Der Schwimm-Krieg und seine Fronten

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Seit der olympischen Nullnummer London hat der heimische Sommersport vieles an Kritik abbekommen. Doch nirgends gingen die Wochen so hoch wie im Schwimm-Lager.

Nicht enden wollende Kritik von Dinko Jukic, Reißaus nehmende Athleten, unterentwickelte Infrastruktur, Gerichts-Prozesse am laufenden Band, ausbleibende Resultate und mittendrin mit Christian Meidlinger ein Verbands-Präsident, dem wahrscheinlich jetzt erst richtig klar wird, welch schweres Erbe er von Paul Schauer übernommen hat.

Der ausufernde „Schwimm-Krieg“ scheint immer neue Schauplätze zu bekommen. LAOLA1 gibt einen Überblick über die wichtigsten Fronten, an denen der Schwimm-Verband derzeit steht:

 

Obwohl der 24-Jährige derzeit irgendwo in der Weltgeschichte herumgondelt, ist er das mit Abstand hitzigste Thema im heimischen Schwimm-Sport. Jukic, der schon Schauer mit einer Rücktrittsdrohung in die Knie zwang, wurde mit dessen Nachfolger nie richtig warm. „Das Problem ist, schon als Meidlinger Wiener Landesverbandspräsident war, habe ich gemerkt, dass er diese typische politische Einstellung hat“, poltert Jukic im Interview und wirft dem OSV-Oberhaupt aufgrund des HSZ-Grundwehrdienstes dessen Sohnes Dominic ein persönliches Interesse am Präsidenten-Amt vor. „Das lasse ich mir nicht gefallen“, ist Meidlinger erzürnt und prüft nun Klageschritte wegen Rufmords. Den Schwimmer scheint das kalt zu lassen: „Schlussendlich sehen wir, dass vor einem ordnungsgemäß zusammengesetzten Gericht, der OSV jeden Gerichtsfall verliert. Hier wird es nicht anders sein.“

Jukic, der von ungeheuerlichen Erlebnissen mit Funktionären berichtet, wirft dem OSV-Vorstand unter anderem mangelnde Transparenz, Inkompetenz, Willkür und Missbrauch von Ehrenämtern vor. Er fordert Rücktritte. Allen voran jenen von Meidlinger, der wiederum mit Unverständnis reagiert. „Die Frage, die ich mir immer stelle: Ich weiß bis heute nicht, was er eigentlich will“, beteuert der Funktionär, dem zweifachen Kurzbahn-Europameister Start- und Trainingsmöglichkeiten zur Verfügung gestellt zu haben ohne, dass sie vom Studenten je genutzt wurden.

Im Gegenzug ist freilich festzuhalten, dass von Verbandsseite nach wie vor Gericht versucht wird, Jukic zu sperren. Dennoch beklagt Meidlinger: „Was von anderer Seite zurückkommt, ist nur Provokation.“ Dabei ist sich der OSV-Präsident mittlerweile selbst nicht mehr zu schade, in einer Verbandsaussendung einen verpassten Doping-Test von Jukic anzusprechen. Kalmieren funktioniert wohl anders. Außerdem entspricht das Anschwärzen eigener Athleten nicht dem Usus eines Sport-Verbandes.

Ein Ende in der Auseinandersetzung zwischen OSV und Jukic ist nicht in Sicht

Auf alle Fälle ist es ein eindeutiges Zeichen, dass es hier schon lange nicht mehr um das Sportliche geht.

Stattdessen verlagert sich die Fehde allmählich auf eine private Ebene, was auch aus dem Konter von Jukic hervorgeht: „Ich hatte heuer acht Urin- und fünf Blutkontrollen und alle waren negativ. Ich wünsche Herrn Meidlinger persönlich, dass sein Sohn bald die Qualität erreicht, ab der man sich Dopingkontrollen unterziehen muss.“

Meidlinger kontert: „Nur am Beckenrand stehen und herumschimpfen ist zu wenig. Jetzt ist er am Zug!“

Das Tischtuch ist zerschnitten. Frieden wird es keinen geben, zu tief sind die Gräben. Lediglich eine Vermittlung durch Rio-Projektleiter Peter Schröcksnadel könnte zumindest für einen Waffenstillstand sorgen.

Gemeinsamkeiten der Streithähne? Beide geben „sich in der Früh in den Spiegel schauen zu können“ als ihre Handlungs-Maxime aus und beide behaupten, für eine künftige Zusammenarbeit offen zu sein. Es bleibt fraglich, wer letztendlich sein Water-loo erlebt.

