. In der Soziologie gelte Sport als Spiegelbild einer Gesellschaft. Ein Wertewandel, der in anderen Bereichen vollzogen werde, halte nun auch im Sport Einzug.

„Die Identität des Mannes ist im Wandel begriffen. Das manifestiert sich in der Ausübung dieser Sportart“, führt Weiß aus. Da gerade der Sport ein günstiges Terrain biete, die besagte neue Identität zu festigen, ortet der Wissenschaftler in der Nische männlicher Synchronschwimmer Wachstums-Potenzial.

Dass diese Entwicklungen auf eine in einer fernen Zukunft liegenden totalen Gleichstellung im Sport hinauslaufe, hält Weiß jedoch für unrealistisch. „Einfach deshalb, weil beide Geschlechter ihre genetisch bedingten Besonderheiten haben. Wenn eine Frau Tennis spielt, wird sie es in gewisser Weise anders als ein Mann tun.“ Männer und Frauen können demnach zwar die gleichen Sportarten praktizieren, doch halt mit den kleinen, aber feinen Unterschieden.

„Im Synchronschwimmen wird das nichts anderes sein“, schlägt Weiß in die gleiche Kerbe wie schon zuvor italienische Synchronschwimmerinnen. Nachdem diese bei ihrem neuen Konkurrenten Minisini kräftemäßige Vorteile ausgemacht hatten, wurden erste Rufe nach einer Geschlechter-Trennung laut.

Das Rollen-Verständnis eines Japaners

In Österreich gibt keinerlei Männer in der Rhythmischen Gymnastik

Bislang noch völlig unangetastet bei der männlichen Suche nach Identität scheint die Rhythmische Gymnastik geblieben zu sein. Zwar gibt es vonseiten der Akrobatik-Sparte einen Mixed-Bewerb, der zuletzt bereits Eingang in die Europaspiele in Baku fand, jedoch entstammt dieser nicht der Rhythmischen Gymnastik an sich.

Das elegante Spiel zur Musik mit Keulen, Band, Ring oder Ball existiert aber dennoch in männlicher Ausführung. Allerdings beschränke sich dies laut Auskunft des österreichischen Fachverbandes für Turnen auf ein japanisches Phänomen. International gibt es keinerlei Wettkämpfe, lediglich vereinzelte Demonstrations-Shows.

Unübersehbar ist freilich, dass die Sportarten, welche die Weiblichkeit mehr oder weniger exklusiv gepachtet haben, eines gemeinsam haben: Bei ihnen tritt der typisch maskuline „Schwanzvergleich“ vom höher, schneller, länger zugunsten von Aspekten wie Anmut und Schönheit der Bewegung in den Hintergrund. Doch wie die jüngsten, beiderseitigen emanzipatorischen Entwicklungen verdeutlichen, sind dies ebenfalls bloß Werte-Zuschreibungen, die nach und nach aufbrechen.

Dass jene Synchron-Schwimmer, die ab Samstag erstmals in den WM-Pool hüpfen, beim gemeinen Sport-Fan mitunter auf Inakzeptanz stoßen werden, liegt in der Natur eines Tabu-Bruchs (Russlands Sportminister kritisiert Zulassung von Männern). Ihre Auftritte werden wahrscheinlich als ähnlich unpassend oder unnatürlich angesehen werden, wie es einst jene der ersten Läuferinnen oder Schwimmerinnen vor knapp 100 Jahren waren. Vorurteile, mit denen Frauen längst aufgeräumt haben, in anderen Sportarten – Stichwort: Gewichtheben – aber noch immer zu kämpfen haben.

Der Wandel der Rollenbilder vollzieht sich eben nur langsam – und nimmt dabei oft überraschende Wendungen: So war Synchronschwimmen in seinen Anfängen am Ende 19. Jahrhunderts eine rein von Männern ausgeübte Sportart. In einer Zeit, als es noch als „Reigenschwimmen“ hieß.

Und in einer Zeit, in der Sport männlich war.

 

Reinhold Pühringer

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