Kein gewöhnlicher MVP

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Andre Iguodala - kein gewöhnlicher MVP

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83:20.

So lautet die Gesamt-Bilanz der Golden State Warriors in der abgelaufenen Saison.

Mehr Siege sammelten nur die Chicago Bulls, und zwar in den Saisonen 1995/96 (87:13) und 1996/97 (84:17).

Die NBA hat seit Dienstagnacht also einen mehr als würdigen neuen Champion.

"Small Ball" siegt

Die Truppe aus Oakland drehte die Finalserie gegen stark geschwächte Cleveland Cavaliers und siegte nach einem 1:2-Rückstand noch 4:2.

Eine Umstellung von Coach Steve Kerr in der Starting Five auf "Small Ball" brachte den entscheidenden Anstoß zum Umschwung: Der 1,98 Meter große Andre Iguodala ersetzte den 2,13 Meter großen Andrew Bogut in der ersten Fünf.

Der 31-jährige Routinier hatte so großen Einfluss auf das Spiel, dass er sogar zum Finals-MVP gewählt wurde.

Auf diesen individuellen Titelträger hätte vor der Saison wohl kein Mensch bei Verstand getippt.

Wertvoller als Curry

Und doch ist es typisch für diese Golden State Warriors, die ähnlich wie die San Antonio Spurs im Vorjahr mit großartigem Zusammenspiel, vielseitigen Spielern und kleinen Egos begeisterten und sehr viele "Waffen" hatten, dass ein echter "Teamspieler" ausgezeichnet wurde.

Dass diese Wahl von US-Journalisten, von denen man eher erwarten kann, einen Star-Spieler in den Himmel zu loben, getroffen wurde, macht sie noch etwas wertvoller.

Regular-Season-MVP Stephen Curry hatte zu Beginn der Finalserie zwar Probleme, wirklich schlechtes Spiel lieferte er aber nur eines und sein Punkteschnitt über sechs Partien lautete schlussendlich 26,0.

Da stachen die 16,3 Zähler pro Spiel von Iguodala nicht heraus. Doch dessen Impact war schlussendlich entscheidend. In der Regular Season kam er auf durchschnittlich 7,8 Punkte - eine sensationelle Steigerung also, die ihren Höhepunkt im sechsten Finale erreichte, in dem "Iggy" seine Saisonbestleistung von 25 Punkten aufstellte.

James eingebremst

Den wertvollsten Einfluss hatte Iguodala aber in der Defense. Es klingt zwar kurios, wenn man bedenkt, dass LeBron James im Finale auf Schnitte von 35,8 Punkte, 13,3 Rebounds und 8,8 Assists kam, aber dass James unter 40 Prozent aus dem Feld traf, hatte sehr viel mit seinem "Schatten" zu tun.

Wäre der "King" explodiert, hätten die Cavs auch ohne die verletzten Kyrie Irving und Kevin Love Meister werden können. Iguodala wusste das zu verhindern.

So kam es, dass erstmals seit 1980, als MVP Kareem Abdul-Jabbar und Finals-MVP Magic Johnson im Lakers-Dress den totalen Triumph einfahren konnten, zwei Spieler aus dem selben Team mit den beiden MVP-Ehren versehen wurden.

Keine "Starter-Allüren"

"Iggy" sorgte auch für eine Premiere: Zum ersten Mal ging die Bill Russell Trophy an einen Spieler, der nicht in allen Finalspielen in der Starting Five stand.

Dabei ist der Guard/Forward vor dieser Saison der Starter schlechthin gewesen: In seiner NBA-Karriere, die 2004 begann, lief Iguodala bis zum Beginn der heurigen Saison in all seinen 758 Regular-Season- und 48 Playoff-Spielen in der ersten Fünf auf.

Neo-Coach Steve Kerr ersetzte den Vorzeige-Profi zu Saisonstart mit Harrison Barnes, um dem Jungspund Selbstvertrauen einzuimpfen.

Iguodala war zwar nicht unbedingt begeistert, kam aber doch in allen 77 Regular-Season-Partien und in den ersten 18 Playoff-Spielen von der Bank. Der Rest ist bekannt.

"Einfach mein Spiel gespielt"

"Er hat die Saison für uns gerettet", bringt Draymond Green, der selbst einen beeindruckenden Sprung gemacht hat, die Leistung des von der University of Arizona stammenden Helden auf den Punkt.

Iguodala selbst vereinfacht es. Zwar seien ihm viele Gedanken durch den Kopf gegangen, "aber ich habe einfach mein Spiel gespielt."

LeBron James analysiert cool: "Es ist nie 1-gegen-1, aber ich denke, seine Fähigkeit, wie andere Leute in ihrem Team mehrere Positionen zu spielen, hat ihnen erlaubt, so dynamisch zu sein."

Zu wenig Unterstützung für James

Während Curry nach dem Triumph von seinen Mannen als eines der besten Teams der Geschichte spricht, meint James zu Recht: "Uns ging das Talent aus."

Seine Co-Außenspieler J.R. Smith, Matthew Dellavedova, James Jones und Iman Shumpert trafen in der gesamten Serie KEINEN ihrer insgesamt 21 Feldwurfversuche, wenn James ausnahmsweise nicht auf dem Parkett war.

Der "beste Spieler des Planeten", wie er in letzter Zeit immer wieder genannt wird, ist der erste in der Geschichte, der in einer Finalserie alle Spieler in Punkten, Rebounds und Assists anführte.

Kein Wunder, dass die Wettbüros die Cavaliers für 2016 als Titelfavoriten führen.

Ein James mit einem schlagkräftigen Team, das nicht von Verletzungspech heimgesucht wird, ist von vornherein Anwärter Nummer eins.

Auf ein Wiedersehen in den Finals mit den Warriors und Kettenhund Iguodala wird James wohl trotzdem nicht hoffen ...


Hubert Schmidt

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