Ein olympisches Stoss-Gebet

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Ist Wien noch eine Sportstadt? "Nein"

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Seit den Olympischen Spielen in London steht fest: Österreichs Sommersport befindet sich – gemessen an Medaillen – in einer Depression wie zuletzt vor knapp 50 Jahren.

Dazu kommen noch die dahinsiechende Sport-Infrastruktur in Wien und der immer schwächer werdende Status von Sport am Schnitzel-Äquator. Vor diesem Hintergrund wirkt eine Bewerbung der Hauptstadt für Olympische Sommerspiele, über die am Wochenende die Wiener im Rahmen einer Volksbefragung abstimmen, wie eine Trotzreaktion.

Wie das Votum auch ausgehen mag, offiziell einreichen muss eine Bewerbung Wiens beim IOC das heimische Olympische Komitee (ÖOC). LAOLA1 bittet dessen Präsident Karl Stoss zum Interview, in dem der Vorarlberger zu Chancen, Bewerbungs-Mythen und Sportreformen Stellung nimmt:

LAOLA1: Herr Stoss, sind Sie mit Ihrem Hauptwohnsitz in Wien gemeldet?

Karl Stoss: Ja, selbstverständlich.

LAOLA1: Dann darf man wohl davon ausgehen, dass sie im Zuge der Volksbefragung für eine Olympia-Bewerbung stimmen?

Stoss: Ja, weil ich das als absolute Chance für Wien sehen würde, sich eben auch in sportlicher Hinsicht der Welt zu präsentieren und zu positionieren. Dass dazu einiges an Infrastrukturbauten notwendig wäre, steht außer Zweifel, aber wenn wir uns nicht bewerben, ist die Gefahr noch größer, dass es weiterhin brach liegt und so eine Bewerbung kann zumindest einen Impuls geben. Das heißt nicht, dass man dann auch gleich den Zuschlag bekommt. Aber jetzt haben wir noch genügend Zeit, um das eine oder andere für die Infrastruktur und für die Bevölkerung zu tun.

LAOLA1: Wien deklariert sich ganz gerne als „Sportstadt“. Ist sie das noch?

Stoss: Nein, da gibt es sicherlich Städte in der Welt, die ihr den Rang eindeutig abgelaufen haben. Bestimmte internationale Großereignisse können in Wien nicht mehr stattfinden, weil es dafür nicht die Bauten gibt, die ein dementsprechendes Fassungsvermögen haben. Und das wäre nun mal eine Gelegenheit nachzudenken, wo wir Aufholbedarf, Verbesserungsbedarf oder überhaupt einen Neubedarf haben. Da greife ich auch das Stichwort Schwimmstadion oder Wassersprungstadion auf, das jetzt immer auch etwas ins Lächerliche gezogen wird, weil gesagt wird: Die sind nicht einmal in der Lage, das Stadthallenbad zu reparieren, wie wollen die dann eine Anlage für Olympische Spiele hinstellen? Ich glaube, das soll man nicht als Ausrede hernehmen, das ist ganz etwas anderes.

LAOLA1: Wäre diese Chance vertan, wenn das Votum negativ ausfällt?

Stoss: Nein, es kommt darauf an, wie man damit umgeht. Vielleicht wird sich der Herr Bürgermeister oder die Stadtregierung dann hinsetzen und darüber nachdenken: Was können wir sonst tun? Oder vielleicht kommt auch einmal der Gedanke: Vielleicht haben wir auch einmal den Mut, wie es die Vorarlberger im Winter (EYOF 2015 mit Liechtenstein; Anm.) haben, und veranstalten ein Sommer-EYOF (Europäisches Olympisches Jugend-Festival; Anm.) oder YOG (Olympische Jugendspiele) in Wien. Eine tolle Challenge! Da brauche ich genauso Bauten und Sportstätten. Damit könnte ich auch junge Menschen vermehrt in die Stadt locken. Das wäre eine tolle Gelegenheit. Vielleicht werden wir mit dem Bürgermeister und der Regierung einmal zusammensitzen und uns überlegen, ob es Sinn machen würde, sich für so eine olympische Veranstaltung zu bewerben.

LAOLA1: Es heißt, alleine die Bewerbung Wiens würde zwischen 80 und 100 Mio. Euro kosten. Die Reaktion etlicher LAOLA1-User war, dass man auf die Bewerbung verzichten und das Geld stattdessen lieber gleich in den Sport und dessen Infrastruktur stecken sollte.

Stoss: Kann man auch, wobei ich nicht weiß, wie diese Zahl zustande kommt. Ich habe diese Ziffern nie in den Mund genommen. Ich habe bereits öffentlich gesagt, dass ich nur die Zahlen wiedergeben kann, die in der Vergangenheit aufgewendet wurden. London hat 20 Millionen in die Bewerbung gesteckt, München 33. Darum finde ich den Sprung auf 100 etwas groß, aber egal, sei es drum. Das muss man auch als eine Art Marketing-Budget verbuchen, weil man da über einen langen Zeitraum die Gelegenheit hat, sich als Sportstadt zu präsentieren. Ich erinnere mich noch gut, als der Zuschlag an Sotschi ging, wurde uns eine virtuelle Simulation vorgespielt, weil es damals in Sotschi noch keinen einzigen Skilift gab. Und jetzt werden wir dort nächstes Jahr Olympische Spiele erleben.

