Der ethische Knock-Out

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Der Sport geht K.O.

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Während sich Teymur Mammadov und Valentino Manfredonia im Ring der Europaspiele in Baku einen Schlagabtausch lieferten, glaubten die Zyniker unter den Zusehern das Ergebnis schon zu kennen.

Natürlich konnten sie das nicht. Aber als der Referee den Arm des Boxers aus Aserbaidschan hob und die Menge zu Jubelstürmen veranlasste, war es der Schlusspunkt eines Halbschwergewichts-Bewerbs voller suspekter Entscheidungen. Und obwohl der an der Schulter verletzte Italiener Manfredonia sich nicht auf Diskussionen über den Kampf einlassen wollte, hielt ihn die Mehrheit der neutralen Beobachter für den verdienteren Sieger. Dennoch durfte Präsident Ilham Aliyev seinem Landsmann die Goldmedaille überreichen.

„Ich habe nichts zu diesen Menschen, die nicht an mich glauben, zu sagen. Ich habe die Goldmedaille, das ist der Beweis“, antwortete Mammadov, nachdem er von LAOLA1 mit den Diskussionen konfrontiert wurde.

Immer wieder Diskussionen

Es war nicht sein erster umstrittener Kampf. Schon in der ersten Runde sah der Londoner Joshua Buatsi wie der bessere Kämpfer aus – der Klassenunterschied schaffte es aber nicht in das Endergebnis. Die Wertungsrichter entschieden einstimmig für Mammadov. „Ich finde, dass ich mehr verdient hätte. Ich denke, dass ich den Kampf gewonnen habe“, gestand Buatsi. „Es ist sein Land und er hat die Entscheidung bekommen. So lief es eben.“

Der junge Mann hatte offenbar noch mehr zu sagen, durfte aber nicht. Die britische Pressemitarbeiterin nahm ihren Job besonders genau. „Du weißt, was richtig und wahr ist“, flüsterte sie ihrem Schützling ins Ohr, um danach selbst die Beantwortung an Buatsi gerichteter Fragen zu übernehmen.

Auch Pavel Silyagin wurde zum „Opfer“ Mammadovs. „Er kommt von hier, deshalb gewinnt er“, zeigte sich der junge Russe offenherzig. In gebrochenem Englisch machte Silyagin seinen Gefühlen Ausdruck. „Wenn wir in einem anderen Land gekämpft hätten, hätte ich gewonnen. Es ist nicht normal, aber er gewinnt diese Art Turniere immer. Er hat viele Helfer.“ Auf die bewusst naiv gestellte Frage, ob Geld eine Rolle spiele, antwortete er lachend: „Vielleicht.“

Schlagzeilen schon 2011

Es ist nicht das erste Mal, dass das öl- und gasreiche Aserbaidschan beschuldigt wurde, mit unlauteren Mitteln zum Boxerfolg gefunden zu haben. 2011 deckte die BBC eine 9-Millionen-Dollar-Zahlung eines aserbaidschanischen Investors an die vom Amateurbox-Weltverband AIBA organisierte World Series of Boxing (WSB) auf und verband diese mit angeblichen Versprechen über zwei Goldmedaillen für Aserbaidschan bei den Olympischen Spielen in London 2012.

Während das Geld von einem Privatinvestor kam, machte der Minster für Ausnahmesituationen Kamaladdin Heydarov diesen laut der BBC erst mit WSB bekannt und half zusammen mit einem Mitarbeiter bei dem Deal sogar als Übersetzer. Offiziell handelte es sich um eine ganz normale Investition.

Heydarov ist eine zentrale Figur in Aserbaidschan. In von WikiLeaks veröffentlichten US-Depeschen wird er als einer der reichsten und mächtigsten Männer des Landes bezeichnet, die US-Kommunikation erwähnt ein undurchschaubares Netzwerk von Firmen und Kontakten. Sein „Ministerium für alles Wichtige“ soll sogar eine eigene paramilitärische Einheit haben. Der „Guardian“ beschreibt Heydarov als ein Mitglied von Präsident Aliyevs „innerem Kreis“.

Das Vertrauensverhältnis zum Präsidenten ist offenbar derart gut, dass Heydarovs Sohn Tale der Vorsitzende der „European Azerbaijan Society“ ist. Die in London ansässige Organisation will offiziell Bewusstsein für die Kultur und Wirtschaft des Landes schaffen, ist aber effektiv eine Lobbying-Firma, die britische und EU-Parlamentarier laut „Guardian“-Recherchen auf Luxusreisen nach Aserbaidschan einlädt.

Nochmal zum Mitschreiben: Kamaladdin Heydarov, einer der mächtigsten Männer des Landes, und einer seiner Mitarbeiter halfen für den WSB-Deal als Übersetzer aus.

Wu will von Korruption nichts wissen

AIBA-Präsident Dr. Ching-Kuo Wu stritt alle Anschuldigungen ab und nannte die Behauptungen der BBC „völlig falsch und lächerlich“. Eine interne AIBA-Untersuchung fand keine Beweise, die die Berichte unterstützten.

