Mit dem Vater in Richtung Himmel

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Es ist verwunderlich, wie sich die Dinge manchmal entwickeln.

Am Dienstag Vormittag stellten sich auf der Tribüne des Züricher Letzigrund-Stadions etliche Gratulanten bei Frithjof Grünberg ein. Darunter auch etliche Kapazunder der Stabhochsprung-Szene.

Kein Wunder, schließlich hatte sich seine erst 20-jährige Tochter Kira soeben mit dem neuen österreichischen Rekord von 4,45 Meter für das EM-Finale der besten 13 am Donnerstag (19:19 Uhr) qualifiziert.

Dabei ist es erst ein paar Jahre her, da hatte der Vater der Innsbruckerin die diversen Trainer mit derartiger Regelmäßigkeit mit Fragen gelöchert, sodass ihm Andrei Tivontschick, Macher des deutschen Weltmeisters Raphael Holzdeppe, einst sehr unverblümt erklärte: „Mensch, du gehst mir sowas von auf die Nerven!“

Doch der Reihe nach

Alles begann mit einem Problem. Oder positiv formuliert: mit einer Herausforderung.

Frithjof oder Fritz, wie der gebürtige Schwabe genannt wird – „Meine Eltern wählten diesen Althochdeutschen Namen wegen dessen Seltenheit“ – wurde von der damals neunjährigen Kira mit ihrem Wunsch konfrontiert, Stabhochspringerin werden zu wollen.

Ein quasi genetischer Wunsch. Denn was Kira zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste, war, dass der Papa selbst einmal stabhochgesprungen ist. Allerdings nur in jungen Jahren. In seinen 20ern verfiel er schließlich dem Wasserball.

Die Begeisterung beim Vater über das Vorhaben der Tochter hielt sich dennoch in Grenzen. Was tun? „Ich habe ihr erklärt, dass das nicht so einfach sei und habe sie zunächst einmal ein wenig hingehalten“, gesteht er rückblickend. Unbeirrt dessen begann Kira ihre athletischen Grund-Fähigkeiten zu verbessern, fing mit Lauf- sowie Sprung-Training an und nahm an Wettkämpfen teil.

Ihr eigentliches Ziel verlor das kleine Mädchen allerdings nie aus den Augen und wurde mit 13 erneut bei ihrem Vater vorstellig. „Sie wollte mit dem leistungsmäßigen Training für das Stabhochspringen anfangen, weshalb ich daranging, für sie zielgerichtete Trainingspläne zu schreiben.“

Trainingsplatz statt Hotel

Die Hartnäckigkeit seiner Tochter hatte den Vater überzeugt. Fritz machte sich schlau und wälzte Bücher. „Um zu wissen, was da im Körper genau abläuft, habe ich oft fünf Stunden täglich gelesen“, erinnert er sich.

Zum Aufpolieren seines noch von Jugend-Tagen übrig gebliebenen Wissens über die praktische Trainings-Arbeit zapfte er alle möglichen Quellen an. „Anstatt bei Geschäftsreisen abends ins Hotel bin ich zu den diversen Trainingszentren gefahren und habe dort die Coaches immer und immer wieder über diverse Dinge ausgefragt.“ Der eingangs erwähnte Tivontschik, den er sehr verehrt, kam des öfteren zum Handkuss.

Neben sachdienlichen Hinweisen taten sich auch neue Kontakte auf. Wie jener zum ehemaligen deutschen und nunmehrigen schweizer Nationalcoach Herbert Czingon. „Er und andere haben mir zwar gesagt, dass mein Vorhaben so nicht möglich sei, sie mich aber so gut als möglich unterstützen.“

Österreich ist keine Grenze

Die Herangehensweise des Maschinenbauers war professionell. Bereits die erste Trainingsplanung der erst 13-jährigen Kira war auf eine Periodisierung anhand der Olympiade abgestimmt. Weniger, weil Fritz glaubte, sein Mädchen könne sich schon für Peking oder London qualifizieren, sondern vielmehr, weil der Rhythmus später nicht mehr umgestellt werden müsse.

Das (Um-)Feld war also bestellt. Doch nicht zuletzt war es der Samen, der alles aufblühen ließ. Denn das Talent, welches Kira mitbrachte, war unübersehbar. „Vom ersten Moment an war uns beiden klar, dass Österreich für sie keine Grenze darstellt“, meint Fritz mit fester Stimme.

Was folgte, ist in den Rekordlisten des heimischen Leichtathletik-Verbandes (ÖLV) nachzulesen. Die Athletin des ATSV Innsbruck überbot im Laufe der Jahre alle Rekorde. Nach den Bestmarken in der U16, U18, U20 und U23 löschte sie im vergangenen Juli mit 4,41 auch den 14 Jahre alten Rekord von Doris Auer (4,40) aus.

Ein Wettkampf-Typ

Hört man die Pharmazie-Studentin reden, entsteht der Eindruck, als sei das In-die-Höhe-schrauben der Latte die normalste Sache der Welt. Alleine in dieser Saison verbesserte sie ihre persönliche Bestleistung um gleich 23 Zentimeter.

Mit einer jugendlichen Leichtigkeit stellte sie für das Finale am Donnerstag sogar die 4,50 in Aussicht. Anspannung ist ein Fremdwort.

„Die mentale Stärke ist ihr größter Trumpf“, erinnert sich Fritz etwa an die Junioren-WM 2012 in Barcelona. „Damals war sie mit der nur 23. besten Melde-Höhe in den Bewerb gestartet.“ Mit einer persönlichen Bestleistung hatte sie sich aber als Elfte für das Finale der besten Zwölf qualifiziert und dort mit einer neuerlichen Bestleistung von 4,15 m (U20-ÖLV-Rekord) mit dem vierten Endrang das beste österreichische U20-EM-Ergebnis der Geschichte egalisiert.

Für das EM-Finale bei den Großen hält Fritz die 4,50 dennoch für zu hoch gegriffen, was aber weniger mangelndem Vertrauen in seine Tochter, sondern mehr der schlechten Wettervorhersage geschuldet ist. Von der Platzierung her hält er zwischen fünf und 13 alles für möglich.

Der Hausrekord wackelt

Dem väterlichen Plansoll, das zehn Zentimeter Steigerung pro Jahr vorsieht, ist Kira aktuell ein wenig enteilt. „Mit unseren Möglichkeiten sollten die 4,70 irgendwann möglich sein“, rechnet Fritz in dem Wissen vor, dass damit sein persönlicher Rekord von 4,70 in Gefahr gerät („Hoffentlich hält der nicht mehr lange.“).

Dann sei das Ende des Hochsprungstabes aber noch nicht erreicht. „Dort beginnt das Fein-Tuning. Herbert Czingon hat uns darauf hingewiesen, dass wir jetzt schon die Technik allmählich auf die höheren Sphären umstellen müssen.“ Vorbereitet dafür sei bereits alles.

Wie hoch der Plafond letztlich hängt, sei heute noch nicht genau abzuschätzen. Denn alleine der Blick auf den bisher gegangenen Weg sorgt beim Chef-Planner für ein leichtes Schmunzeln. „Wenn wir uns heute darüber unterhalten, dann sage ich manchmal zu Kira, dass ich uns das eigentlich gar nicht zugetraut hätte, dass wir das so durchziehen.“

Denn manchmal ist es verwunderlich, wie sich die Dinge entwickeln.

 

Reinhold Pühringer

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