Das bewegte Leben des Ray L.

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Ray(s) of Light - die bewegte Karriere des Ray Lewis

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Es gibt Karrieren, und es gibt KARRIEREN.

Die einen werden vergessen, die anderen setzen sich am Rande der Wahrnehmung fest und ein Bruchteil bleibt unvergessen.

Wenn Ray Lewis sein letztes Spiel in dieser Saison gespielt hat und seine Ankündigung ("Das ist meine letzte Fahrt") wahrmacht, dann wird seine Karriere unvergessen bleiben. Nicht nur aus sportlichen Gründen.

Der 37-Jährige gehört seit vielen Jahren zu den schillerndsten Figuren der National Football League. Linebacker fallen für gewöhnlich für ihre spektakulären Bewegungen auf, und dieser Linebacker noch mehr.

Und das nicht nur wegen der legendär gewordenen Tanzchoreografie des 1,85m großen und 109 Kilogramm schweren Muskelpakets vor dem Auflaufen seines Teams.

Die omnipräsente Nummer 52

Die Nummer 52. Sie ist am Spielfeld nicht zu übersehen. Hinter der Defensive-Line wartet sie auf ihren Einsatz, wartet darauf, mit aller erlaubter Gewalt, den Gegner zu stoppen. Und wie sie das getan hat.

Lewis, geboren, aufgewachsen sowie College-Spieler (Miami) in Florida, wurde 1996 Teil der Ravens. Er machte damit die komplette Franchise-Geschichte mit. Denn in diesem Jahr zog Eigentümer Art Modell mit den damaligen Cleveland Browns nach Baltimore.

Der 26. Pick des NFL-Drafts 1996, der zweite in der Franchise-Geschichte, blieb seinen Ravens immer treu, war und ist ein One-Club-Player. Bei ihnen wurde Lewis das, was er nun ist - eine Legende.

Rekorde und Titel

13 Mal schaffte es der emotionale Leader dieses Teams in die Pro Bowl, dem Allstar-Game der NFL - Rekord auf seiner Position. Zehn Mal wurde er dabei in die ersten beiden Teams gewählt - ebenfalls Rekord.

Zwei Mal wurde der Mann mit den von Testosteron gelenkten Bewegungen als Verteidiger des Jahres ausgezeichnet.

Und vor allem wurde Lewis 2001 zum Most Valuable Player der Super Bowl XXXV gekürt. Als erst zweiter Linebacker, und als erster der siegreichen Mannschaft - Baltimore bezwang vor zwölf Jahren die New York Giants in Tampa Bay 34:7. Der Höhepunkt der Karriere von Ray Lewis.

Die verhängnisvolle Nacht von Atlanta

Die Ravens-Ikone wird definitiv für ihre Leistungen in die Hall of Fame aufgenommen werden, die in Canton, im Bundesstaat Ohio liegt.

Nicht weit davon entfernt, 30 Kilometer südlich, liegt Akron. Dort haben Richard Lollar und Jacinth Baker bei ihren Familien die ewige Ruhe gefunden. Sie starben am Morgen des 31. Jänners 2000 in Atlanta.

In unmittelbarer Nähe von Ray Lewis.

Nur ein Jahr vor seiner persönlichen Super-Bowl-Party geriet jene 2000 völlig aus den Ufern und wurde zum dunkelsten Kapitel seines Lebens.

Nachdem die Rams die Titans in einem legendären Endspiel besiegten, kam es Stunden später in Atlanta vor einem Nachtclub zu einer Schlägerei. Lewis und seine Freunde lieferten sich diese mit einer anderen Gruppe.

Es wurden Messer gezückt. Es gab Blut. Es gab Tote. Der 24-jährige Richard Lollar und der 21-jährige Jacinth Baker verloren ihr Leben.

Keine Gefängnisstrafen

"Es ist noch alles so frisch, als wäre es gestern gewesen. Wir werden das nie vergesen. Mein Neffe wurde brutal zusammengeschlagen und ermordet - und keiner bezahlt dafür", ist Bakers Onkel Greg nach wie vor fassungslos. Und tatsächlich musste dafür keiner ins Gefängnis.

Lewis und seine beiden Kumpanen Reginald Oakley and Joseph Sweeting wurden zwar des Mordes angeklagt, schuldig gesprochen wurden sie allerdings allesamt nicht.