 

 

An und für sich ist es ein Armutszeugnis für den heimischen Schwimmsport. Im Jänner 2012 schloss der OSV den Salzburger Landesverband aus. Bei einem Weihnachtsschwimmen für Kinder sollen beim Startsprung, der aufgrund fehlenden Mutes einiger Sechs- und Sieben-Jähriger nur vom Beckenrand gemacht wurde, derartig „schlimme“ Verstöße gegen die Wettkampf-Verordnung geortet worden sein, dass dies zu einer Sperre von acht Vereinen und des gesamten Landesverbandes führte. Weiters sollen auch Statuten nicht mit OSV-Satzungen übereingestimmt haben.

Was als verbandspolitisch motivierte OSV-Aktion interpretiert werden könnte, klappte kürzlich vor Gericht regelrecht in sich zusammen. Das Wiener Landesgericht für Zivilrechtssachen erachtete nicht einmal eine Aufnahme eines Beweisverfahrens für notwendig. „Die Rechtslage ist so eindeutig, dass jeder Jus-Student im ersten Semester die Fälle lösen könnte“, kommentiert Christian Schneeberger, Präsident des Landesverbandes Salzburg „alt“.

„Alt“ deswegen, weil seit der Sperre der OSV einen neuen Verband unter der Leitung von Clemens Weis und Kurt Kozak installierte. Jenem Kurt Kozak, der im OSV-Schiedsgericht beim Salzburger Ausschluss als Verbandsrichter zur Verfügung stand. Der Vorwurf Schneebergers von Befangenheit scheint somit gerechtfertigt.

OSV-Präsident Christian Meidlinger

Meidlinger sieht das Urteil nicht weiter tragisch. „Von Gerichtsseite wurde uns vorgeworfen, dass das Verfahren aus Formfehlern besteht. Okay, man ist da nicht so geübt gewesen“, spricht er und kündigt an, dass auf Wunsch des neuen Salzburger Verbandes hin Berufung eingelegt wird.

In einem zweiten Fall ging der Salzburger Landesverband gegen den OSV aber als Verlierer aus dem Gerichts-Saal. Laut der Urteilsauslegung Meidlingers sei auch ein zweiter Landesverband existenzberechtigt, wenn dieser vom OSV anerkannt wird. „Was ich in den letzten Monaten gesehen habe, wird durch Weis in Salzburg hervorragende Arbeit geleistet. Er braucht sich deshalb um seine Arbeit keine Sorgen machen“, so Meidlinger.

Schneeberger sieht das anders: "Aus der Logik und Praxis des förderalen Systems in Österreich ergibt sich, dass es in jedem Bundesland nur einen Verband geben kann. Da durch den 'absolut nichtigen Akt' des OSV unser Verband nie wirksam ausgeschlossen war, ergibt sich automatisch, dass dieser der einzige Verband in Salzburg sein muss."

Das Gericht hätte lediglich "nicht feststellen können", wie es mit dem zweiten Verband aussieht.

Eine Berufung sowie aktuell zwei existierende Verbände - nach einer Befriedung dieser Front klingt das jedenfalls nicht.

 

 

Moschos Tavlas ist das rote Tuch für viele Sportler und Trainer. Beim Sportdirektor laufen viele Fäden zusammen wie etwa die Festsetzung der Limits oder die Verwaltung der Fördermittel.

Seit dem EM-Skandal von Debrecen, in den er involviert war, nimmt die Kritik an ihm merklich zu. Auf Druck von Jukic hin wurde Tavlas aus der Delegation für die Olympischen Spiele gestrichen.

Sportdirektor Moschos Tavlas

Walter Bär, der mit 1. September seinen Posten als Südstadt-Trainer räumt, sprach gegenüber der „Sportwoche“ sogar vom „Totengräber des österreichischen Schwimmsports“. Die Hauptkritikpunkte lauten „Versäumnisse, haarsträubende Aufstellungsfehler und die Vergabe von Förderungeldern nach persönlichen Sympathien statt objektiver Leistungskriterien“.

Mit dieser Meinung steht Bär keineswegs alleine da. Zwiegesprächen mit Aktiven ist Ähnliches zu entnehmen. Aus Furcht vor den Folgen trauen sich diese aber nicht öffentlich den Mund aufzumachen. Bei Athleten, die zumindest verbandsintern aufmucken, kann es dann schon einmal vorkommen, dass sie bei Rennen plötzlich auffallend oft disqualifiziert werden.

