Wien, Utah, Boston?

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"Mittlerweile habe ich es realisiert"

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Las Vegas ist nicht der Ort, an dem der durchschnittliche 19-jährige Österreicher das letzte Wochenende vor Weihnachten verbringt.

Aber Jakob Pöltl ist kein durchschnittlicher 19-jähriger Österreicher. Österreichs größte NBA-Hoffnung gastierte mit seinen Utah Utes am Parkett des Nobelcasinos MGM Grand. Zu Gunsten der Organisation Coaches vs. Cancer traf die Nummer 14 des aktuellen NCAA-Rankings in einem ganz besonderen Auswärtsspiel auf die UNLV Rebels.

Pöltl erwischte nicht seinen besten Tag und befand sich beim 59:44-Sieg in ständigen Foulproblemen, lieferte mit einigen starken Minuten zur richtigen Zeit aber einen entscheidenden Beitrag. Am Ende standen 8 Punkte (4/7 FG), 4 Rebounds, 1 Block, 2 Turnovers und 4 Fouls am Statistikzettel, fast alles Positive davon holte der Wiener zwischen der achten und zwölften Minute nach der Pause. In diesem Zeitraum stellten die Utes von 34:33 auf 44:34.

Head Coach Larry Krystkowiak sah auf Nachfrage von LAOLA1 einen akademischen Hintergrund für die „irdische“ Leistung nach einigen überragenden Spielen: „Man muss bedenken, dass er gerade eine harte Woche voller Abschlussprüfungen und das erste Semester hinter sich gebracht hat.“ Der Ex-Coach der Milwaukee Bucks sah Pöltls durchwachsenes Spiel positiv: „Das wird gut für ihn sein. Das gehört alles dazu für einen jungen Spieler.“

Ein junger Spieler, der in seiner noch ebenso jungen College-Debütsaison alle Erwartungen übertrifft und mit 10,6 Punkten, 8,9 Rebounds und 2,7 Blocks pro Spiel bei einer Feldwurfquote von 67,7% eine der wichtigsten Stützen der Utes ist. „Ich bin wirklich positiv überrascht. Jakob ist ein guter Läufer, hat tolle Hände und ist athletisch. Nicht viele Seven-Footer können, was er kann“, sagt Krystkowiak.

Für den Senkrechtstarter Pöltl wäre es angesichts von Rang 13 im aktuellen Big Board von ESPN (ein Experten-Ranking der besten Spieler für den NBA-Draft 2015) leicht, abzuheben. Doch darum muss man sich keine Sorgen machen: Die Füße stehen noch fest am Boden, die Haarspitzen befinden sich nach wie vor beeindruckende 2,13 Meter darüber, wie sich im Vier-Augen-Gespräch zeigt. LAOLA1 traf das Ausnahmetalent in Las Vegas zum Talk über die Umstellung auf das College-Leben, den Traum von der NBA und Utahs Höhenluft.

LAOLA1: Wie gefällt dir Las Vegas?

Pöltl: Es ist grundsätzlich nicht schlecht, aber ich könnte mir nicht unbedingt vorstellen, hier zu leben. Es ist fein, für ein paar Tage hierherzukommen, aber nach einiger Zeit ist es einfach ziemlich ... leer. Hinter den großen Lichtern ist so wenig, es ist fast ein bisschen fad.

LAOLA1: Ist Utah das Gegenteil davon?

Pöltl: Ja, das kann man schon sagen. Utah ist sehr brav, die Landschaft ist grün - es ist mehr ein Familienort. Weniger Party, eher ruhig und landschaftlich schön.

LAOLA1: Hast du vor deiner Ankunft hier gewusst, wie groß College-Basketball ist und was für eine Rolle es spielt?

