Entscheidende Faktoren beim Titel-"Lauf"

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Folgende Einschätzung ist alles, nur kein Geheimnis: Die NFL ist eine Quarterback-Liga.

Die Zeiten, als man mit einem bestenfalls durchschnittlichen Spielmacher die Super Bowl gewinnen konnte, sind noch nicht allzu lange her – man denke an Brad Johnson (2003 mit Tampa Bay) oder Trent Dilfer (2001 mit Baltimore).

In der NFL der Gegenwart ist die Wahrscheinlichkeit, ohne halbwegs explosives Passspiel die Vince-Lombardi-Trophy zu erobern, jedoch denkbar gering.

Ein Umstand, der gleichzeitig die Wichtigkeit des Laufspiels ein wenig geringer werden ließ. Trägt man nicht den Namen Adrian Peterson, ist es auch schwieriger geworden, als Running Back in die Riege der absoluten Topstars aufzusteigen.

Unterschätzen sollte man die Wertigkeit effizienten Laufspiels jedoch nicht, ganz im Gegenteil. Gerade in der Postseason zählt es zu den Schlüsseln zum Erfolg, wie gut man den Ball am Boden bewegen und als Stütze für das Passspiel dienen kann. Dies beweist zum Beispiel ein Blick auf die vergangenen beiden Jahre:

  • 2012 wachten Ahmad Bradshaw und Brandon Jacobs in den Playoffs auf und hatten ihren fairen Anteil am Super-Bowl-Triumph der Giants, nachdem das Laufspiel der New Yorker in der Regular Season noch das schlechteste der Liga gewesen war. Schon 2008 assistierte dieses Duo Eli Manning am Weg zum Titel.
  • 2011 trug freilich Aaron Rodgers die Hauptlast Green Bays, aber ohne James Starks wäre es für die während der Regular Season noch leichter ausrechenbaren Packers wesentlich schwieriger geworden. Der Nobody tauchte kurz vor den Playoffs wie aus dem Nichts auf und steuerte immerhin 315 Rushing Yards zum Titel bei.

Im Jahr davor lieferten Pierre Thomas und Reggie Bush beim Siegeszug der New Orleans Saints vielleicht nicht die ganz große Yardage ab, waren aber traditionell sehr aktiv ins Passspiel eingebunden. Umso öfter (wenn auch nicht immer effizient) trug 2009 Willie Parker für Champion Pittsburgh Steelers den Ball – 70 Mal in drei Playoff-Matches.

Mit Atlanta und San Francisco (beide NFC) sowie New England und Baltimore (AFC) machen sich in dieser Saison noch vier Franchises Hoffnungen auf den ganz großen Wurf. Die Rushing-Strategien sind durchaus verschieden, aber umso interessanter. LAOLA1 schaut sich das Personal für den Titel-„Lauf“ näher an:

MICHAEL TURNER & JACQUIZZ RODGERS (ATLANTA FALCONS)

Er war die große Enttäuschung dieser Falcons-Saison: Michael Turner. Vier Jahre lang war der Running Back ein Workhorse, wie es im Buche steht. In seiner fünften Saison in Atlanta galt die alte Regel, dass Running Backs nach ihrem 30. Geburtstag an Leistungsfähigkeit verlieren. Enttäuschende 800 Rushing Yards standen für den bald 31-Jährigen nach der Regular Season zu Buche. Zwar bekam er seltener den Ball als in den Jahren davor (2011 waren es noch 1340 Yards), ein Schnitt von 3,6 Yards pro Lauf ist jedoch kein Grund stolz zu sein. In den Divisional Playoffs gegen Seattle zeigte der Routinier jedoch auch praktisch, welche Klasse theoretisch in ihm steckt. 98 Yards, genau sieben im Schnitt pro Lauf – eine starke Performance. Einen Riecher für die Endzone hat Turner ohnehin immer noch, wie zehn Touchdowns in der Regular Season beweisen. Immer mehr Arbeit wird ihm von Backup Jacquizz Rodgers abgenommen. Der erst 22-Jährige kam gegen die Seahawks auf wertvolle 64 Yards. Besteht das Duo nach der starken Seattle-Abwehr auch die Herausforderung gegen die toughe 49ers-Defense, wäre dies für die Falcons ein wichtiger Schritt in Richtung Super-Bowl-Teilnahme.

