"Auf dem Dach der Welt"

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Ein schon gewohntes Bild: Frankreichs Handballer, wie sie eine Trophäe stemmen.

Olympiasieger 2012, Europameister 2014 und nun Weltmeister 2015. Zum bereits fünften Mal errang die „Grande Nation“ den WM-Pokal, so oft wie noch keine Mannschaft zuvor.

Ein ungewohntes Bild: Katarische Spieler, wie sie sich lauthals beim Schiedsrichter beschweren.

Das 22:25 im Finale gegen eben diese Franzosen verhinderte eine der vielleicht größten Überraschungen der Handball-Geschichte. Eine, die womöglich auch zu kitschig wäre, um wahr zu sein.

Souveräne Angelegenheit für „Les Bleus“

Das Endspiel um den Titel zwischen der gastgebenden Überraschungsmannschaft und dem französischen Favoriten lief von Beginn an für „Les Bleus“. Der Rückraum rund um den fünffachen Torschützen Nikola Karabatic bestimmte die Szenerie und schoss einen zweitweise recht komfortablen Vorsprung heraus.

Abgesehen von einer kurzen Schwächephase Anfang der zweiten Halbzeit, in der Katar bis auf einen Treffer herankam, war Frankreich nie in Gefahr, die Kontrolle aus der Hand zu geben.

„Das bedeutet unglaublich viel für mich“, strahlte Karabatic im Anschluss in die TV-Kameras. Für den 30-Jährigen war es nach 2009 und 2011 sein bereits dritter WM-Titel. „Ich kann es noch gar nicht fassen. Wir hatten großen Druck, weil wir als Europameister und Favorit in das Turnier gestartet waren“, pustete er durch.

Frankreich war ungeschlagen durch das Turnier gekommen. Einzig Island hatte ihnen in der Vorrunde ein Unentschieden abgetrotzt.

Das Thema, das diesmal keines war

Diesmal nicht im Mittelpunkt der Weltöffentlichkeit standen die Schiedsrichter. Was daran lag, dass das tschechische Duo Vaclav Horacek und Jiri Novotny eine ausgeglichene Leistung boten. Eine Einschätzung, die aus katarischer Sicht aber womöglich ganz anders klingen könnte.

Denn erstmals im gesamten Turnierverlauf kassierte die Auswahl von Coach Valero Rivera mehr Zwei-Minuten-Strafen als der Gegner (4:2). Etwas, das Katar fast noch den ersten Platz in der Fairnesswertung gekostet hätte. Also jenes Ranking, das zeigt, welches Team die wenigsten Strafen erhielt.

Erboste katarische Fans machten ihrem Unmut über manche Entscheidung Luft, in dem sie den Referees mit entsprechenden Handgesten Bestechung vorwarfen. Die Spieler der Heimmannschaft beließen es bei Diskussionen.

Das „schwere“ Los des Siegers

Den französischen Spielern waren die Schiri-Leistungen der vorigen Katar-Spiele nicht entgangen. „Wir wussten nicht, wie die Referees agieren werden“, gab Kentin Mahe eine leichte Unsicherheit zu.

Der 23-Jährige schleppte nach dem Finale gemeinsam mit Daniel Narcisse den WM-Pokal durch die Mixed Zone. „Er ist unglaublich schwer. Er ist sogar noch schwerer, als das, was er wiegt“, spielte er auf den wachsenden Druck des Seriensiegers an. Mahe: „Wir wollten wieder auf das Dach der Welt.“

Trotz der vielen Titel sei er aber noch lange nicht satt und verwies auf Torwart-Urgestein Thierry Omeyer, der mit 38 Jahren nun sogar seine vierte WM-Goldene daheim hat. „Titi zeigt uns, wie wir denken müssen, um immer und immer wieder erfolgreich zu sein“, streute Mahe dem Welthandballer von 2008, der zum wertvollsten Spieler des Turniers gewählt wurde, Rosen.

Omeyer selbst grinste vor Stolz über beide Ohren: „Es ist schwer zu realisieren. Aber am Ende war es heute ein verdienter Sieg. Auch in schwierigen Phasen haben wir immer mit klarem Kopf gespielt.“

Nichts falsch gemacht

Bei den katarischen Spielern währte die Trauer über die Final-Niederlage nur kurz. Bereits kurz nach dem Schlusspfiff feierten sie die beste WM-Platzierung einer nicht-europäischen Mannschaft.

Zumal sie sich zumindest in finanzieller Hinsicht ohnehin als die großen Gewinner der letzten drei Wochen sehen dürfen. Jeder der sieben Siege spülte den Neu-Kataris 100.000 Dollar in die Taschen. Und durch das Erreichen des Halbfinals erhalten sie eine Art „Premium-Staatsbürgerschaft“, die ihnen eine jährliche Zahlung von 200.000 Dollar bis an ihr Lebensende garantiert.

Zahlen, bei denen auch Stefan Kretzschmar die Entscheidung von Danijel Saric und Co. nachvollziehen kann. „Ich kann und will den katarischen Spielern da überhaupt keinen Vorwurf machen“, so der 41-Jährige gegenüber LAOLA1. Vom IHF-Reglement, welches diese Einkaufspolitik ermöglicht, hält die deutsche Handball-Ikone aber nichts. „Diesen Weg finde ich nicht richtig.“

Lob für Katar

Die durch die Medien gegangenen Meldungen von der katarischen „Weltauswahl“ sind in den Augen von Kretzschmar zudem übertrieben. „Man muss ganz klar sagen, dass bei Katar keine Superstars spielen wie etwa vom Kaliber eines Karabatic oder eines Narcisse. Keine Spieler, die in der Vergangenheit im Fokus der Öffentlichkeit gestanden sind.“

Der „Sport1“-Experte hält deshalb sogar Lob für angebracht. „Auch wenn durch die Schiedsrichter-Leistungen ein fahler Beigeschmack bestehen bleibt, habe ich Respekt vor der Arbeit von Valero Rivero. Er hat dieser Mannschaft ein einfaches, aber wirksames System aufgezwungen, wodurch es anderen Teams nicht gelungen ist, die notwendigen Tore Vorsprung herauszuschießen.“

Frankreich indes schon, weshalb sie für Kretzschmar auch ein absolut würdiger Weltmeister sind.

 

Aus Doha berichtet Reinhold Pühringer

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