Pöltl: Ich habe es gehört, aber nicht realisiert, wie groß es wirklich ist. Mir wurde gesagt, dass es ziemlich verrückt zugehen wird, aber bei allem, was ich in diesem halben Jahr erlebt habe - dass es so arg ist, hätte mir nicht erwartet. Wenn wie bei den Auswärtsspielen gegen BYU und San Diego State die ganze Halle gegen dich ist - das habe ich in dem Ausmaß noch nie erlebt.

LAOLA1-Redakteur Schauhuber mit Pöltl

LAOLA1: Was bedeutet es, wenn man sich selbst in Mock-Drafts im Vorderfeld sieht und vor ein paar Monaten noch in Traiskirchen war?

Pöltl: Es ist ziemlich genau so, wie du es sagst. Ich war vor der Saison mit dem Kopf absolut nicht in der NBA. Ich habe nur ans College gedacht und gehofft, dass es mir in meinem ersten Jahr halbwegs gut geht und ich ein bisschen zeigen kann, was ich draufhabe. Jetzt ist es relativ gut gelaufen und ich stehe plötzlich auf Rang 13 im Mock-Draft - am Anfang habe ich mir gedacht: „Wow ... was heißt das jetzt?“, mittlerweile habe ich es realisiert. Ich versuche, es so weit wie möglich auszublenden und mich auf die Saison zu konzentrieren. Das zählt jetzt – nicht, was ich nächstes Jahr mache.

LAOLA1: Machst du dir schon Gedanken, ob du mehr als eine Saison College spielst?

Pöltl: Eigentlich nicht. Das wird auch davon abhängen, wie die Saison für mich und das Team läuft, von daher macht es für mich gar keinen Sinn, darüber nachzudenken. Es ist natürlich im Hinterkopf, aber ich investiere nicht großartig Zeit in die Überlegungen.

LAOLA1: Die Saison verläuft für Utah mit acht Siegen bei zwei knappen Niederlagen sehr gut. PAC-12-Tournament und NCAA-Tournament sind natürlich noch weit weg, aber denkt man in der Mannschaft jetzt schon daran?

Pöltl: Es wird eigentlich kaum über das NCAA-Tournament gesprochen. Das Teamziel ist, PAC-12-Champion zu werden, und das geht nur von Spiel zu Spiel. Es geht mehr darum, in den Conference-Spielen gut auszusehen und schließlich gegen die anderen relativ guten Teams in unserer Conference (u.a. #3 Arizona, #16 Washington, California, Anm. d. Red.) Champion zu werden.

LAOLA1: Wie war für dich die Umstellung auf die USA?

Pöltl: Nicht so schwierig, wie ich sie mir vorgestellt habe. Es war anfangs natürlich komisch, aber ich war von Anfang an durch Basketball abgelenkt. Ich habe mir nie gedacht, dass es hier mühsam wäre und ich lieber zuhause wäre. Mit dem Team habe ich automatisch Freunde gehabt. Wir sind auf der Uni zusammen, wir sind im Training zusammen, wir leben auf dem Campus zusammen. Sie haben mir die Umstellung relativ leicht gemacht.

LAOLA1: Du hast in einem Interview erwähnt, eng mit dem Deutschen Kenneth Ogbe befreundet zu sein.

Pöltl: Ja, wir kannten uns schon vorher. Jetzt wohnen wir zusammen, wenn ich einmal Deutsch sprechen will, ist immer jemand da.

LAOLA1: Zum Thema Deutsch sprechen: Wieviel Kontakt hältst du zur Heimat?

Pöltl: So viel wie möglich – es läuft auf ein oder zwei Mal pro Woche skypen mit der Familie hinaus. Sonst habe ich relativ viel Kontakt via WhatsApp oder Facebook. Durch die Zeitumstellung ist es nicht immer leicht.

LAOLA1: Woher hattest du neben Utah noch konkrete Angebote?