FRANK GORE & LAMICHAEL JAMES (SAN FRANCISCO 49ERS)

In guten wie in schlechten Zeiten – Frank Gore zählt seit nunmehr acht Saisonen zu den Konstanten bei den 49ers. Der 29-Jährige wurde 2005 im selben Jahr wie Nummer-1-Pick Alex Smith gedraftet, entwickelte aber ungleich mehr Wertigkeit als der Quarterback, zählte auch in den mageren Jahren zu den Lichtblicken. Mit 8839 Rushing Yards hält er inzwischen den Franchise-Rekord, ebenso mit 51 Rushing-Touchdowns. Auch heuer kam er mit 1214 Rushing Yards auf einen respektablen Wert (4,7 im Schnitt). San Franciscos Offense basiert grundsätzlich mehr auf dem Laufspiel als dies bei einigen anderen Teams üblich ist – zumindest bevor Colin Kaepernick als Quarterback übernahm und Elemente der Pistol Offense installiert wurden. Als er diese bei College-Teams sah, war Gore skeptisch: „Es kam mir nicht wie echter Football vor. Aber es hilft uns, und wenn uns etwas hilft, bin ich dafür. Ich bin ein Football-Spieler und kann mich anpassen.“ Eine gewisse Vielseitigkeit gehört neben seiner Verlässlichkeit ohnehin zu den Stärken des Ballträgers. Während Kaepernick durch seine Laufstärke (181 Rushing Yards in den Divisional Playoffs gegen Green Bay) eine neue Dimension in den Angriff der Niners bringt, hat sich auch Gore akklimatisiert. Gegen die Packers steuerte er immerhin 119 Rushing Yards und einen Touchdown bei. Mit Kendall Hunter fällt Gores Backup für die restliche Saison aus, Rookie LaMichael James hinterlässt bislang als neue Nummer zwei jedoch einen ordentlichen Eindruck, punktet mit seiner Schnelligkeit. Atlanta war in der Regular Season nicht immer sattelfest gegen den Lauf. Ohne gute Performance am Boden wird es schwer für San Francisco.

STEVAN RIDLEY & SHANE VEREEN (NEW ENGLAND PATRIOTS)

Man kann nicht gerade behaupten, dass das Laufspiel bei New England während der Ära von Superstar-Quarterback Tom Brady allzu hohe Priorität genoss. Umso bemerkenswerter ist, dass Jungstar Stevan Ridley in dieser Saison auf 1263 Rushing Yards kam – der beste Patriots-Wert seit Corey Dillon im Jahr 2004 (1635 Yards). Es mag Zufall sein, aber in dieser Saison eroberte das Team von Head Coach Bill Belichick auch letztmals die Lombardi-Trophy. Seither hatten Running Backs, welche die 1000-Yards-Schallmauer durchbrachen, in Boston Seltenheitswert. Dass gutes Laufspiel eine Entlastung für Brady darstellt, versteht sich von selbst. Ridley trägt diesbezüglich nicht die alleinige Last. Danny Woodhead bekommt ebenso den Ball wie Shane Vereen. Letzterer wurde wie Ridley 2011 gedraftet, allerdings bereits in Runde zwei, also eine Runde früher. Bei den Patriots hatte er bislang dennoch das Nachsehen gegenüber seinem Jahrgangs-Kollegen. In den Divisional Playoffs deutete Vereen gegen Houston mit 124 Total Yards und drei Touchdowns dennoch sein Potenzial an. Gegen Baltimore wird logischerweise wieder Brady mit seinen Passempfängern die Verantwortung tragen, es wird jedoch entscheidend, dass die jungen Patriots-Ballträger Ray Lewis und Co. beschäftigen.

RAY RICE & BERNARD PIERCE (BALTIMORE RAVENS)

Anders als New England setzt Baltimore traditionell eher auf eine lauflastige Offense, auch wenn Quarterback Joe Flacco in der jüngeren Vergangenheit mehr Einfluss gewährt wurde. Mit Ray Rice verfügen die Ravens auch über einen der besten Vertreter seiner Zunft. In dieser Saison bekam der Running Back jedoch eine Spur weniger als gewohnt den Ball übertragen, wohl um ihn im Hinblick auf die Playoffs frischer zu halten. 1143 Rushing Yards in der Regular Season sind dennoch aller Ehren wert. Zudem ist Rice, der kommenden Dienstag seinen 26. Geburtstag feiert, auch als Passempfänger brandgefährlich. In den aktuellen Playoffs erlief er bereits 199 Yards, seine Rolle als Eckpfeiler dieses Teams wurde auch von den beiden Fumbles gegen Indianapolis nicht getrübt. Interessanter Fakt dazu am Rande: Während Rice sich in seiner gesamten Regular-Season-Karriere nur sechs Lost Fumbles erlaubte, sind es in Postseason-Auftritten bereits deren vier. Rookie Bernard Pierce entwickelte sich im Saisonverlauf zunehmend zur verlässlichen Nummer zwei, vor allem in den vergangenen Wochen leistete er wertvolle Dienste. Die Laufverteidigung der Patriots gehört dem oberen Drittel der Liga an. Ein Schlüssel zum Sieg wird für die Ravens sein, wie gut sie die Uhr kontrollieren und Brady an der Seitenlinie halten können – ohne effizienten Auftritt von Rice und Pierce ein Ding der Unmöglichkeit.


Peter Altmann

 

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