"Der Super-Bowl-Sieg ist das ultimative Gefühl"

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Understatement ist üblicherweise kein Charakterzug von US-Sport-Superstars.

Dies ist jedoch weniger auf Arroganz oder Größenwahn zurückzuführen, sondern auf die quasi von Kindesbeinen an mitgegebene Devise, sich immer die höchsten Ziele zu stecken.

Wenig verwunderlich also, dass Reggie Bush im exklusiven LAOLA1-Interview für die heute startende Saison den Gewinn der Super Bowl als Ziel ausgibt – inklusive Rushing-Titel für ihn persönlich als individuelles Vorhaben.

Realistisch ist beides nicht.

Für seine Miami Dolphins wäre schon die Qualifikation für die Playoffs eine große Überraschung. Der Running Back selbst hat erst in der vergangenen Saison erstmals die Schallmauer von 1000 Rushing-Yards durchbrochen – dies jedoch mit nur 216 Versuchen und dem hervorragenden Schnitt von fünf Yards pro Laufversuch.

Als talentierter Passempfänger wird der 27-Jährige seit jeher gerne als Allrounder eingesetzt, und seine Qualitäten verschafften ihm auch jede Menge Ruhm, sei es als College-Superstar bei USC, als Hoffnungsträger der New Orleans Saints, mit denen er 2010 die Super Bowl eroberte.

Oder nun als routinierte Stütze der Dolphins, bei denen er in seine zweite Saison startet. Im Rahmen seines Salzburg-Besuchs im Juli nahm sich Bush Zeit, um mit LAOLA1 ausführlich über diverse Themen rund um die NFL und seine Person zu plaudern:

LAOLA1: 2011 gingen die ersten sieben Spiele verloren, nach starkem Finish beendete Miami die Saison mit einer Bilanz von 6-10. Was können wir in der kommenden Saison von den Dolphins erwarten?

Reggie Bush: Ein besseres Team. Letzte Saison haben wir nicht unsere Leistung gebracht. Wir haben unsere Erwartungen nicht erfüllt, weil wir keinen guten Start in die Saison erwischt haben. Diese Saison kann man mit dem neuen Trainerstab ein viel besseres Team erwarten. Sowohl in der Offensive als auch in der Defensive verwenden wir komplett andere Systeme. Wir setzen in der Offense mehr auf Attacke, es wird mehr Big Plays, mehr Spektakel für die Fans – und auch für uns Spieler - geben.

LAOLA1: Der neue Head Coach Joe Philbin hat als Offensive Coordinator in Green Bay großartige Arbeit geleistet. Wie ist dein Eindruck von ihm und Mike Sherman, dem neuen Verantwortlichen für die Offense?

Bush: Es liegt auf der Hand, dass sie großes Fachwissen haben, beide sind sehr smart. Coach Philbin hat mit Green Bay die Super Bowl gewonnen – das ist der Typ von Coach, den du als Anführer deines Teams haben willst. Er weiß, wie man den Titel gewinnt. Dazu Mike Sherman, der einen guten Lebenslauf im Football hat – viele seiner Offenses haben großartigen Football gespielt. Wenn man all diese Puzzle-Teile zusammenfügt, haben wir ein gutes Team, einen guten Trainerstab und werden in diesem Jahr viel stärker sein.

LAOLA1: Ist es möglich, während einer Offseason ein komplett neues System zu installieren, oder dauert das zwei, drei Jahre?

Bush: Möglich ist es. Sicher braucht es Zeit, bis die Chemie stimmt, zwischen Trainer-Team und Spielern ein Rädchen ins andere greift. So etwas passiert nicht über Nacht. Was mich jedoch zuversichtlich stimmt, dass wir in dieser Saison besser sein werden, ist der gute Spirit. Keiner hat eines der freiwilligen Camps ausgelassen, und das spricht Bände. Jeder will besser werden, jeder will den Erfolg. Also sind wir auf einem guten Weg, diese Chemie zu entwickeln.

LAOLA1: Wie definierst du in dieser Saison Erfolg? Durch eine Qualifikation für die Playoffs?

Bush: Der Gewinn der Super Bowl ist jede Saison mein großes Ziel. Wenn du dir die Latte nicht hoch legst, erfüllst du deine Erwartungen automatisch nicht. Also ist das unser Ziel Nummer eins. Darunter kommen erst die eigenen individuellen Ziele.

