Tim Tebow polarisiert die Football-Welt

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8. Januar 2009 – South Beach, Florida.

Im einzigen Irish Pub am weltbekannten Ocean Drive in Miami ist kein Platz mehr frei. Im „Finnegan’s Way“ blickt bis auf das hektisch herumtreibende Personal alles auf die zahlreichen Bildschirme.

Draußen ist nicht viel los. Der Boulevard mit den bekannten Art-Deco-Hotels wirkt zur Abendstunde fast wie verlassen. Bis auf einzelne Touristen hat sich alles in den Bars verschanzt.

Football steht auf dem Programm. Nicht irgendein Spiel für die Metropole am Atlantik, sondern das nationale Endspiel der College-Meisterschaft.

„Für den Rest unseres Lebens“

25 Auto-Minuten von der mit Bier- und Burger-Atmosphäre reichlich angefüllten Bar wird um Yards und Touchdowns gekämpft. Das BCS National Championship Game zwischen den Florida Gators und den Oklahoma Sooners sucht einen Sieger.

7:7 steht es zur Pause. In den Katakomben des Sun-Life-Stadiums schreit ein junger Mann wie am Spieß. Es ist der Quarterback der Lokalmatadoren, der seine Teamkollegen zu Höchstleistungen anspornen will.

30 Sekunden Motivations-Brüllerei des großen Jungspundes mit der stattlichen Figur: „Wir haben 30 Minuten – für den Rest unseres Lebens! Wir bekommen den Ball und ich verspreche euch, wir marschieren das Feld runter und erzielen den Touchdown. Ich garantiere euch das!“

Unter den Augen trägt die Nummer 15 die für Football-Spieler üblichen „Black Stripes“ – die schwarze Farbe dient in erster Linie als Blendschutz, in zweiter erfüllt sie auch den Aspekt der Einschüchterung.

Doch in diesem speziellen Fall nicht nur das.

Der Spielmacher hat mit weißer Schrift „John 3:16“ in den schwarzen Strichen stehen. Es handelt sich um einen in den USA überaus bekannten Vers aus der Bibel: Johannes, 3,16.

„Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben…“

Der angesprochene Motivations-Redner, Bibelvers-Träger und – in erster Linie – Spielmacher im American Football heißt Tim Tebow.

Sein ungewöhnlicher Stil

Schon damals weckte der auf den Philippinen geborene Sohn amerikanischer Eltern - sein Vater ist Pastor - riesiges Interesse.

Die so genannte "Gator-Nation lag ihm sowieso zu Füßen. Aber ebenso unbescholtene Touristen ließ der Quarterback-Hüne nicht kalt. Vielleicht auch aufgrund seines ungewöhnlichen Stils zu spielen.

Nur wenigen Spielmachern zuvor konnte so oft beim Laufen zugesehen werden. Seine Wurfbewegung hingegen mutete im Vergleich zu anderen seiner Zunft seltsam an.

Jedoch konnte dem damals 21-Jährigen, der mit seinen Gators das Endspiel 24:14 gewann und zum wertvollsten Spieler gewählt wurde, eine Siegermentalität nicht abgesprochen werden.

Die Tebow-Time

Diese hat Tebow ins Jahr 2011 mitgenommen.

„It’s Tebow Time“, „He did it again“, „Believe it or not“, „Mile-High Miracle“ – nur einige der vielen Schlagzeilen in den vergangenen Wochen, die den 24-Jährigen in den Mittelpunkt der Berichterstattung stellten.

Wunder ist das keines. Vor allem nicht in den USA, deren Medien größtenteils nur Gewinner und Verlierer kennen. Im Fall von Tebow gilt Ersteres. Das beweist er in seiner zweiten Saison in der National Football League, der größten Sport-Liga der Welt, eindrucksvoll.

2010 wurde der Gewinner der Heisman-Trophy (Auszeichnung für den besten College-Spieler eines Jahres, Anm.) gedraftet – in der ersten Runde, an 25. Stelle.

QB Tebow: Viele Lauf-Yards und ungewöhnliche Wurftechnik

Problematische frühe Jahre

Der Weg dorthin war kein einfacher, und schon gar kein normaler. Seine Mutter, der während der Schwangerschaft mit Tim eine lebensbedrohende Infektion widerfuhr und die gegen den Rat der Ärzte nicht abtrieb, lehrte ihren „Timmy“ wie ihre anderen vier Kinder von zu Hause aus.

Die Tebows erkämpften sich das Recht, trotz Privat-Ausbildung im eigenen Haus in der lokalen High-School Football spielen zu dürfen. Tim verschlug es nach einer Saison in der Trinity Christian Academy, für die er Linebacker und Tight End spielte, in die Nease High School nach Pontre Vedra Beach.

Dort startete seine Quarterback-Karriere. Dort startete sein ungewöhnlicher Weg als Spielmacher.

Schon in Highschool-Zeiten wurde seine sportliche wie persönliche Geschichte medial in den Mittelpunkt gestellt – etwa in einer ESPN-Dokumentation mit dem pathetischen Titel: „Tim Tebow – The Chosen One“.

Fans und Kritiker gleichermaßen

Mit der Zeit auf der High School, im College und letztlich in der NFL säumten zwei Arten von Begleitern zugleich seinen Weg: Fans und Kritiker.

Während die einen seine Ankunft in Denver bejubelten, zweifelten andere seine Fähigkeiten an.

Tebow richtete seinen Kritikern vorab aus: „Ich habe einfach die Leidenschaft, Football zu spielen. Wenn du Dinge anders machst als andere und du dich nicht mit dem Durchschnitt zufrieden gibst, dann bist du offen für Kritik. Aber dafür bin ich bereit. Ich habe gelernt, damit zu leben. Ich wollte niemals Dinge so machen wie andere auch.“

Head Coach Josh McDaniels, der nach der Saison 2010/11 gehen musste, holte den Jungspund nach Colorado. Die Früchte fährt aktuell ein anderer ein.

