Aufmacherbild

Mit neuem Trainer und neuen Regeln nach Paris

Umbruch heißt das aktuelle Zauberwort im Judo.

Das gilt sowohl in nationaler als auch in internationaler Hinsicht.

Am Wochenende steigt im Palais Omnisport in Paris der erste Grand Slam des Jahres, was zugleich die Nagelprobe für Marko Spittka (zum Interview) als österreichischer Bundestrainer ist.

Schirnhofer hat genug

Der heimische Verband (ÖJV) stand vor der Wahl, entweder jeweils einen Herren- und Damen-Coach oder einen geschlechter- sowie altersklassenübergreifenden Bundestrainer zu installieren. Nach längerem Hin und Her legte sich der ÖJV auf Letzteres fest. Seit Mitte Jänner versucht nun Spittka, die Basis für die Umsetzung seiner Vorstellungen zu legen.

Für Paris nominierte der Deutsche ein achtköpfiges Team (fünf Damen, drei Herren), bei dem auffällt, dass der bisherige 73er Marcel Ott im Weltcup erstmals bis 81 kg startet. Für ihn sowie für die drei Nachwuchs-Asse Tina Zeltner (bis 57), Kathrin Unterwurzacher (bis 63) und Bernadette Graf (bis 70) ist es der erste Grand Slam.

Der große Abwesende im Aufgebot ist Max Schirnhofer. Der Siebte der WM 2010 kehrt dem internationalen Judo-Zirkus den Rücken und wechselt zum Mixed Martial Arts (MMA). Der Siebte der WM 2010 hat seinen Platz im Heeressportzentrum bereits aufgegeben.

Der internationale Umbruch

Nach der Vorbereitungsphase mit Trainingslagern in Straßwalchen, Mittersill und Rauris geht es für das Nationalteam nun um die erste echte Standortbestimmung nach der Winterpause.

Eine Standortbestimmung, die Brisanz mit sich bringt, denn seit dem Jahreswechsel gelten neue Regeln. Der Weltverband (IJF) testet bis zu den Weltmeisterschaften Ende August auf Weltcup-Ebene eine Reihe neuer Bestimmungen, die unter Sportlern und Trainern für Unklarheiten und Verunsicherung sorgen.

kg Klub Wettkampftag
-57 Sabrina Filzmoser Multikraft Wels Samstag
-57 Tina Zeltner JC Wimpassing Samstag
-63 Hilde Drexler Vienna Samurai Samstag
-63 Kathrin Unterwurzacher JZ Innsbruck Samstag
-70 Bernadette Graf JZ Innsbruck Sonntag
-60 Ludwig Paischer JU Flachgau Samstag
-73 Peter Scharinger UJZ Mühlviertel Samstag
-81 Marcel Ott Galaxy Tigers Wien Sonntag

Unterwurzacher im Randori mit Spittka

Die wohl eklatantesten Änderungen betreffen den Griffkampf, wo plötzlich ein Griff eines Gegners nicht mehr mit zwei Händen gelöst werden darf. Jegliches Fassen unterhalb des gegnerischen Gürtels soll künftig sofort mit einer Disqualifikation geahndet werden. Bislang war dies bei Kontertechniken oder im Zuge einer Kombination noch erlaubt.

Für praktisch alle Athleten bedeutet das, dass von klein auf antrainierte Reflexe und automatisierte Bewegungsabläufe unterbunden bzw. angepasst werden müssen. Hinzu kommt, dass die Klärung gewisser Graubereiche erst Mitte Jänner durch ein Seminar in Malaga erfolgte.

Kurzum: So richtig darauf einstellen konnte sich niemand, weshalb die Spannung vor der Premiere in Paris umso größer ist.

Chance für Lupo

Ludwig Paischer zeigte sich in den Trainingslagern dem neuen Regulativ nicht abgeneigt.

Seine Spezialtechnik, der Opferwurf Tomoenage, bei dem er sich auf den Rücken wirft und den Gegner mittels seines Beins über sich drüber schleudert, kann ab sofort praktisch nicht mehr gekontert werden, da der andere wie erwähnt nicht mehr auf das Bein greifen darf.

Zudem hat der 31-jährige Tüftler in den Camps des neuen Jahres angedeutet, dass er mit den Neuerungen im Griffkampf gut zu Recht kommt. Da Training und Wettkampf aber bekanntermaßen zwei Paar Schuhe sind, wird auch Paischer erst in Paris-Bercy sehen, wo er nun genau steht.

Superstar Iliadis skeptisch

Ilias Iliadis steht den neuen Regeln abwartend gegenüber

Abwartend ist auch die Haltung der internationalen Stars, allen voran Ilias Iliadis. „Ich möchte noch kein Urteil darüber abgeben, ich möchte erst einmal ein paar Wettkämpfe abwarten“, meint der Olympia-Sieger und zweifache Weltmeister im Gespräch mit LAOLA1 diplomatisch.

Glücklich ist der 26-jährige Grieche darüber jedenfalls nicht. „Es wird wirklich schwer. Bisher war es einfach für mich, um den Griff zu kämpfen, aber die neuen Regeln sind nicht gut für meinen Stil.“

Athleten links liegen gelassen

Der Weltverband (IJF) unternimmt damit drei Jahre nach der letzten größeren Reform einen neuerlichen massiven Eingriff in das Regelwerk. Ein Eingriff, der das Judo keinesfalls verständlicher macht, da die Neuerungen selbst für Fachleute (noch) viel Interpretationsspielraum lassen. Bleibt die Frage: Wozu dann das Ganze? Die Verantwortlichen wollen dadurch Angriffs-Judo forcieren. So lautet zumindest die ehrbare Absicht. Ob dies tatsächlich eintritt, wird aber selbst von hochstehenden Funktionären bezweifelt.

„Ich befürchte, dass das Judo durch die Griff-Regeln statischer wird“, äußert etwa Ezio Gamba (ITA), seines Zeichens russischer Cheftrainer und Vorsitzender der europäischen Trainer-Kommission, bereits Bedenken.

Erarbeitet wurde das neue Regulativ von der IJF in Zusammenarbeit mit den Kampfrichtern und einem internationalen Trainerzirkel, dem auch der nunmehrige Cheftrainer Aserbaidschans, Peter Seisenbacher, angehörte.

Dabei außen vor gelassen wurden allerdings die Athleten. „Nein, wir wurden nicht miteinbezogen“, bestätigt Hirotaka Okada, Sprecher der IJF-Athleten-Kommission auf Nachfrage von LAOLA1. Der zweifache Weltmeister aus Japan ist allerdings zu den Gesprächen nach dem Ende der Testphase eingeladen worden.

Die Nichtberücksichtigung der eigentlichen Protagonisten schwingt auch in den Worten von Iliadis mit. „Wir sind bloß Kämpfer“, zuckt er lächelnd mit den Schultern.

Was er ändern würde? „Nichts. Und wenn doch, dann würde ich einige Athleten fragen, um letztlich gemeinsam zu entscheiden. Nicht ich allein. Wir brauchen einander, um im Training weiterzukommen und um letztendlich auch gute Wettkämpfe zu zeigen.“

Reinhold Pühringer

Mehr zum Thema Zum Seitenanfang»