LAOLA1: Die Dolphins warten seit knapp 40 Jahren auf den Gewinn der Super Bowl…

Bush (lacht): Das ist eine verdammt lange Zeit! Länger als ich am Leben bin…

Super-Bowl-Champ! 2010 eroberte Bush mit den Saints die Lombardi-Trophy

LAOLA1: Ist es überhaupt möglich, die Super Bowl ohne einen dieser Elite-Quarterbacks zu gewinnen?

Bush: Ja, weil es schon gelungen ist. Es gab Teams, welche die Super Bowl ohne Elite-Quarterback gewonnen haben. Natürlich ist es leichter, wenn du einen Elite-Quarterback hast, aber es ist möglich, weil Football ein Team-Sport ist. Es braucht mehr als eine Person, um ein Spiel zu gewinnen. Das ist eine Formel, an die ich immer geglaubt habe. Es braucht auch mehr als eine Person, um einen Touchdown zu erzielen. Auch wenn letztlich ein Spieler mit dem Ball die Linie überquert, sind die anderen zehn Jungs auf dem Feld der Grund, warum ihm das gelungen ist. Es braucht also auch ein komplettes Team, um die Super Bowl zu gewinnen.

LAOLA1: Kommen wir zurück zu den Dolphins: Receiver Brandon Marshall hat das Team verlassen. Wie schwer wiegt dieser Verlust?

Bush: Brandon zu verlieren, ist ziemlich hart, weil er ein großartiger und explosiver Spieler ist, wenn er den Ball in seinen Händen hat. Einen derart guten Spieler zu ersetzen, ist nicht einfach. Wir werden seine Präsenz auf dem Feld und sein Talent für Big Plays sicherlich vermissen. Im Moment haben wir hauptsächlich junge Receiver, die ihre Sache aber gut machen werden.

LAOLA1: Haben die Dolphins einen potenziellen Shootingstar auf der Receiver-Position, vielleicht Davone Bess?

Bush: Davone Bess ist ein wirklich guter und extrem unterschätzter Spieler. Das wird ein gutes Jahr für ihn, um das zu beweisen, den Durchbruch zu schaffen und zu zeigen, welch guter Receiver er ist. Ich sehe jeden Tag im Training, wie stark er ist und wie hart er arbeitet. Ich glaube daran, dass sich harte Arbeit immer bezahlt macht, und das wird es auch für ihn in dieser Saison. Ich weiß, dass er großartig spielen wird. Es hat schon in den vergangenen Jahren gut gespielt, aber in diesem Jahr ist unser Passspiel mehr auf ihn zugeschnitten, also erwarte ich mir viele Big Plays von ihm.

LAOLA1: Du hast ein explosiveres Offensiv-System angekündigt. Was können wir so gesehen von dir erwarten?

Bush: Ich möchte mehr Yards als vergangenes Jahr erlaufen und in dieser Saison den Rushing-Title erobern. Um das zu erreichen, bedarf es jeder Menge harter Arbeit, Konzentration und den richtigen Fokus von mir und meinen Kollegen. Aber das ist nur eines meiner kleinen Ziele und niemals das Hauptziel. Das Hauptziel ist wie gesagt der Gewinn der Super Bowl. Ich selbst will lediglich so explosiv und effektiv wie vergangene Saison sein.

LAOLA1: Wie verzweifelt läuft die Franchise diesem Ziel hinterher?

Bush: Es wäre unglaublich, wenn wir die Lombardi Trophy zurück nach Miami bringen können. Es ist eine Football-Stadt, die Leute lieben die Dolphins, das Team hat eine große Geschichte. Es ist unser Job, den Titel zurückzuholen und somit die Leidenschaft für Football weiter zu erhöhen. Dass die Miami Heat den NBA-Titel holten, hat für große Emotionen gesorgt. Jetzt müssen wir den nächsten Schritt machen.

LAOLA1: Zwischen Dolphins und Heat gibt es also keine Rivalität?

Bush: Nein, gar nicht. Sie sind jetzt ganz oben. Für uns ist das eine Motivation, wir müssen nachlegen.

LAOLA1: Die Dolphins haben Quarterback Ryan Tannehill in Runde eins gedraftet. Du warst ebenfalls ein Erstrunden-Pick, als Nummer zwei sogar noch höher. Welchen Rat kannst du ihm geben, wie man mit dem Druck fertig wird?