Nach einem Fehlstart mit einem Sieg aus fünf Spielen entschied sich McDaniels‘ Nachfolger, John Fox, zu einem Wechsel auf der Quarterback-Position.

Vielleicht auch weil die Fans in der Mile-High-City – Denver liegt eine Meile, also 1609 Meter, über dem Meeresspiegel – den Spielmacher mit Fortlauf der Negativentwicklung lautstark forderten.

US-Ski-Star Lindsey Vonn betreibt "Tebowing"

Tebow und Lindsey Vonn

Auch in Österreich. Und das nicht nur deswegen, weil die sich scheiden lassende Lindsey Vonn in amouröse Verbindung mit dem angeblich enthaltsam lebenden Tebow gebracht wird.

„Ich bin nur mit der Familie befreundet, ich kenne Tim seit Jahren“, entkräftet die US-Ski-Queen in ihrem Blog bei der „Denver Post“. In „Sport am Sonntag“ nannte sie Tebow auch ein Vorbild: „Er ist ein Comeback-Kid.“

Aus diesen Gründen habe die aus Colorado stammende Broncos-Anhängerin das so genannte „Tebowing“ – Tebows Pose des Kniens samt Betens – nach ihrem Sieg in Beaver Creek nachgeahmt.

Großer Hype

Nachahmer gibt es mittlerweile genug. Wie auch Fans, die sich vom riesigen Medien-Hype mitreißen lassen.

Auf „Twitter“ ging es nach dem neuerlichen Comeback-Sieg gegen Chicago rund.

Österreichs NHL-Legionär Michael Grabner etwa postete: „Wenn man im vierten Viertel nicht zwei Touchdowns vorne ist, dann kann man es gleich sein lassen, dann kann man nur verlieren.“

Andere klinken sich auf andere Weise in das Thema ein.

So meinte etwa ein Motorsport-Journalist der „Sports Illustrated“: „Ich denke, irgendjemand müsste Tebow sagen, dass Welthunger und Krebs mit 13 Punkten führen und nur noch drei Minuten zu spielen sind.“

Tim Tebow ist zweifellos kein Football-Spieler der Marke 08/15. Seine Geschichte ist außergewöhnlich. In ihm sind unorthodoxe Fähigkeiten eines Quarterbacks vereint.

Ob seine extrovertierte Art hinsichtlich seines Glaubens, seine unkoventionelle Art Quarterback zu sein oder einfach das Gewinnen der Spiele seines Teams – Tebow lässt keinen Football-Interessierten kalt.

Ob Fan oder Kritiker.

 

Bernhard Kastler

Die Chance genützt

Tebow war bereits im fünften Saisonspiel zu Haus gegen San Diego zum Einsatz gekommen, konnte mit seinen Teamkollegen aber einen 16-Punkte-Rückstand trotz großer Aufholjagd nicht mehr drehen.

Danach übernahm der Linkswerfer letztlich ganz das Ruder von Kyle Orton – und führte die Broncos von einer 1-4- zu einer 8-5-Bilanz.

Sechs Siege in Folge zeichnen seinen Weg. Doch das alleine macht die aktuelle Tebow-Mania, die auch weniger Football-Interessierte in den Bann zieht, nicht aus. Es ist die Art und Weise der Erfolge.

Bei seinem ersten Start in dieser Saison war der Spielmacher dreieinhalb Viertel lang nicht zu sehen, Miami lag bis 2:52 Minuten vor Schluss 15:0 vorne und am Ende führte Tebow seine Mannen mit zwei Touchdown-Pässen und einer Two-Point-Conversion in die Overtime, in der gewonnen wurde.

Nach einem 10:45-Heimdebakel gegen die Detroit Lions, bei dem  die Defensive des Gegners das Spiel der Tebow’schen Offensive  als langweilig titulierte, freuten sich seine Kritiker zu früh.

Diese Niederlage schien den tief gläubigen Christen, der seinem Vater auf den Philippinen beim Missionieren unterstützte, erst richtig auf den Siegerweg zu führen.

Ein Comeback-Sieg nach dem anderen

Nach einem 38:24-Erfolg gegen die Oakland Raiders folgte der nächste kuriose Sieg: Mit nur zwei erfolgreichen Passversuchen konnten die Kansas City Chiefs 17:10 geschlagen werden.

In der ersten Hälfte brachte Tebow dabei nicht einen (!) Pass an den Mann.

Gegen die New York Jets profitierte der Mann der Stunde erst wieder von seiner Abwehr, um eine Minute vor Schluss einen beachtlichen 95-Yards-Drive zu führen und den Ball schließlich selbst in die Endzone zum 17:13-Endstand zu laufen.

San Diego (16:13 nach Overtime), Minnesota (35:32 in letzter Sekunde) und gerade erst am Sonntag Chicago (13:10 nach Overtime) schlugen die Broncos allesamt nach Rückstand im vierten Viertel.

Dies ist freilich nicht nur Tebow geschuldet, vor allem weil der Spielmacher in diesen Spielen in den ersten drei Vierteln immer eine bescheidende Performance abliefert.

Für solche Comeback-Siege braucht es eine gute Defensive, einen guten Kicker sowie die Mithilfe des Gegners, der solche außergewöhnlichen Last-Minutes-Drives zulässt.

Doch der Medien-Hype verlagert sich einzig und allein auf Tebow. Die Frage, ob zurecht oder nicht, ist genauso polarisierend wie der Spielmacher selbst. Doch dieser Zug ist nicht zu stoppen.

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