"Stolz auf den Reifungsprozess"

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"Mental kann es nicht mehr schwieriger werden"

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Die magnofit Güssing Knights sind das Überraschungsteam der ABL-Saison.

Die Südburgenländer sind als Nummer zwei in die Playoffs gestartet, haben im Viertelfinale den "großen Bruder" Oberwart mit 3:1 aus dem Bewerb geworfen und erstmals den Halbfinal-Einzug geschafft.

Die Ritter haben dabei eine schwierige Situation überstanden, da sie Spiel eins wegen eines Streits zwischen Hallenbetreiber und Stadtgemeinde kurzfristig nach Oberwart verlegen, damit den Heimvorteil abgeben mussten und auch prompt verloren.

Einen bedeutenden Anteil am Erfolg hat Neo-Coach Matthias Zollner. Der Deutsche war vor der Saison, abgesehen von seiner Tätigkeit als Assistant Coach des DBB-Nationalteams, relativ unbekannt.

Mit seiner aggressiven Full-Court-Defense hat der 32-Jährige "Maßstäbe gesetzt", wie es Gunners-Manager Andreas Leitner formulierte.

Im Halbfinale wartet ab Donnerstag mit dem BC Zepter Vienna der Titelverteidiger auf die Güssinger.

Im LAOLA1-Interview spricht Zollner über den Gegner, den Saisonverlauf und Potenzial im österreichischen Basketball.

LAOLA1: Mit welchem Gefühl gehst du in die Halbfinalserie?

Matthias Zollner: Wien hat unglaubliche Qualität, aber wir haben in dieser Saison eine 2:2-Bilanz gegen sie und sowohl auswärts als auch zu Hause ein Spiel gewonnen. Ich denke, wir sind psychologisch auf jeden Fall im Vorteil. Wir haben Heimvorteil, Wien hat sich fünf Spiele lang gegen Klosterneuburg schwer getan und wir hatten drei Tage mehr Zeit zur Vorbereitung. Zudem haben wir in der Serie gegen Oberwart alles erlebt, uns kann nichts mehr zurückwerfen.

LAOLA1: Wie hast du die Saison und die Viertelfinalserie des BC Vienna erlebt? Haben die Wiener aus deiner Sicht zu alter Stärke zurückgefunden?

Zollner: Wien hat speziell auf den Außenpositionen sehr hohe individuelle Qualität. Sie haben zu Beginn der Saison sehr gutes Basketball gespielt und waren sehr früh in Hochform, haben einige Spiele aber auch relativ knapp gewonnen. Sie haben wahrscheinlich durch die EuroChallenge-Teilnahme den Trainingsrhythmus umgestellt und in der Folge das Selbstvertrauen verloren - soweit ich das von außen beurteilen kann. Ich glaube, dass Wien derzeit nicht weit unter der Form vom Saisonbeginn spielt, sondern dass sich die anderen Mannschaften weiterentwickelt haben.

LAOLA1: Wo liegen im basketballerischen Bereich Vorteile bei euch und wo bei den Wienern?

Zollner: Ich denke, unsere Vorteile liegen unter dem Korb, da haben wir die besseren Scorer. Wien hat auf alle Fälle mehr Playoff-Erfahrung. Das sind aus meiner Sicht die beiden am meisten Ausschlag gebenden Punkte.

LAOLA1: Wie sehr hat euch im Viertelfinale der Verlust des Heimvorteils durch den Hallenstreit tatsächlich beeinflussst?

Zollner: Im Nachhinein gesehen muss ich sagen, enorm. Wir haben ja von Spiel eins zu Spiel zwei einen 42-Punkte-Turnaround geschafft - in Oberwart um 17 verloren und dann in Güssing um 25 gewonnen. Der Unterschied war wie Tag und Nacht. Das ganze Thema hat zu einer Verkrampfung geführt. Wir wollten es allen unbedingt erst recht zeigen, da war der Kopf nicht frei.

LAOLA1: Nicht nur die Hallenproblematik, sondern auch die ungewohnte Rolle als Favorit im Derby war psychologisch sicher nicht einfach für eine junge Mannschaft. Wird es ab jetzt einfacher?

Zollner: Mental kann es nicht mehr schwieriger werden. Spielerisch wird es sicher schwieriger, da Wien deutlich bessere Qualität hat als Oberwart.

LAOLA1: Wie bist du mit der Entwicklung der Mannschaft zufrieden?

Zollner: Ich bin sehr zufrieden. Wir haben bislang eine sehr gute Saison gespielt und die Spieler haben sich individuell weiterentwickelt. Sie haben auch diese Rolle, als Top-Mannschaft zu spielen und jedes Spiel gewinnen zu wollen, angenommen. Speziell auf die letzten Wochen bezogen denke ich, dass der Reifungsprozess in der Serie gegen Oberwart enorm war. Darauf bin ich sehr stolz. Dass wir nach dem Theater und der Niederlage in Spiel eins drei Spiele in Serie gewinnen konnten, war schwer. Die Art und Weise, wie wir in Spiel vier gespielt haben, hat mir nicht unbedingt behagt, aber der Kampfgeist am Ende war schon beeindruckend.

LAOLA1: Die Mannschaft scheint gut drauf zu sein, einzig Sebastian Koch läuft seiner Form nach der Verletzung noch etwas hinterher.