Bush: Eines der ersten Dinge, die ich gelernt habe, als ich in die NFL gekommen bin, war, dass eine große Verantwortung auf deinen Schultern lastet – viel mehr als nur Football zu spielen. Du musst das Leben eines Profisportlers führen, hast die Pflicht, deine Franchise würdig zu vertreten. Es ist größer als College-Football: Es ist jetzt dein Hauptjob, du verdienst dein Geld damit, musst jetzt deine Familie ernähren. Eine der ersten Lektionen, die ich gelernt habe, war daher, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Denn plötzlich kommen die Leute aus einer Million Richtungen – Cousins, Tanten, Freunde, jeder will etwas von dir. Sie brauchen Geld, rufen dich wegen Tickets an und so weiter. Das Beste, was du tun kannst, ist dein Leben bewusst einfach zu halten, den Fokus zu wahren, nur wenige Anrufe zu beantworten. Als Quarterback bist du alleine schon von der Position her automatisch ein Anführer. Quarterbacks müssen daher noch mehr den Blick fürs Wesentliche bewahren können als Spieler auf so ziemlich jeder anderen Position im Team.

LAOLA1: In Miami wartet man seit vielen Jahren auf einen neuen Dan Marino. Kann Tannehill diese Fußstapfen ausfüllen?

Bush: Ich glaube, er kann das. Mit Matt Moore haben wir einen weiteren Quarterback, der schon länger in der Liga ist, einiges an Erfahrung hat. Er kann ihm ins Profi-Leben auf und abseits des Feldes einweihen. Ich denke, diese Erfahrung wird ihm helfen.

LAOLA1: Du hast mit den New Orleans Saints die Super Bowl gewonnen. Ganz simpel gefragt: Bitte, beschreibe uns, wie sich das anfühlt.

Bush: Es ist das ultimative Gefühl! Davon träumst du dein Leben lang. Während der ganzen Saison schuftest du gemeinsam mit deinen Teamkollegen auf ein Ziel hin, nämlich in der Super Bowl zu spielen. Wenn dieser Traum in Erfüllung geht, du mit deinen Kollegen an dieser großen Show teilnimmst und auch noch gewinnst – das ist einzigartig. Es gibt nichts Besseres! Es kann kein besseres Gefühl geben – okay, ich weiß nicht, wie es sich anfühlt, Vater zu werden oder zu heiraten. Aber ich kann mir einfach kein besseres Gefühl vorstellen, als die Super Bowl mit 45 deiner Kollegen zu gewinnen, nachdem alle gemeinsam für diesen Erfolg gekämpft haben.

LAOLA1: Letztes Jahr hast du einen guten Schnitt von fünf Yards pro Laufversuch erreicht. Vielleicht sollte man dir den Ball öfter geben…

Bush (schmunzelt): Wir werden sehen. Was ich an unserer diesjährigen Offense schätze, ist, dass wir den Ball sehr viel verteilen. Das macht es für den Gegner sehr schwierig, sich auf einen Spieler zu konzentrieren. Sie müssen jeden einzelnen im Auge haben.

LAOLA1: Klingt wirklich nach Green Bay…

Bush: Genau so ist es!

LAOLA1: Die NFL spielt jede Saison ein Regular-Season-Spiel im Wembley-Stadion. Du bist 2008 mit den Saints zum Duell mit San Diego nach London gereist. Sollte es mehr Übersee-Spiele geben?

Bush: Es hat großen Spaß gemacht, und ich finde, es sollte auf jeden Fall mehr Übersee-Spiele geben, denn American Football hat sehr wohl eine Fanbase in Europa. Football ist natürlich nicht extrem populär, aber es ist uns ein Anliegen, es auf den Level extremer Popularität zu bringen. Je öfter wir hier spielen und je mehr die Europäer über unseren Sport lernen, desto mehr verstehen sie, wie wunderbar Football ist. Es geht doch darum: Wenn du Leute triffst, die sich in unserem Sport nicht auskennen, sagen sie dir immer, wie schwierig es erscheint, die Regeln zu lernen. Wenn du die Gelegenheit hast, ihnen die Materie näherzubringen, finden sie heraus, wie aufregend unser Sport ist.

