Vom Pizzaboy zum NFL-Star

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J.J. Who? J.J. Watt! Vom Pizzaboy zum Star in der NFL

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Es gibt Momente, die verändern das Leben eines Menschen nachhaltig.

Ein Tag, ein Ereignis, ein Satz – und plötzlich wird einem bewusst, dass etwas nicht stimmt. Es wird nachgedacht, es wird gegrübelt, es wird eine Entscheidung gefällt. Eine mit Konsequenzen.

So einen Moment erlebte der Protagonist dieser Geschichte im Jahr 2008.

Eigentlich dem Eishockey verschrieben

Rückblende. Justin James Watt wurde in Wisconsin geboren und wuchs in Pewaukee auf. Ein kleiner Ort am gleichnamigen See gelegen mit 8.000 Einwohnern, eine halbe Autostunde von Milwaukee entfernt.

J.J., so wie er auch heute überall gerufen wird, war von klein auf sportbegeistert und hatte sich eigentlich dem Eishockey verschrieben.

„Da habe ich meine bisher besten Leistungen abgeliefert, das ist meine wirkliche Leidenschaft“, ließ Watt als Jugendlicher wissen. Doch das Schicksal hatte etwas anderes mit dem talentierten Athleten vor.

Denn obwohl Watt bereits mit drei Jahren das Eislaufen lernte und in jungen Jahren sogar als Teil des USA-Nachwuchses bei einem Turnier in Deutschland als bester Spieler ausgezeichnet wurde, konnte er bald nicht mehr seiner Liebe fröhnen. Aus einfachem Grunde: Der Familie wurde es zu teuer.

Nicht, dass Watt in ärmlichen Verhältnissen leben musste, aber rund 30.000 Dollar pro Jahr für Ausrüstung und Reisen waren zu viel des Guten. Zumal auch die Füße des heute 1,96m-Riesen einfach zu groß gerieten. 700 Dollar hätten eigens angefertigte Schuhe gekostet, alles in allem zu viel Geld für die Familie Watt.

Viele Sportarten auf der Highschool

Das Ende des Sporttreibens bedeutete es freilich nicht. Watt spielte Baseball, Basketball und war Kugelstoßer. Am Parkett stellte er etwa einen Schulrekord auf. Auch mit der Kugel. Vor ihm hielt sein Vater John die Bestmarke (16,68m), auch diese sollte fallen.

Watt mit seiner Nummer 99 bei den Wisconsin Badgers

Es war ausgerechnet ein Pass des früheren Texas-Christian- und heutigen Bengals-QB Andy Dalton, dem Watt mit den Badgers 2011 noch in der Rose Bowl, einem College-Endspiel, unterlag. Im zweiten Postseason-Spiel war schließlich Endstation bei den Baltimore Ravens, eine 13:20 besiegelte Watts erste Spielzeit.

In der zweiten gelang Watt bereits der Durchbruch zum Verteidiger-Star der Liga. Das 134-kg-Paket wurde zum Sacks-Monster schlechthin, brachte 20,5 Mal einen Quarterback für Yards-Verlust zu Fall. Nur zwei fehlten ihm auf den Single Season Record (DIASHOW) von NY Giant Michael Strahan (2001), es war der sechstbeste Wert der NFL-Geschichte.

Let’s talk about Sacks

Seine 20,5 waren freilich auch der Top-Wert der Regular Season und auch Franchise-Rekord. Herausstechend: Neben 81 Tackles sorgte er auch für 16 (!) abgelenkte Pässe eines Quarterbacks. Eine Statistik, die üblicherweise Linebackers dominieren.

Watt ist der Albtraum einer jeder Offensive Line und deren Quarterbacks, die dahinter das Spiel machen wollen. Watt ist mit seinen riesigen Händen, seiner immensen Reichweite immer und überall eine Gefahr für die Offensiv-Abteilungen dieser Liga.

Ihn im Training zu simulieren, ist mit den vorhandenen Trainings-Teams der Gegner de facto unmöglich. "Das ist hart, herausfordernd", hielt etwa Patriots-Coach Bill Belichick vor dem ersten Saisonduell fest.

Abräumer Watt, dem der Award als Defensive Player of the Year nicht zu nehmen sein wird, überzeugte beim 19:13 vergangene Woche (wieder) gegen die Cincinnati Bengals mit fünf Tackles, einem Sack, zwei Quarterback-Hits sowie zwei abgewehrten Pässen. Am Sonntag treffen die Texans wieder auf New England, denen Houston noch am 10. Dezember hoffnungslos 14:42 unterlag.

Dieses Mal soll Patriots-QB-Superstar Tom Brady die Offensive nicht so dirigieren können. Sacks-Monster Watt will das verhindern, um seinen nächsten Traum, den Super-Bowl-Sieg, am Leben zu halten.

Freilich nur auf faire Weise, böses Blut lässt Watt nie fließen, getreu dem Motto: großer Typ, große Hände, großes Herz.

Da investiert Watt wie schon früher lieber harte Arbeit.