LAOLA1: Womit wir in der Politik angekommen sind. Michael Häupl meinte, wenn sich Wien bewirbt, dann wird man den Zuschlag auch bekommen. Wie denken Sie darüber?

Stoss: Ich denke, dass es ein offenes Rennen ist. Man muss abwarten, wer sich überhaupt bewirbt und dann wird ganz entscheidend sein, wohin die Spiele 2020 und 2024 vergeben werden. Erst dann kann man eine Wahrscheinlichkeitsrechnung aufstellen, anstatt heute schon davon auszugehen. Hundertprozentig sicher ist gar nichts.

LAOLA1: Inwieweit ist ein Twin-City-Konzept gemeinsam mit Bratislava realistisch?

Stoss: Das ist durchaus ein Denkansatz. Wir haben einige tolle Nachbarländer und Bratislava ist vom Radius her halt die nächstgelegene europäische Hauptstadt.

LAOLA1: Ist dieser Ansatz bisher ein reines Luftschloss oder hat man in diese Richtung bereits vorgefühlt?

Stoss: Da gibt es noch gar nichts. Ich würde sagen, dass diese Idee nur aus Zufall entstanden ist. Wir hatten eine Pressekonferenz und gleich im Anschluss gab es einen Freundschaftsbesuch des Oberbürgermeisters von Bratislava. Rein zufällig. So nehme ich an, dass das entstanden ist. Ich war dann nicht mehr dabei, aber ich habe den Bürgermeister noch kurz gesehen, daher weiß ich das.

LAOLA1: Von Seiten des IOC war in der Vergangenheit zu hören, dass man beabsichtigt, mit den „großen“ Olympischen Spielen in große Metropolen und große Märkte zu gehen. Ist Wien zu klein für „große“ Olympische Spiele?

Stoss: Nein, das sind besondere Herausforderungen. Wenn man die letzten beiden Sommerspiele gesehen hat, die waren in großen Metropolen, die gleich oder doppelt so groß wie die Gesamtbevölkerungszahl Österreichs sind. Von daher könnte man den Schluss ziehen, dass Sommerspiele nur noch an große Agglomerationen vergeben werden. Ich würde dennoch nicht ausschließen, dass eine Millionenstadt wie Wien einmal einen Zuschlag bekommen könnte. Aber das ist vollkommen richtig. Olympische Jugendspiele haben eine viel kleinere Dimension, aber trotzdem verfolgen sie denselben Zweck, den Olympischen Gedanken in eine Stadt zu tragen. Und sie haben mittlerweile auch eine beachtliche Größe an Aktiven, die daran teilnehmen. Auch mit weit geringerem Aufwand. Nehmen Sie etwa die Winterspiele in Vancouver und die Jugendspiele in Innsbruck – da liegen viele Nullen dazwischen und es war trotzdem ein toller Event, ein Riesen-Erlebnis und eine tolle Werbung für die Stadt, die Region und das Land.

LAOLA1: Das neue Sportförderungsgesetz hat nach etwas Verzögerung den Ministerrat passiert. Ausgehend davon, dass es auch endgültig beschlossen wird, was sind die nächsten Schritte bei der Reformierung des heimischen Sports?

Stoss: Die Reformierung des Sports hat prinzipiell gar nichts mit dem Bundessportförderungsgesetz zu tun. Denn man kann auch reformieren, ohne dass man ein Bundessportförderungsgesetz hat.  Man muss sich dazu halt an einen Tisch setzen und sagen, was wollen wir eigentlich. Genauso muss man dort auch jemand haben, der eine Vision hat und sagt, wohin will ich. Und ich glaube, es ist höchste Zeit dazu, sich hinzusetzen und zu sagen: Wer soll die Aufgaben für den Breitensport übernehmen? Und gehört Breitensport unbedingt zum Sportministerium? Gehört Breitensport nicht mehr zu Bildung und Schule oder zu Gesundheit als Prävention? Und gehört Spitzensport in das Sportministerium? Dann muss man sich die nächste Frage stellen – im Sinne von „Structure Follows Strategy“ – haben wir die passenden Strukturen? Oder bin ich überorganisiert, weil ich das immer so war? Oder muss es so sein? Wir haben eben ein Spitzenorgan, das ist die Bundessportorganisation. Dann haben wir drei Dachverbände, dazu kommen die Fachverbände, dann haben wir noch die Vereine… Wenn ich das jetzt nur auf den Spitzensport beziehe, denn nur von dem kann ich reden, dann glaube ich, dass es gut wäre, sich einmal zu überlegen, wie man den Spitzensport reformieren könnte. Wie kann man all jene Institutionen, die sich mit dem Spitzensport befassen, stärker konsolidieren? Und das sind, um es vereinfacht zu sagen, drei: das Team Rot-Weiß-Rot, die Sporthilfe und das Österreichische Olympische Komitee. Man müsse sich Gedanken machen, ob es nicht gescheiter wäre, das alles in eine Hand zu geben, um Administrativ-Kosten zu sparen. Ich habe hier die Initiative übernommen, weil noch niemand etwas gesagt hat. Sie haben zwar während und kurz nach den Olympischen Spielen viel geredet, aber es hat niemand einen Denkansatz geäußert. Ich äußere ihn: Wir als Olympisches Komitee würden gerne uns zur Verfügung stellen, den Lead für den Spitzensport zu übernehmen.

Das Interview führte Reinhold Pühringer

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