Im OSV weiß man davon nichts. Konfrontiert mit diesem Vorwurf schütteln sowohl Tavlas als auch Meidlinger überrascht den Kopf. „Es ist das erste Mal, dass wir von einem derartigen Vorwurf hören“, meinen sie unisono.

Die Anfeindungen gegen Tavlas, der seit 2006 im OSV-Vorstand tätig ist, sind allerdings nicht erst eine Blüte der jüngeren Vergangenheit. Bereits nach der Kurzbahn-EM 2009 in Istanbul machte Marco Ebenbichler mit einem offenen Brief auf die eklatanten Verfehlungen des Delegationsleiters aufmerksam. 2010 mokierte Zeljko Jukic die mangelnde Kommunikation des Funktionärs.

Eine Häufung von Kritik, die jeden objektiven Betrachter argwöhnisch werden lässt. „Ich kann das nicht verstehen“, ist sich Tavlas selbst keiner Schuld bewusst und zählt im selben Atemzug auf, was er bei der WM in Barcelona für die Athleten alles gemacht hat. Sein Verhältnis zu Bär hätte er bis vor kurzem als „brüderlich“ bezeichnet. Jenes zu Dinko Jukic „kollegial und sportlich fair“.

Unterstützung bekommt Tavlas von Meidlinger, der ihm sein Vertrauen ausspricht: „Das ist ganz normal, dass einem an vorderster Front der Wind am stärksten ins Gesicht bläst. Ich habe selten jemanden mit einem so großen Fachwissen kennengelernt.“

Ob Letzteres tatsächlich etwas über die Kompetenz von Tavlas oder vielleicht doch mehr über das sportliche Fachwissen des OSV-Präsidenten aussagt, bleibt dahingestellt. Jedenfalls scheint eine baldige Befriedung dieser Front aufgrund der jüngsten Rückendeckung nicht zu erfolgen. Auch wenn eine derartiger Vertrauensbeweis anderswo oft nur ein Vorbote für eine Personal-Rochade ist.

 

 

Keine Ergebnisse, kein System, keine Infrastruktur

Ein 19. Platz von David Brandl sowie zwei persönliche Bestzeiten von Jakub Maly sind die bislang magere Schwimm-Ausbeute bei der WM für den OSV, der es in den vergangenen 20 Jahren gewöhnt war, von Groß-Events Medaillen mit nach Hause zu bringen.

Auch wenn Meidlinger angesichts der jüngsten Verbal-Attacken meint, dass er endlich über Sportliches diskutieren möchte, wird ihm das dieser Tage dennoch wenig Spaß machen. Nun wird deutlich, dass man in den goldenen Jahren vollkommen übersehen hat, dass die Erfolge aus Einzelinitiativen resultierten. „Das ist ähnlich wie im Fußball: Dort reden wir auch noch immer über Cordoba, aber man hat dazwischen nicht genügend gemacht. Wünschenswerte Nachzieheffekte sind nicht da“, weiß Meidlinger.

Mit Erfolg durch Zufall soll bald Schluss sein. Ein System soll her. „Wir sind gerade dabei, ein Leitbild und auch Nachwuchskonzept zu erstellen“, so der Wiener, der im Herbst allerdings bereits ein Jahr in Amt und Würden ist.

Wann Österreich wieder über Schwimm-Medaillen jubeln wird können? Meidlinger mahnt zur Geduld. „Die Journalisten wollen den Erfolg natürlich sofort. Ich sage, vor 2020 – realistischer Weise sogar vor 2024 – werden wir die Früchte dieser Arbeit nicht ernten.“

Um eine sportliche Struktur aufzubauen ist aber die notwendige Infrastruktur erforderlich, womit wir beim Grundübel des österreichischen Sommersport angelangt sind. „Wir negieren das Problem nicht. Es ist ein riesiges!“, so Meidlinger, der Sprecher der Wiener Bäder ist. „80 Prozent der wichtigsten Events sind auf der Langbahn. Besserung könnte mit einem 50m-Becken in Innsbruck nahen. „Dazu brauchen wir noch eine Lösung für Wien.“ Dort ist das Stadthallenbad nach wie vor geschlossen. Jüngsten Meldungen zufolge wird eine Teileröffnung im Herbst jedoch immer wahrscheinlicher.

Alles in allem ist diese Front die wohl schwierigste und zugleich auch bedeutendste. Schwierig, weil der Einfluss des OSV hierauf vergleichsweise gering ist und bedeutend, weil hier die Basis für ein neues Schwimm-Wunder gelegt werden kann. Diesmal allerdings mit einer Brise weniger Wunder und dafür mit einer Portion mehr Planung.

Stephan Schwabl und Reinhold Pühringer

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