Zollner: Ja, er sucht seine Form sozusagen. Körperlich ist er noch lange nicht da, wo er hin muss. Im letzten Spiel hat er schon erste sehr gute Signale gesendet und in kurzer Spielzeit offensiv viel Verantwortung übernommen. Ich hoffe, dass er sich jetzt Schritt für Schritt in die Serie hinein arbeitet.

Thomas Klepeisz und Co. wollen ins Finale

LAOLA1: Wurden die vor der Saison gesetzten Erwartungen übertroffen?

Zollner: Da muss man differenzieren: Die Erwartungen, die wir selbst an uns hatten - nein. Die Erwartungen, die die Öffentlichkeit an uns hatte - ja. Wir wurden vor der Saison an Position sieben eingeschätzt und sind dann Zweiter geworden und haben den Halbfinal-Einzug geschafft. Unsere eigenen Ziele waren Minimum Top vier, sowohl nach der Hauptrunde, als auch in den Playoffs. Beim "Minimum" sind wir jetzt, aber wir wollen natürlich weiter.

LAOLA1: Die aggressive Defense ist zu eurem Markenzeichen geworden. Forderst du von all deinen Mannschaften diesen Spielstil oder hast du ihn in Güssing wegen der vorhandenen Spieler eingeführt?

Zollner: Ich praktiziere diesen Stil mit allen Mannschaften und betrachte dies auch nicht als außergewöhnlich.

LAOLA1: Gegen viele Mittelständler hat er aber wohl den entscheidenden Unterschied gemacht, auch im Viertelfinale gegen Oberwart.

Zollner: Ich glaube fest an diese Philosophie - vor allem daran, dass Verteidigung Spiele gewinnt. Wir müssen uns aber noch weiterentwickeln, der Weg ist noch lange nicht zu Ende. Ich denke, exzellente Defense mit einem Konzept ist ein Merkmal, dass alle guten Mannschaften auszeichnet. Unsere Philosophie ist eben, über das ganze Feld sehr aggressiv zu spielen, und ich war mir sicher, dass dies auch hier aufgeht.

LAOLA1: Wie ist dein Eindruck von der ABL gegen Ende deiner ersten Saison in Österreich?

Zollner: Die Liga ist in erster Linie von sich selbst vollkommen unterschätzt, in zweiter Linie offensiv um Längen besser als defensiv und ich sehe wahnsinnig großes Potenzial hier.

LAOLA1: In welcher Hinsicht?

Zollner: Ich erinnere mich noch an die Zeit, als sich selbst ein junger Spieler war und mir in Deutschland viele Erstliga-Spiele angeschaut habe. Das erinnert mich sehr stark an den Basketball, der derzeit in Österreich stattfindet. Die Hallensituation etc. ist sehr ähnlich. Es besteht sehr viel Potenzial, die Liga nach vorne zu bringen und professioneller zu machen. Ich glaube auch, dass die österreichischen Spieler stark unterschätzt werden. Sie sind deutlich besser, als sie selber glauben, dass sie sind, als die Medien glauben, dass sie sind und auch als viele Verantwortliche glauben, dass sie sind. Sie müssen mehr in die Veranwortung genommen werden und mehr ihre Leistung abrufen.

LAOLA1: Hängt das mit den mangelnden internationalen Vergleichen zusammen?

Zollner: Aus meiner Sicht spielen hier zwei Faktoren mit, zuallererst keine oder viel zu wenig internationale Competition. Es spielt nur eine Mannschaft europäisch und die auch oft mehr oder weniger nur, weil es sein muss. Mindestens die ersten beiden Vereine, besser die ersten vier müssten international spielen. Man hat auch gesehen, welche Entwicklungsschritte Spieler wie Lorenzo O'Neal und Florian Trmal machen, die mittlerweile zu den wichtigsten Wiener Spielern gehören. Der zweite Punkt ist der Spielstil, der in Österreich vorherrscht, dass eben zu wenig Wert auf Defensive gelegt wird. In diesem Punkt ist der Unterschied zu den Top-Ligen enorm. Hier können sich die Spieler auch in einem kurzen Nationalteam-Sommer nicht schnell genug darauf einstellen, wenn sie das ganze Jahr über anders spielen.

LAOLA1: Wie ist es zu deinem persönlichen Entschluss gekommen, es im Ausland zu versuchen?

Zollner: Ich war mir sicher, dass ich als Basketballtrainer arbeiten will. Mir war klar, dass ich nicht in zweit- oder drittklassigen Ligen arbeiten wollte bzw. konnte, um meine Karriere zu verfolgen. Das Land war für mich egal, wichtig war für mich die Situation. Eine, wo man etwas entwickeln und vorwärts kommen kann. Da hat sich die Situation in Güssing angeboten, und ich bin sehr froh, dass ich die Entscheidung getroffen habe, hierher zu kommen.

LAOLA1: Wirst du auch in der kommenden Saison bei den Knights bleiben?

Zollner: Wir sind in Gesprächen, beide Seiten sind an einer Verlängerung interessiert.

LAOLA1: Wie schätzt du die andere Halbfinalserie ein?

Zollner: Für mich war es ein wenig überraschend, dass sich Wels gegen Gmunden durchgesetzt hat. Gratulation an Wels, sie haben sich in den letzten Wochen sehr gesteigert und sind verdient weitergekommen. Wenn eine Mannschaft in ein Halbfinale gekommen ist, ist alles möglich. Kapfenberg ist sicher leicht im Vorteil, aber ich erwarte, dass es eine sehr spannende Serie wird, genauso wie unsere.


Das Gespräch führte Hubert Schmidt

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