In London holte Aserbaidschan zwar zwei Box-Medaillen, allerdings nur in Bronze. Im Mittelpunkt eines saftigen Skandals stand das Land trotzdem. Die Wertungsrichter sprachen Magomed Abdulhamidov nach seinem Kampf gegen Satoshi Shimizu den Sieg zu, obwohl der Aseri in der letzten Runde fünf Mal zu Boden geschlagen wurde. Die Entscheidung war so haarsträubend, dass die AIBA sie am nächsten Tag widerrief und den turkmenischen Schiedsrichter Ishanguly Meretnyyazov auf die Heimreise schickte.

Auch ein Mitglied der Delegation von Aserbaidschan wurde nach dem kontroversen Kampf von den Olympischen Spielen ausgeschlossen: Der technische Offizielle Aghajan Abiyev brach laut interner AIBA-Korrespondenz seinen Vertrag, da er mit seinem nationalen Team kommunizierte. Abiyev ist der Generalsekretär des nationalen olympischen Komitees von Aserbaidschan sowie der Vize-Präsident des nationalen Boxverbandes. Bei den Europaspielen war er Teil des Organisationskomitees. Zwei ortsansässige Journalisten bestätigten seine Aufgabe bei den Spielen, auf die Frage nach den Vorfällen von London lachten sie aber: „Wir können und wollen uns nicht erinnern.“

Auch ein Viertelfinalkampf im Schwergewicht sorgte bei den Olympischen Spielen für Diskussionen. Obwohl ein Boxer aus Aserbaidschan bereits zwei Mal für übertriebenes Klammern verwarnt wurde und sich mindestens drei weitere Vergehen zu Schulden kommen ließ, gab ihm der griechische Referee Nikolaos Poutachidis partout keine dritte Verwarnung, die einer Disqualifikation gleichkäme.

Oh, der Name dieses Boxers? Teymur Mammadov. Erste Zeile.

Der Skandal von 1988

Olympisches Boxen ist seit jeher ein skandalträchtiger Sport. Am tiefsten eingebrannt in die Geschichtsbücher ist die Schande von Seoul 1988. Ray Jones Jr. vermöbelte den Südkoreaner Park Si-hun im Finale nach allen Regeln der Kunst, dennoch sprachen drei von fünf Kampfrichtern dem Lokalmatador den Sieg zu.

Interne Dokumente und sogar Finalschiedsrichter Aldo Leoni beschuldigte die Kampfrichter, Bestechungsgelder erhalten zu haben. Eine IOC-Untersuchung befand jedoch nur, dass sie vom Gastgeberland verwöhnt worden wären.

Der Skandal von 1988 sorgte sogar für ein neues Wertungssystem, nach London wurde es abermals verändert: Nun werden vor jedem Kampf drei von fünf Richtern ausgewählt, die für den Kampf Punkte verteilen. Die Europaspiele bewiesen jedoch, dass man fragwürdige Entscheidungen schwer loswird.

„Jeder Richter hat unserem Boxer in jeder Runde eine Niederlage gegeben. Es war auf keinen Fall so ein Kampf. Es geht nur um Politik, also was soll ich sagen? Wie soll ich meine Jungs motivieren, morgen zu trainieren?“, fragte der frustrierte französische Coach John-Toni Dovi die Medien, nachdem sein Schützling Paul Omba Biongolo dem Aserbaidschaner Abdulkadir Abdullaev unterlag.

Quo vadis, Box-Ethik?

Aserbaidschan ist selbstverständlich nicht das einzige Land, das von umstrittenen Entscheidungen profitiert – Boxen hatte sie immer und wird sie immer haben, es liegt in der Natur des Sports.

Aber muss die derzeitige Lage sein?

„So lange mächtige und reiche Staaten die AIBA finanzieren, werden ihre Boxer Unterstützung erhalten“, befindet einer der renommiertesten Kampfsportjournalisten Europas mit Hinweis auf Anonymität.

Die derzeitige Situation der AIBA könnte mittelfristig den olympischen Status des Boxens bedrohen, insbesondere mit Blick auf die Agenda 2020 des IOC.

Ringen könnte hier ein wertvoller Vergleichswert sein. Im Februar 2013 wurde es aus dem olympischen Programm genommen, was in dem historischen Sport ein Erdbeben verursachte.

Mehr als der Sport selbst war der Weltverband FILA, seine politischen Verwirrungen und der Mangel einer Zukunftsvision das Ziel der Maßnahme. „Es war eine riesige Krise, aber das IOC hat den Verband zu Verbesserungen gezwungen“, analysiert Nenad Lalovic, eine der zentralen Figuren der Erneuerung des Ringens. „Es war kein Angriff auf den Sport. Es war eine Warnung, weil wir von den olympischen Werten abgekommen waren.“

Am 9. Juni gab die AIBA bekannt, seinen geschäftsführenden Direktor Ho Kim mit sofortiger Wirkung zu entlassen – ohne Angabe von Gründen. Diese lassen sich wohl in den Managementmethoden des Südkoreaners finden.

In seinem offiziellen Statement bekräftigte AIBA-Präsident Wu, dass die „Welt des Boxens in eine neue Richtung gehen“ müsse und „eine neue Vision und Führung unabdingbar ist“.

Nun muss die Zeit zeigen, ob die Bemühungen der AIBA wirklich Verbesserungen bringen werden.

Olympische Spiele in Rio ohne einen Skandal wären ein Anfang. Fünf Goldmedaillen für Aserbaidschan wären verdächtig.

 

Martin Schauhuber und Ugo Curty aus Baku

Textquelle: © LAOLA1.at Zum Seitenanfang»
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