New Yorks neuer Held

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Es wurde allerhöchste Zeit.

Der Superbowl-Triumph der Giants ist immerhin schon über eine Woche her.

Und weil keine Stadt der Welt schnelllebiger ist, als New York, braucht der „Big Apple“ wieder einen neuen Helden.

Er hat ihn in Jeremy Lin gefunden. Der 23-Jährige durchlebt gerade eine Cinderella-Story, wie sie die US-Medien lieben. Vom Bankdrücker, der auf der Couch seines Bruders pennt, zum gefeierten Superstar. In einer Woche.

„Falls Sie in New York leben und nicht wissen, wer Lin ist, öffnen Sie einfach das Fenster. Irgendjemand spricht mit Sicherheit gerade über ihn“, rät ein US-Journalist. Tatsächlich ist der Kalifornier in aller Munde, sein Gesicht allgegenwärtig.

"MVP, MVP, MVP!"

„Lin-sanity“ nennen sie diesen Zustand in New York. In Abwesenheit der Superstars Carmelo Anthony und Amar’e Stoudemire führte Lin die Knicks in fünf Spielen zu fünf Siegen.

26,8 Punkte und 7,4 Assists hat der 1,91 Meter große Spieler in dieser Phase geliefert. „MVP, MVP, MVP“, schallt es durch den Madison Square Garden, wenn der Aufsteiger den Ball dribbelt.

Wie das alles passieren konnte, kann sich niemand so recht erklären. Aber es ist passiert. Und die mediale Aufmerksamkeit, die Lin zuteil wird, tut ihr Übriges.

Köpfchen statt Muskeln

Denn der Guard ist kein gewöhnlicher Basketballer. Wenn er über sich selbst spricht, sind zumindest zwischen den Zeilen immer wieder Selbstzweifel zu lesen. In der NBA, die von großmäuligen Neo-Millionären mit Riesenegos dominiert wird, ungewöhnlich, erfrischend, einfach anders.

Woher diese Selbstzweifel kommen, erklärt Lins Vergangenheit. Nach der High School wollte ihm kein College ein Sportstipendium geben. Also ging er nach Harvard. Dort, wo auch schon Bill Gates, Al Gore und Ban Ki-moon studierten, zählt Köpfchen, keine Muskeln.

Der harte Weg

Beim Draft 2010 wartete der 23-Jährige vergeblich darauf, von einem Team ausgewählt zu werden. Also ging Lin den harten Weg. Summer League war angesagt. Schließlich nahmen sich die Golden State Warriors seiner an.

Doch es war eher eine Entscheidung der Marketing-Abteilung, denn der sportlichen Leitung. Lins Eltern sind in den 1970er Jahre aus Taiwan ausgewandert, um im Land der unbegrenzten Möglichkeiten ihr Glück zu versuchen. Wie so viele andere Asiaten auch.

Diesen Umstand wollten die Warriors ausnutzen. Lin wurde zum Hoffnungsträger der asiatischen Community, die fortan die Halle stürmte. Mehr als sporadische Kurzeinsätze ihres Lieblings bekamen sie aber nicht zu sehen.

Nach einer Saison hatte das Team aus Oakland keine Verwendung mehr für den Rookie. Die Houston Rockets nahmen Lin unter Vertrag und schoben ihn sofort nach New York ab. Dort schickte man ihn wiederum in die Ausbildungsliga zu den Reno Bighorns.

Der nächste Tebow

Und dann der 4. Februar, als Lin von der Bank kam und für die Knicks das Spiel gegen die Nets gewann. Ein Star war geboren, die „Lin-derella Story“ wurde landauf, landab erzählt.

Vergleiche mit Tim Tebow stehen an der Tagesordnung. Beide Medien-Phänomene, beide brachten ein eher schwaches Team wieder auf Vordermann und beide zeichnet ihr starker Glaube an Gott aus. In den USA ist Letzteres eine gute Voraussetzung, um zum gefeierten Star zu werden.

Ob Lin derzeit nur seine 15 Minuten Ruhm genießen darf oder längerfristig im Interesse der Öffentlichkeit stehen wird, bleibt vorerst offen. Ersteres ist wahrscheinlicher.

Denn New York wird bald wieder nach frischem Blut dürsten, die Medien ihre nächste Cinderella-Story schreiben.


Harald Prantl

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