DISKUSsionen

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Windige DISKUSsion

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Nein, wir sind keine Leichtathletik-Nation.

Dass wir Österreicher das Laufen, Springen und Werfen nicht drauf haben, haben wir uns mittlerweile schon so oft selbst suggeriert, dass es praktisch ein Teil unserer DNA ist.

Es ist schon so allgegenwärtig, dass es keinerlei Zweifel – oder schlimmer noch – nicht einmal  eine Diskussion über die Richtigkeit der vorangestellten These gibt. Warum auch, die lediglich fünf ÖLV-Starter, die gerade bei den bis Sonntag laufenden Weltmeisterschaften im Pekinger „Vogelnest“ an den Start gehen, sind vielmehr Beleg als Gegenbeweis.

Nimmt man jedoch die aktuelle Weltjahresbestenliste im Diskuswurf zur Hand, reibt man sich vor Verwunderung die Augen. Mit Lukas Weißhaidinger und Gerhard Mayer besetzen nämlich zwei Österreicher tatsächlich die Ränge fünf und sechs!

Etwas, das es im heimischen Diskuswerfen noch nie gegeben hat. Zudem hat derzeit keine andere Nation zwei Athleten so weit vorne in dieser Liste.

Windschief

Gregor Högler Ö-Rekord im Speerwerfen hat seit 1999 Bestand

Wie kann das gehen? Wie haben sie das gemacht? So lauten die Fragen, mit welchen der rot-weiß-rote Sportfan sein über Jahre verinnerlichtes Sport-Weltbild zu retten versucht. Ein Weltbild, in welches ein fünfter und sechster ÖLV-Rang in eine Jahresweltbestenliste einfach nicht hineinpassen.

Für die Erklärung braucht er jedoch gar nicht lange suchen, denn die liefern die Leichtathleten gleich selbst mit: Mit der Ausnützung perfekter Windbedingungen in Schwechat wurden die 67,20 Meter von Mayer und die 67,24 Meter von Weißhaidinger, die beide neuen österreichischen Rekord bedeuteten, erzielt. Bekommt die zwei Kilogramm schwere Scheibe von der richtigen Richtung einen Luftstoß, kann das gleich einige Bonus-Meter bedeuten.

Eh klar, mit Wind also. Das passt und beruhigt – die sorgsam gehegte und gepflegte Weltanschauung ist quasi gerettet und das Duo wird in der eigenen Erwartungshaltung für die WM (Quali am Donnerstag) vorsorglich schon mal als „Vorkampf-Opfer“ eingestuft.

Doch, halt! Nicht so voreilig.

Es ist schon richtig, die beiden Überweiten kamen mit Wind zustande, doch das gilt es zu relativeren. „Die anderen Weltklasse-Leute haben ihre Weiten schließlich auch nicht alle im windstillen Stadion geworfen“, wirft ÖLV-Trainer Gregor Högler ein. Der 43-Jährige, der nach wie vor den österreichischen Rekord im Speerwurf (84,03m) hält, ist das Mastermind hinter den Windspielen in Schwechat.

Er kennt die Szene und weiß ganz genau, dass man heuer keinesfalls einen international unbekannten Weg eingeschlagen hat. „Wir waren in den letzten 20, 30 Jahren praktisch die einzigen in der Spitze, die die Rolle des Windes eher vernachlässigt haben.“

Die Nummer zwei der Weltjahresbestenliste etwa, der Jamaikaner Jason Morgan (68,19), hatte Mayer bei den vergangenen gemeinsamen Wettkämpfen stets im Griff gehabt.

Weltmeisterliche Scheibe

Somit liegt es nahe, dass der Diskuswurf bei der WM in Peking nicht viel mit der Jahresweltbestenliste zu tun haben wird. Zumal neben den Wind-Verschiebungen auch der an dritter Stelle liegende Robert Harting gar nicht erst antritt. Dem dreifachen Weltmeister aus Deutschland ist ein Start nach seinem im September 2014 erlittenen Kreuzbandriss noch zu riskant.

Doch wo stehen die beiden österreichischen Asse bei gleichen Bedingungen nun in der Weltspitze? Högler sieht es wie immer relativ nüchtern. Laut dem Wiener werden für einen Einzug ins Finale der besten Zwölf „zwischen 62,50 und 63 Meter“ notwendig sein. „Das Zeug dazu haben beide auch ohne Wind“, gibt der Coach das Finale als Ziel aus und macht gleichzeitig auch klar, dass die Bäume für die ÖLV-Athleten nicht in den Himmel wachsen werden.

„Was sie dort dann zusammenbringen, hängt von der Tagesform ab. Aber sie haben es auf alle Fälle verdient, dort zu sein.“

 

So lässt es sich gut schlafen 1. Staatsmeistertitel im Diskuswurf.

Gertschi sieh zu, dass du in Peking wieder fit bist!!#kornspitzsportteam Kornspitz Austrian Athletics

Posted by Lukas Weißhaidinger on Sonntag, 9. August 2015

Eine Technik-Frage

Weißhaidinger gelang mit seinen 67,24 Metern, durch die er wie Mayer für die Olympischen Spiele qualifiziert ist, ein großer Leistungssprung. Um über vier Meter überbot er seine alte persönliche Bestmarke. Etwas, das aber nicht nur am Wind lag.

In Zusammenarbeit mit seinen Trainern nahm der 23-jährige eine Technik-Umstellung vor. Von der Stütztechnik zur Umsprungtechnik, wie es im Fach-Chinesisch heißt. Was der grobe Unterschied daran ist?

 „Generell gilt: wenn sich zwei Diskuswerfer gleich bewegen, wirft der schwere Athlet weiter als der leichte“, führt Högler aus. Vereinfacht gesagt, ist die Umsprungtechnik eine riskantere, aber dynamischere Technik, die Ähnlichkeiten aus dem Kugelstoßen aufweist. Diese wird für gewöhnlich von vergleichsweise leichten und beweglichen Athleten benutzt, wie beispielsweise Mayer, der mit 112 kg mehr oder weniger eine halbe Portion unter seines gleichen ist. Andere Weltklasse-Werfer bringen bis zu 150, 160 kg auf die Waage. „Gerhard muss umspringen, anders hätte er gar keine Chance mitzuhalten“, so Högler.

Nun ist man an Weißhaidinger in dieser Saison herangegangen und hat ihn trotz seiner 130 kg zur Umsprungtechnik umerzogen. „Luki ist ein hervorragender Kugelstoßer. Kein Diskuswerfer kann so schnell umspringen wie er. Wenn er keine Dynamik in den Beinen hat, hat sie niemand“, kennt Högler die Vorzüge des Oberösterreichers. Dies alleine habe schon für „drei bis vier Extrameter“ gesorgt. Wobei die Entwicklung freilich noch nicht abgeschlossen scheint.

Das lässt zumindest Platz für ein wenig Träumereien, ohne liebgewonnene Weltbilder gleich aufgeben zu müssen.

Reinhold Pühringer

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