Die Verteidigung Lewis' konnte erreichen, dass die Mordanklage gegen ihren Mandanten fallengelassen wurde. Zum einen, weil er sich im Punkt "Behinderung der Justiz" für schuldig erklärte.

Mysteriöse Umstände

Zum anderen weil er gegen seine Freunde aussagte. Lewis setzte sie nicht direkt mit den Morden in Verbindung, sondern hielt nur fest, dass sie sich am Tag zuvor mit einem Dritten Messer gekauft hätten.

Beide wurden letztlich freigesprochen, vor dem Hintergrund der Selbstverteidigung. Lewis erhielt ein Jahr auf Bewährung, zahlte der NFL 250.000 Dollar Strafe. Sowie wurden die betroffenen Familien von ihm  mit einer unbekannten Summe Geld versorgt. Der Fall selbst bleibt letztlich ungeklärt.

Lewis' weißer Anzug, den er in dieser Nacht angehabt haben soll, wurde nie gefunden. In der Limousine, mit der sich die Gruppe davon machte, wurde später Blut gefunden. Zeugenaussagen halten fest, dass in der Limo folgender Satz von Lewis gefallen sei: "Jeder hält den Mund."

Und später im Hotel: "Ich werde nicht versuchen, meine Karriere so zu beenden." Tatsächlich hat die Karriere so nicht geendet.

Der unglaubliche Wandel

Sie nahm eben einen ganz anderen Verlauf, einen höchst positiven - deswegen wird diese Karriere so unvergessen bleiben.

Denn als früherer Mordangeklagter nun eine Legende zu sein, das geht vermeintlich nur in den USA. Zumindest erfüllt Lewis aber Kriterien, warum er nun diesen Status genießt und zuletzt gar eine öffentliche Umarmung von NFL-Commissioner Roger Goodell erhielt.

Erst vor kurzem ließ Lewis die Frage eines USA-Today-Reporters nach der folgenschweren Nacht unbeanwortet. 2010 war er diesbezüglich gesprächiger.

Gegenüber der "Baltimore Sun" ließ er wissen: "Ich sage dir, kein Tag vergeht, an dem ich nicht Gott bitte, dass er den Schmerz der Menschen, die von dieser Tortur betroffen sind, lindert."

Aber nicht wegen solchen - auf der Hand liegenden - Aussagen, hat sich Lewis von ganz unten nach ganz oben in der öffentlichen Meinung gearbeitet. Auch nicht alleine wegen vielen Tackles und Sacks.

Lewis erfüllt die Kriterien

Vielmehr liegt es am Weg, der bekanntlich das Ziel ist. Strategen halten fest, es braucht drei Faktoren, um die Öffentlichkeit diesbezüglich zu überzeugen. Der Protagonist dieser Geschichte erfüllt sie alle.

Lewis hat viel gewonnen, gleich danach die Super Bowl. Er war seither immer ein Gewinner und das mit teilweise unglaublichen Leistungen. In die Playoffs kehrte er heuer nach einem Trizeps-Muskelriss zurück.

Lewis hat sich zu einem echten Teamleader entwickelt, ist ein Familienmensch geworden. Dabei das Wichtigste: Er hat sich nichts mehr zu Schulden kommen lassen.

Und Lewis hat sein Image vor allem durch Charity-Work aufpoliert. Einem erfolgreichen, gläubigen und hilfreichen Familienmenschen und Sportler - dem kann man offenbar nicht böse sein.

"Er ist eine bemerkenswerte Studie hinsichtlich vom Schlechtesten zum Besten zu werden. Es gibt nicht viele Athleten, die ein Image wieder so herstellen könnnen", meint Vada Manager, ein Firmenstratege.

Sein letztes großes Ziel

Am 3. Februar kann Ray Lewis wieder einer der Besten der Welt werden. Wenn im Superdome zu New Orleans die Super Bowl XLVII ausgetragen wird, will der kompromisslose Abwehrspieler sein letztes Spiel spielen.

Zu seinem Karriereende könnte es allerdings auch schon in Foxborough kommen, wo die Ravens im AFC Championship Game gastieren.

Wo auch immer seine letzte Fahrt in der NFL endet, seine Karriere wird letztlich in einem positiven Kontext in die Geschichte eingehen.

Und sie wird unvergessen bleiben. Nicht nur aus sportlicher Sicht.

 

Bernhard Kastler

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