Pöltl: Mit den meisten sind wir gar nicht bis zu Angeboten gekommen, da ich schon davor festgestellt habe, dass das für unsere Situation nicht passt. Gesprochen haben wir mit Arizona, California, Utah, Wake Forest, Michigan, Miami und einigen kleineren Schulen wie z.B. Davidson.

LAOLA1: Was war für dich bisher am beeindruckendsten?

Pöltl: Das Intro gegen BYU. Es war das wichtigste Spiel ihrer Saison, da haben sie sich ziemlich ins Zeug gelegt. Es waren über 20.000 Leute in dem Stadion, das war sehr beeindruckend.

LAOLA1: Nach dem Spiel hat dein Coach Larry Krystkowiak gemeint, BYU hätte dich mit Rugby-Taktiken verteidigt. Wie war das für dich?

Pöltl: Es ist mir während des Spiels nicht so aufgefallen. Danach das Video zu sehen, war noch einmal etwas anderes. Während des Spiels habe ich mir gedacht: Sie spielen hart, aber ich kann jetzt deshalb nicht herumweinen. Sie haben zwei Ex-American-Football-Spieler und die haben eben auch so gespielt - meiner Meinung nach nicht ganz dem Regelwerk entsprechend.

LAOLA1: Musst du dich daran noch gewöhnen?

Pöltl: Die Athletik hier ist zumindest ein großer Unterschied. Die Physis ist nicht meine Stärke, aber ich kann damit leben. Ich weiß schon, wie ich meinen Körper einsetzen muss, um dagegenzuhalten, aber ich muss noch daran arbeiten.

LAOLA1: Woran arbeitest du derzeit im Training spezifisch?

Pöltl: Im Moment haben wir kaum Individualtraining, da wir mitten in der Saison sind. Ich versuche, im Training aggressiver zu sein. Mit Dallin Bachynski habe ich einen recht großen und kräftigen Trainingspartner und ich versuche, mich jeden Tag mit ihm zu battlen, um in solchen Situationen mehr gewohnt zu sein. Sonst versuche ich, mein Offensivspiel zu erweitern, das ist derzeit ein bisschen einseitig. Ich arbeite an verschiedenen Postmoves und im Moment auch am Wurf, sodass ich nicht mehr nur unter dem Korb arbeiten kann. Das habe ich ja früher schon gemacht, wende es aber jetzt kaum mehr an.

LAOLA1: Hast du schon einmal eine längere Phase gehabt, in der es mit Freiwürfen nicht gelaufen ist?

Pöltl: Ich hatte schon einige Phasen, aber so schlimm war es glaube ich noch nie. Früher war es nach Wachstumsschüben immer eine Zeit lang etwas schlechter, aber nicht längere Zeit unter 50 Prozent.

LAOLA1: Dein früherer Coach bei den Vienna D.C. Timberwolves und LAOLA1-Redakteur Hubert Schmidt hat kürzlich gemeint, es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Quote wieder besser wird. Gehst du damit konform?

Pöltl: Ich sehe das ähnlich. Ich trainiere sie jetzt regelmäßig und versuche, meinen Rhythmus und das Selbstvertrauen wiederzufinden. Der größte Teil ist mental und ich glaube, dass das mit der Zeit dann von selbst kommt.

LAOLA1: Bekommt man am College Mentalcoaching?

Pöltl: Nicht speziell, nein.

LAOLA1: Wie sehr verfolgst du, was über dich geschrieben wird? Hast du beispielsweise den letzten Mock-Draft von ESPN gesehen?

Pöltl: Ich habe ihn selbst nicht gesehen, aber es war so wie bei all den anderen Artikeln – ich bekomme sie auf Facebook zugeschickt oder ein Freund erzählt mir davon. Vom Mock-Draft wussten meine Teamkollegen vor mir Bescheid.

Der große Mann (hier im Timberwolves-Dress) kann auch dribbeln

LAOLA1: Coach Krystkowiak betont in Interviews stets, wie gründlich du und deine Eltern recherchiert haben. Wie kann man sich das vorstellen?