LAOLA1: Didi Mateschitz, der Gründer deines Sponsors Red Bull, verfügt über jede Menge Geld. Sollte er sich ein NFL-Team kaufen?

Bush: Natürlich! Ich weiß, dass es Gespräche über ein Expansion Team in Europa gab. Wenn es soweit kommen sollte, bin ich sicher, dass das erste vermutlich in London installiert werden würde. Aber er sollte sich definitiv ein Team kaufen und es nach Europa bringen.

LAOLA1: Wer war eigentlich dein Kindheits-Idol?

Bush: Mein Lieblings-Athlet aller Zeiten ist Michael Jordan. Zudem war ich ein großer Box-Fan, ich habe Mike Tyson immer sehr bewundert. Im Football war ich ein großer Fan von Typen wie Barry Sanders, Deion Sanders, Emmitt Smith – Spielern, die im entscheidenden Moment da waren und Titel gewonnen haben. Sie waren extrem fokussiert und haben Geschichte geschrieben.

LAOLA1: Hättest du damals jemals gedacht, dass du selbst zu einem Helden beziehungsweise Vorbild werden würdest?

Bush (schmunzelt): Ich glaube nicht, dass ich ein genauso großer Held wie diese Jungs bin, aber ich weiß es zu schätzen, dass ich meinen Sport ausüben darf, denn es ist ein Privileg in der NFL zu spielen. Darauf habe ich mein Leben lang hingearbeitet. Es war mein Ziel, seit ich ein kleines Kind war. Ein Teil dieser Geschichte zu sein, ist ein besonderes Gefühl.

Das Gespräch führte Peter Altmann

LAOLA1: War es in New Orleans vielleicht noch einen Tick emotionaler? Wir alle kennen die Hintergründe: Die Stadt wurde von Hurrikan Katrina zerstört, du kamst überraschend zu den Saints, weil dich Houston nicht gedraftet hat…

Bush: Ja, ich denke, das war die emotionalste Erfahrung meines Lebens. Was Hurrikan Katrina in New Orleans angerichtet hat, war einfach verheerend. Wir als Team wollten den Leuten in New Orleans etwas geben, worauf sie stolz sein können, und das ist uns gelungen. Das ist Teil der Geschichte, etwas, das nie vergessen werden wird. Außerdem kam es zum richtigen Zeitpunkt, als die Stadt ein Erfolgserlebnis wie dieses dringend gebraucht hat.

LAOLA1: Du wurdest 2006 in der Saison nach Katrina gedraftet, was eine unglaubliche Begeisterung in New Orleans ausgelöst hat. Du warst damals noch sehr jung. Wie schwer war es, dass der Druck einer ganzen Franchise auf deinen Schultern lastete?

Bush: Das war ziemlich schwer für mich. Ich habe davor niemals außerhalb von Südkalifornien gelebt. Ich war in Los Angeles beziehungsweise in San Diego wohnhaft, die beiden Städte sind cirka zwei Stunden voneinander entfernt. In New Orleans kam ich in eine Stadt, die im Prinzip nichts mehr hatte, die vom Hurrikan zerstört wurde. Ich bin damals gerade 21 geworden und sollte einer ganzen Franchise zum Neustart verhelfen. Das bedeutete ganz schön viel Druck. Aber die Hilfe einiger großartiger Kollegen wie Drew Brees, Marques Colston, Lance Moore, Pierre Thomas oder Deuce McAllister war der Grund, warum wir in der Lage waren, an die Spitze zu kommen. Dazu die Leidenschaft der Leute in der Stadt für ihr Football-Team, die haben wir immer gespürt.

LAOLA1: Die NFL ist eine Quarterback-Liga. Drew Brees gehört zweifelsohne zu den Besten seines Fachs. Wo reihst du ihn im Vergleich mit anderen Kalibern wie Tom Brady oder Aaron Rodgers ein?

Bush: Ganz oben bei diesen Jungs. Ich denke, dass augenscheinlich Tom Brady der Beste ist, weil er die meisten Super Bowls gewonnen hat und als Quarterback sein Team Jahr für Jahr auf Championship-Level hält. Aber ich glaube, dass Drew Brees in seinem Bereich ist und wie Aaron Rodgers, Peyton Manning oder Eli Manning zu den Top-Quarterbacks der Liga zählt. Für mich gehört Drew in die Top 3.

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