Wenn nicht jetzt, wann dann?

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„Willkommen zur Pressekonferenz von Handball 37.“

Mit diesem Seitenhieb auf das umstrittene Erfolgsranking der heimischen Verbände, das Handball an 37. Stelle ausweist, eröffnete ÖHB-Generalsekretär Martin Hausleitner das Gespräch mit Medien-Vertretern vor dem EM-Quali-Schlager am Sonntag (18 Uhr) gegen Deutschland.

Und damit wolle er es auch belassen, um den Fokus nach dem Wirbel der letzten Tage endgültig auf das Sportliche zu legen.

Schließlich wartet auf das Handball-Nationalteam nach dem sehr unsanften 16:27-Auftakt am Mittwoch in Spanien mit dem Kräftemessen gegen den Erzrivalen bereits das erste Entscheidungsspiel.

Mit Ruhe gesegnet

Auch wenn das Ergebnis in Cangas do Morrazo alles andere als schmeichelhaft war, scheint man im ÖHB weit davon entfernt, in Unruhe zu verfallen. Erstens hat es sich beim Gegner mit dem amtierenden Weltmeister um ein ausgewiesenes Schwergewicht gehandelt und zweitens sehe die Marschroute für ein Endrunden-Ticket für Polen 2016 vor, die Heimspiele zu gewinnen, wie Hausleitner mit betont ruhiger Stimme ergänzt.

Ein – wenn man so will – „drittens“ liefert dann noch Teamchef Patrekur Johannesson, der aufgrund der recht beachtlichen Anfangsphase in Spanien auf die eigene Stärke pocht. „Wir haben gesehen, dass unser System funktioniert“, verweist der Isländer auf die ersten 13 Minuten, die eine rot-weiß-rote 4:2-Führung ergaben.

Wie gesagt: Kein Grund zur Panik.

Ein Gemütszustand, der als Sinnbild des geänderten Selbstverständnisses der heimischen Handball-Zunft dient.

Ganz ohne Schnee

Während Deutschland nach dem WM-Titel 2007 (zu den Klängen des offiziellen WM-Songs "Wenn nicht jetzt, wann dann") im eigenen Land die Leiter allmählich nach unten stieg, gelang es der ÖHB-Auswahl, sich international zu etablieren. Die Zeit des Belächelt-Werdens ist vorbei.

Dagur Sigurdsson, der als neuer DHB-Bundestrainer die personifizierte deutsche Handball-Hoffnung ist, sprach von einem „Duell auf Augenhöhe“. Aufgrund der jüngsten Vergangenheit sogar von leichten Vorteilen Österreichs.

Ein ungewöhnliches Gefühl, so etwas aus deutschen Medien zu erfahren. Ein Gefühl, das der rot-weiß-rote Sportfan fast reflexartig mit Schnee assoziiert.

Für bare Münze sollten die Sigurdsson’schen Aussagen freilich nicht genommen werden. Viel eher als Mischung aus taktischem Kalkül und Respekts-Erbietung jenem Team gegenüber, welches er als ÖHB-Teamchef selbst zwischen 2008 bis 2010 auf die internationale Handball-Beletage dirigierte.

Allein die Vergegenwärtigung der deutschen Möglichkeiten des mit rund 850.000 Mitgliedern größten Handball-Verbandes der Welt samt dessen Spieler-Materials und wirtschaftlicher Möglichkeiten lassen schnell klarwerden, dass es Österreich am Sonntag mit einem schlafenden Riesen zu tun bekommt, der nur förmlich darauf wartet, von einem „Wunder-Wuzzi“ geweckt zu werden.

Selbst im österreichischen Lager ist man sich praktisch einig, dass die DHB-Delegierten mit Sigurdsson genau diesen Mann berufen haben.

Die Gunst der Stunde

Die Frage ist somit nicht, ob die DHB-Truppe explodiert, sondern nur wann. Und genau hier setzen die ÖHB-Hoffnungen an. „Deutschland ist noch nicht so weit“, spricht ÖHB-Spieler Roland Schlinger den Eindruck vieler aus.

„Sie spielen nicht so selbstsicher wie in den Vereinen, weil sie in der Vergangenheit nicht solche Erfolge gehabt haben“, ergänzt der gegen Spanien in Hochform agierende Goalie Nikola Marinovic.

Das klare 30:18 der DHB-Sieben über Gruppen-Außenseiter Finnland sei kein echter Maßstab. Der Zeitpunkt, gegen den vermeintlichen Konkurrenten um den zweiten Gruppenplatz zu reüssieren, somit günstig.

Isländisches Vorgeplänkel

Johannesson kennt seinen Landsmann nur allzu genau. Ein freundschaftliches Verhältnis verbindet die ehemaligen Nationalmannschafts-Kollegen. Sigurdsson war es sogar, der Johannesson dem ÖHB ans Herz gelegt hatte.

Die Ehefrauen der beiden verbringen die Tage in Wien gemeinsam. „Ich werde sie jetzt ständig anrufen, um zu fragen, ob sie etwas herausgefunden hat“, scherzt Johannesson.

Eine viel relevantere Informationsquelle war da schon die Sichtung des Video-Materials der ersten DHB-Spiele unter Sigurdsson. Diese verschafften Johannesson ein recht klares Bild, was am Sonntag auf die Österreicher zukommt.

Der 42-Jährige weiß aber, dass das nicht alles ist. „Ich kenne Dagur. Ich weiß, dass er ein paar neue Dinge machen wird.“ Bei diesen Worten beginnen die Augen des Mannes aus Reykjavik angriffslustig zu funkeln: „ Aber wir können auch ein paar neue Dinge machen.“

Man kennt sich

Es bahnt sich etwas an, das Robert Weber als „Ich-denke,-dass-du-denkst,-dass-ich-denke-Spiel“ umreißt. Dabei bezieht sich der Flügel aber nicht auf die Situation zwischen den beiden Coaches, sondern auf jene zwischen sich und Deutschland-Goalie Silvio Heinevetter.

Der für Magdeburg tätige Vorarlberger sowie der für Gummersbach auf Torejagd gehende Raul Santos (Erster bzw. Fünfter der Liga-Schützenliste) nehmen etliche Berührungs-Momente mit dem deutschen Schlussmann aus dem Liga-Alltag mit in das EM-Quali-Match.

Bei der Wahl der richtigen Wurf-Variante ist dies Vor- und Nachteil zugleich.

Als wichtiger Faktor, in welche Richtung das Pendel am Sonntag ausschlagen könnte, zähle der Heim-Vorteil. Der Andrang ist gewaltig. Über 6.000 Karten sind bereits verkauft, nur noch Stehplätze erhältlich.

Fans, denen ein 37. Platz in einem Verbandsranking genauso egal zu sein scheint, wie Sponsor Goldgas, der seinen Vertrag bis Ende 2015 verlängerte.

Reinhold Pühringer

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