Pöltl: Es war nicht so arg, wie es die Coaches immer betonen. Ich hatte zuvor relativ wenig Ahnung vom College-Basketball, habe es nur gelegentlich im Internet gesehen. Dann kontaktieren mich plötzlich jede Menge Schulen von denen ich kaum etwas weiß. Vor allem meine Mutter hat in Richtung sportlicher und akademischer Rankings sowie sonstiger Berichte viel recherchiert – alles, was uns einen Eindruck geben konnte. So haben wir aus den 15-20 Schulen, die mich kontaktiert haben, die gewählt, die wir dann auch in Person besucht haben.

LAOLA1: Dein Besuch bei Utah hat dich dann überzeugt?

Pöltl: Ja, ich war bei Arizona, California und Utah, und dann ist es Utah geworden.

LAOLA1: Euer Homecourt liegt auf 1464 Metern Seehöhe. Wie sehr spürt man die dünne Luft?

Pöltl: Es ist ziemlich hart, wenn man hinkommt. Die ersten zwei Trainingswochen waren eine Katastrophe, weil einem die Luft so schnell ausgeht. Sobald man sich daran gewöhnt, ist es ein Riesenvorteil. Die Teams, die normal auf Seehöhe spielen, bekommen hier gar keine Luft. Ich habe es auch auswärts in Kansas oder San Diego gespürt, da läuft es sich plötzlich viel leichter.

LAOLA1: Thema Nationalteam. Hast du vor, auch aus den USA kommend zu spielen?

Pöltl: Ja, ich habe auch vor, kommenden Sommer mitzumachen. Wie das mit U20 und Herren aussieht, muss ich noch mit den Coaches besprechen – ob ich da beides mache, weiß ich noch nicht. Vor allem mit Werner Sallomon bin ich in Kontakt.

LAOLA1: Du hast einen Wunsch frei. Welches Jersey trägst du in fünf Jahren?

Pöltl: Ein NBA-Jersey.

LAOLA1: Nämlich?

Pöltl: Mein Lieblingsteam sind die Celtics, von dem her würde ich Boston sagen. Es hängt aber auch davon ab, in welcher Situation sich sowohl ich als auch die NBA-Teams befinden. Ich will zumindest eine Chance auf Spielzeit haben - es macht keinen Sinn, hinter zwei Superstars zu spielen.

LAOLA1: Wie wichtig war dieser Faktor für deine Entscheidung für Utah?

Pöltl: Ein wichtiger. Bei Arizona hat mir das Sorgen gemacht, weil sie viele gute, talentierte Big Men haben, dazu haben sie dann noch Dusan Ristic gesignt. Hier in Utah haben wir zwei gute Big Men, mit Dallin Bachynski ist einer davon ein Senior, der seine letzte Saison spielt. Ich habe ja nicht gedacht, dass ich via one-and-done gleich wieder weg sein könnte, von dem her hat sich das nach einer guten Situation angehört. Ich habe mir für mein Freshman-Year schon ein wenig Spielzeit erwartet. Dass es dann etwas mehr wurde, damit habe ich nicht gerechnet – aber ich werde mich nicht beschweren.

LAOLA1: Hast du dir erträumt, dass es so laufen könnte?

Pöltl: Ich habe es mir nicht erwartet. Wenn ich nun darüber nachdenke, war es gar nicht so unwahrscheinlich. Nachdem ich mich auch basketballerisch eingelebt habe, ist es auch im Training sehr gut gelaufen. Als ich im ersten Freundschaftsspiel gestartet bin, habe ich schon gemerkt: Da könnte was gehen, auch in Richtung viel Spielzeit. Es ist dann immer besser geworden, auch noch nach zwei Monaten habe ich mich nach jedem Training etwas besser gefühlt.

LAOLA1: Danke für das Gespräch.

 

Aus Las Vegas berichtet Martin Schauhuber

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