Und vergisst dabei nie auf die anderen: Der NFL-Star hat bereits eine Foundation ins Leben gerufen, die Kindern in Wisconsin und Texas Sport nach der Schule ermöglicht. „Man muss der Gemeinschaft einfach etwas zurückgeben“, so sein Credo.

So wie sie ihm einst in Form eines kleinen Jungen etwas gab. Fans erhalten übrigens im Gegenzug für eine Spende zugunsten der Foundation Armbänder. Mit der Aufschrift: Dream big, work hard.

 

Bernhard Kastler

Zuvor wegen seiner Umtriebigkeit nicht dazugekommen, „dachte ich mir, ich mache das als letztes Hurra“ im letzten Highschool-Jahr.

J.J. brach den Rekord zwei Mal und stieß die Kugel auf 16,74m. Watt betrieb in seiner High-School-Zeit gleich fünf Sportarten.

„Ich denke, mehrere Sportarten zu betreiben ist wichtig, vor allem in der High School. Danach hast du nicht die Chance, etwa Basketball und Baseball zu spielen. Vor allem am College nicht“, wusste Watt.

Die eine Sportart sollte schließlich Football werden. Auch das spielte der heute 23-jährige Defensive End der Houston Texans – selbstredend – schon in der High School. Mit Erfolg.

Zwei große Träume entwickelten sich

Als Offensivspieler (Tight End) schaffte er es in die erste Auswahl des Bundesstaates, machte sich zudem als Defensive End einen Namen und fungierte auch als Backup-Quarterback. Und das in Zeiten der legendären Ära Brett Favres beim Football-Team aller Einwohner Wisconsins, den Green Bay Packers.

Wenn auch nicht als Spielmacher, Watt verfolgte zwei große Träume: Für das lokale College-Team Wisconsin Badgers zu spielen, dann in die National Football League zu gelangen. Ein steiniger Weg, schließlich waren die Colleges nur bedingt von seinen Fähigkeiten überzeugt.

„Dream big, work hard“, lautet Watts Lebensmotto. Wer seine Geschichte kennt, fühlt sich damit nicht überrascht.

Sein erster Traum erfüllte sich nicht auf Anhieb. Der damalige Badgers-Coach Bret Bielema lehnte ein Stipendium für Watt ab. Er dachte, der angehende Student sei nicht kräftig genug.

Tatsächlich hatte Watt vor dem Einstieg in die NFL um 40 Kilo mehr auf den Rippen als damals mit 18 Jahren.

Die Folge dieser Ablehnung: Watt ging auf die Central Michigan, spielte als Tight End. Aber er war nicht zufrieden. Er wollte unbedingt zu den Badgers, die nur eine 45-minütige Autofahrt von zu Hause entfernt spielten.

Die NFL von Michigan aus zu erreichen? Daran glaubte der Freshman ebenso nicht und zog die Konsequenzen.

Nach einer Saison, in der er zwar immer spielte, aber nur acht Pässe fing, ließ er das Stipendium sausen, ging zurück nach Wisconsin, trug sich in ein Community College ein – und lieferte Pizzen aus.

Der Pizza-Boy und sein Moment

Dann kam er schließlich. Dieser eine Moment. Jener, der sein Leben endgültig in die richtige Bahnen lenkte.

„Mom, J.J. Watt ist da!“, schrie das Kind zu seiner Mutter ins Haus. Watt hatte gerade eine Pizza ins Haus geliefert. Der Bub erkannte den früheren High-School-Star aus Pewaukee zum Erstaunen Watts.

„Ich sagte, ich hätte deine Pizza. Dann hat mich der Junge etwas verblüfft angesehen, als ob er fragen würde: Warum bringt mir J.J. Watt, der Football-Spieler, meine Pizza?“, erzählte selbiger später.

Dieser Augenblick ging ihm nicht aus dem Kopf. Er setzte sich ins Auto, der Blick des Jungen ließ den damals 19-Jährigen nicht los.

„Ich brüllte mit mir ein wenig und dachte mir: Warum mache ich das alles? Ich will nicht Pizzen ausliefern, ich will Football spielen. Dieser Moment hat mich aufs Neue motiviert.“

Gleich danach, so Watt, sei er trainieren gegangen. „Ich hatte ein neues Selbstbewusstsein und den Glauben, dass mich nichts aufhalten würde.“ Und tatsächlich konnte ihn danach keine Hürde mehr stoppen.

Die Träume erfüllten sich

Noch im selben Jahr erfüllte Watt sich seinen ersten Traum und wurde ein Badger, er spielte in seiner ersten Saison alle 13 Spiele – dieses Mal als Defensive End. Jene Position, die auf ihn geschneidert war.

Nach überzeugenden Leistungen entschied sich der Verteidiger, auf die Senior Season zu verzichten und sich für den NFL Draft 2011 anzumelden. Die Houston Texans wählten Watt an elfter Stelle der ersten Runde.

Eine Wahl, die sich mehr als lohnen sollte. Bereits in der ersten Saison vermochte der damalige Rookie mit 56 Tackles und 5,5 Sacks aufzuzeigen. Die Texans zogen erstmals in die Playoffs ein, Watt trug dabei eine Interception zurück in die Endzone. Sein erster Touchdown in der NFL.

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