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"Damals hätten wir eine auf den Deckel gekriegt"

„Die Österreicher haben alle eine Statur wie Arnold Schwarzenegger“, tönte der kanadische D-Liner Adriano Belli ins Mikrofon eines TV-Teams seines Heimatlandes.

Ein gelungener Schwindel. Denn gegen die körperlichen Vorzüge von Belli – selbst übrigens 1,96 Meter groß und stolze 134 Kilogramm schwer – und seine Kollegen war für Österreichs Football-Nationalteam kein Krieg zu gewinnen.

„Der große Unterschied ist einfach noch die Athletik: Sie sind schneller, sie sind physischer, sie haben einfach mehr Game-Speed“, verdeutlicht Jakob Dieplinger.

Der Tiroler hat sich bei der 14:36-Niederlage gegen die „Ahornblätter“ mit dem ersten Touchdown der rot-weiß-roten WM-Historie in die Geschichtsbücher des heimischen American Footballs eingetragen.

„Ein persönlicher Erfolg – nicht mehr“

„Es ist ein tolles Gefühl, vor so einer Kulisse einen Touchdown zu machen. Wenn man nicht gewinnt, bringt das jedoch nicht so viel. Ein persönlicher Erfolg, aber nicht mehr“, meinte der Wide Receiver, der im Schlussviertel einen Pass von Quarterback Christoph Gross mit einem spektakulären Catch in der Endzone fing.

Unter dem Strich steht jedoch nach der Pleite gegen Japan die zweite Niederlage im zweiten WM-Spiel. Die beiden haushohen Favoriten waren wie befürchtet eine Nummer zu groß für die beherzt kämpfende AFBÖ-Auswahl. Der Traum von der Medaille ist damit geplatzt. Neues Ziel ist es, Fünfter und damit die Nummer eins von Europa zu werden.

LAOLA1 zieht nach den beiden Auftritten gegen Japan und Kanada und vor dem Duell gegen Frankreich eine Zwischenbilanz.

DIE ERFAHRUNG:

Erst vor fünf Jahren wurde in Österreich nach einigen Jahren Pause das Nationalteam wiedergegründet. Für Österreich spielen ausschließlich Amateure, die ihrer Passion in der Freizeit nachgehen. Der Vorsprung etablierter Nationen wie Japan und Kanada, in denen Profi-Ligen installiert sind, ist jedoch noch zu groß. Dieplinger: „Man muss schon eingestehen, dass Kanada eine sehr große Football-Nation ist, die diesen Sport seit über 100 Jahren betreibt. Es ist ein riesiges Land, das 30, 40 Mal so viele Spieler wie Österreich hat.“ Der 26-Jährige wählt einen Vergleich mit dem Fußball: „Man kann es sich so vorstellen, wie wenn das österreichische Nationalteam in einem WM-Viertelfinale gegen Brasilien 1:3 verliert – das wird in 100 Jahren nicht passieren. Wir waren relativ gut dabei, darauf kann man schon stolz sein.“

DIE AUFHOLJAGD:

Insofern ist es bemerkenswert, auf welchem Niveau Rot-Weiß-Rot inzwischen zumindest mithalten kann. Während die Offense schwächelte, lieferte gerade die Defense in der ersten Halbzeit gegen Kanada einen fantastischen Job ab. „Vor zehn bis 15 Jahren hätten wir wahrscheinlich komplett eine auf den Deckel gekriegt, weil der Speed und die Athletik der Leute in Österreich noch nicht so ausgeprägt war“, erklärt Christoph Schreiner. Der Safety ist mit 36 Jahren einer der Routiniers im Team, und hat die Entwicklung des „Austrian Football“ hautnah miterlebt:

„Das Spiel in Österreich hat sich extrem verändert. Den Football von vor zehn bis 15 Jahren kann man überhaupt nicht vergleichen mit jenem, der heute in Europa, speziell in Österreich, gespielt wird. Mittlerweile gibt es weniger Imports (Legionäre in der Liga; Anm.d.Red.), die werden dafür immer besser. Man muss ganz deutlich sagen: Am Anfang sind die Imports immer ganz überrascht, denn die rechnen mit ‚Bloßfüßigen‘. Nach dem ersten, zweiten Training sagen alle immer: ‚That’s real football!‘ Das ist eigentlich die größte Auszeichnung.“

DAS PERSONELLE RESERVOIR:

Aufholjagd hin, Fortschritte her: Im Vergleich zu den bisherigen Kontrahenten Japan und Kanada fehlt trotzdem noch einiges. In beiden Ländern kann man mit Football Geld verdienen, wodurch automatisch eine breitere Personalbasis zur Verfügung steht. „Sie haben eine größere Dichte an guten Spielern. Bei uns müssen die Starter mehr oder weniger durchspielen, weil die zweite oder dritte Reihe doch oft einmal einen Level schlechter ist. Die Kanadier und Japaner rotieren ständig durch, alle sind auf dem gleichen Level – das macht natürlich viel aus.“

DIE FORMATIONEN:

Einzelne Schuldzuweisungen für die beiden Niederlagen sind wohl fehl am Platz, dennoch hat man gesehen, dass sich die Offense gegen Abwehrreihen dieses Kalibers schwer tut. Mit Christoph Gross verfügt sie über einen talentierten, aber unerfahrenen Quarterback, der gerade gegen Kanada eine respektable Zahl an harten Hits einstecken musste. „Das Leichteste, um einen Quarterback aus der Ruhe zu bringen, ist immer ihm viel Pressure zu bringen“, erläutert Schreiner. Die bekannte Problematik, wenn die Offense nicht ins Rollen kommt, ist, dass die Defense überbeschäftigt ist und Kraft einbüßt. Schreiner: „Gerade in der ersten Halbzeit war die Defense schon extrem viel am Feld, wobei sie wirklich eine unglaubliche Leistung geboten hat.“

DIE CHANCENVERWERTUNG:

Alle AFBÖ-Cracks betonen bei jeder Gelegenheit, dass man nahezu perfekt spielen müsse, wenn man solche Gegner schlagen will. Beinahe ein Ding der Unmöglichkeit. Doch Selbstfaller sollten sich keinesfalls darunter mischen. Besonders bitter war gegen Kanada so gesehen die Schlussphase der ersten Halbzeit. Beim Stand von 0:14 hatte Österreich die riesige Chance, auf 7:14 heranzukommen, vergab sie jedoch durch zwei in der Endzone fallen gelassene Bälle – vor allem der Drop von Andi Pröller fällt schon unter die Kategorie Zitterhändchen. Beim nächsten Pass vergab Gross mit einer Interception die Punktechance. „Wenn es 7:14 steht, fangen die Kanadier auch zum Nachdenken an. Das sind Sachen, die nicht passieren dürfen. Gerade die Receiver sind eine Stärke in unserem Team, die fangen normal jeden erdenklichen Ball blind“, meint Schreiner.

DER AUSBLICK:

Beim großen Highlight Heim-WM kann Österreich keine Medaille, sondern nur noch an Erfahrung gewinnen – und die Gewissheit, sich weiterentwickelt zu haben. „Sowohl die Japaner als auch die Kanadier haben in Wirklichkeit bis zum letzten Drücker kämpfen müssen. Ich bin zu 100 Prozent überzeugt, dass sie nicht mit so viel Gegenwehr gerechnet haben“, glaubt Schreiner. Die Idee, den Event nach Österreich zu holen, war, diese Sportart auf breitere Beine zu stellen. Auf Nationalteam-Ebene muss die Entwicklung weitergehen, um bei der nächsten WM noch besser auszuschauen. „Meiner Meinung nach ist es ein Erfahrungsprozess. Im Großen und Ganzen haben wir ein relativ junges Team. Ich schätze schon, dass in vier Jahren der nächste Schritt kommen wird.“

Peter Altmann

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