Toto Wolff: "Gefährlich können wir uns selbst werden"

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Toto Wolff hat alle Zügel in der Hand. Der 43-jährige Wiener hat aus Mercedes das Team geformt, das es in der kommenden Formel-1-WM zu schlagen gilt.

Eineinhalb Wochen vor Saisonstart in Melbourne sprach der Motorsportchef mit der APA über die Favoritenrolle der Silberpfeile, den Vertrag von Weltmeister Lewis Hamilton und eine gewisse Sättigung bei den TV-Zuschauern.

Frage: Die Testfahrten waren vielversprechend. Gibt es überhaupt eine Alternative dazu, die Favoritenrolle anzunehmen?

Wolff: Die Favoritenrolle kann man annehmen. Davon auszugehen, dass es leicht wird, wäre aber falsch. Wir sind noch nicht einmal ein Rennen gefahren. Es hat noch nicht einmal begonnen.

Frage: Wer oder was kann Mercedes in dieser Saison gefährlich werden?

Wolff: Gefährlich können wir uns selbst werden. Die Haltbarkeit ist ein Thema, das wir schon in der vergangenen Saison gehabt haben. Wir sind im zweiten Jahr einer technologischen Revolution, die sozusagen noch in den Kinderschuhen steckt. Da kann immer etwas passieren. Außerdem muss man Williams und Ferrari beachten, die bei den Tests gute Leistungen gezeigt haben.

Frage: Sie haben die Haltbarkeit angesprochen. 2015 stehen nur noch vier statt bisher fünf Motoren zur Verfügung. Welche Maßnahmen haben Sie in diese Richtung getroffen?

Wolff: Da haben wir über den Winter viel gemacht. Mit der mechanischen Haltbarkeit waren wir im Vorjahr nicht zufrieden. Wir haben die Abteilung für Qualitätssicherung neu aufgestellt. Erste Ergebnisse gibt es schon. Wir erwarten, dass das schon in diesem Jahr zu einem gewissen Prozentsatz verbessert wird.

Frage: Wenn das Auto ohne Probleme läuft, darf man dann wieder ein Duell zwischen Lewis Hamilton und Nico Rosberg um den WM-Titel erwarten?

Wolff: Dazu kann es kommen. Wir haben noch nicht einmal begonnen, daher ist es zu früh, über ein Duell unserer Fahrer zu sprechen. Die Beiden werden sich aber sicher nichts schenken. Diesen Zweikampf kann es wieder geben.

Frage: Im Vorjahr ist er nicht völlig friktionsfrei abgelaufen, es hat auch Spannungen gegeben. Haben Sie das Gefühl, dass Sie mit diesem Wissen heuer besser darauf vorbereitet sind?

Wolff: Wir werden besser darauf vorbereitet sein, weil wir weitere Erfahrungswerte haben. Wir haben die Spielregeln für unsere Fahrer noch einmal verfeinert. Es ist aber eine Illusion, dass es ein 'easy ride' wird. Wir haben uns bewusst für zwei Fahrer entschieden, die konkurrenzfähig sind und den gleichen Status haben. Daraus folgt, dass es für das Team nicht einfach ist, immer richtig und fair zu entscheiden.

Frage: Auch der mit Saisonende auslaufende Vertrag von Weltmeister Hamilton war im Winter ein großes Thema. Die Fantasiezahlen (ein angebliches Angebot von 50 Millionen Pfund Gehalt pro Jahr/Anm.) haben Sie bereits kommentiert. Wie ist die aktuelle Situation?

Wolff: Fantasiezahl, das ist das richtige Wort. Das ist eine Summe, die auch Lewis niemals fordern würde. Andererseits ist er auch ein sehr wichtiges Teammitglied. Wir wollen ihn gerne als Fahrer halten. Die Diskussion ist weit fortgeschritten. Wir lassen uns aber von niemandem unter Druck setzen. Der Vertrag läuft noch ein Jahr, also kein Stress.

Frage: Hamilton hat gesagt, er kann sich noch sieben oder acht Jahre Formel 1 vorstellen. Soll er bis zu seinem Karriereende bei Mercedes bleiben?

Wolff: Von einer Bindung bis zum Karriereende zu sprechen, wäre zu früh. Wir wollen Stabilität, daher sind wir auch auf langfristige Verträge aus. Lewis ist 30 Jahre alt. Er hat noch viele, viele Jahre vor sich. In der Formel 1 ist mittlerweile aber auch alles kurzlebiger. Wir sind darauf aus, einen gesunden Mittelweg zu finden.

Frage: Was ist das Geheimnis, nach einem WM-Titel nicht satt zu werden?

Wolff: Satt zu sein nach einem Jahr, das gibt es nicht. Wir haben uns viele Ziele gesetzt, eines davon haben wir vergangenes Jahr erreicht. Jetzt haben wir eine gute Chance, weiter erfolgreich zu sein. Das ist Anreiz genug. In der Fabrik in Brackley habe ich nicht den geringsten Eindruck, dass irgendjemand satt ist.

Frage: Das ist dafür bei manchen TV-Zuschauern festzustellen. In einigen Märkten verzeichnet die Formel 1 Rückgänge. Welche Maßnahmen könnte man bei der nächsten größeren Regelreform 2017 treffen, um gegenzusteuern?

Wolff: Ich sehe keinen Trend. Es gibt auch Märkte, in denen sich die Zahlen sehr positiv entwickeln. Aber es gibt auch ein verändertes Mediennutzungsverhalten, dem sich jeder Sport stellen muss. Das Ritual, um 14.00 Uhr einen Grand Prix anzuschauen, verändert sich. Die Formel 1 hat immer noch die höchsten Quoten im Sport, bei einigen Sendern sogar die höchsten überhaupt. Das ist schon ein Leiden auf hohem Niveau. In Deutschland gibt es vielleicht eine gewisse Sättigung, auch was die sportlichen Erfolge betrifft. In Großbritannien dagegen hat im Vorjahr beim WM-Finale in Abu Dhabi jeder zweite Haushalt Formel 1 aufgedreht gehabt, in Summe 7,5 Millionen Live-Zuschauer. Es ist nicht alles schlecht.

Frage: Das heißt, es bedarf gar keiner radikalen Änderungen?

Wolff: Natürlich musst du versuchen, das Produkt zu verbessern und die Schwachstellen auszumerzen. Meine Priorität ist es aber, mit dem Team erfolgreich zu sein. Klar haben wir auch Verantwortung gegenüber dem Sport. Für die Vermarktung gibt es aber viel kompetentere Menschen als mich. Meine Hauptaufgabe ist das Team.

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