Ericsson: "Derzeit weiß niemand, wo er wirklich steht"

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Harte Arbeit lohnt sich.

Ohne Talent geht aber auch nichts. Und manchmal hilft einfach purer Zufall.

Im Alter von neun Jahren wird Marcus Ericsson von seinem Vater Tomas zu einer Kartbahn mitgenommen. Aus reinem Zeitvertreib. Ohne zuvor einen Meter in einem Kart zurückgelegt zu haben fährt der Junge aus Örebro Rundenrekord. 

Besitzer Fredrik Ekblom kann es nicht glauben. Er, Fahrer in Le Mans, der britischen Formel 3000 und WTCC, wird auf seiner eigenen Strecke von einem Kind geschlagen.

Beginn wie Märchen

Familie Ericsson sieht zunächst keinen Grund, die Begabung des Sprösslings auf professionelle Beine zu stellen. Ekblom überzeugt Vater Tomas schließlich davon, seinem Sohnemann ein Kart zu kaufen.

Es klingt wie der Beginn eines Märchens. Und das ist es zunächst auch. 2009 darf Ericsson für BrawnGP im Alter von 19 Jahren Testfahrten in der Formel 1 bestreiten.

Nach starken Auftritten in der Formel BMW und der Formel-3-Serien wird der Wind in der GP2 jedoch ungleich rauer. Ein harter Weg an die Spitze führt über die Gesamtränge 17, 10 und 8. 2013 wird er vom regierenden Champion Dams engagiert und steigt zum Titelfavoriten auf.

Einer Rolle, der er nicht gerecht wird. Zu viele Zwischenfälle werfen ihn zurück. Nach neun Rennen hat er keinen einzigen Punkt auf dem Konto, von der Formel 1 ist nicht im Entferntesten die Rede.

Doch harte Arbeit wird belohnt. Ericsson gewinnt in Deutschland und lässt vier weitere Podestplätze folgen. Und dann klopft Caterham an, weil auch die Mitgift stimmt. Über 11 Millionen Euro an Sponsorgeldern sollen es sein, wie die finnische Zeitung "Turun Sanomat" schreibt.

Vor seinem ersten Rennen erklärt der 23-Jährige im LAOLA1-Interview, warum er für seinen Traum mit Diät-Spezialisten in Italien zusammenarbeitet, was er von seinem Teamkollegen lernen kann und warum er sich auf den Grand Prix in Österreich freut.

Steckbrief

Geboren am

  1. September 1990

Wohnort

Kumla (SWE)

Größe/Gewicht

1,80m/69 kg

Karriere

Kartsport (1999-2006), Formel BMW (2007), Britische Formel 3 (2008)

 

Japanische Formel 3 (2009), GP2 Asia Series (2009/10, 10/11), GP2 (2010-2013)

Fahrernummer

9

Internet

www.marcusericsson.com

Twitter

@Ericsson_Marcus

LAOLA1: Gratulation zu deinem Cockpit bei Caterham. Was hat sich alles seit Bekanntwerden deines Wechsels in die Formel 1 für dich verändert?

Marcus Ericsson: Natürlich hat sich im Vergleich zu meiner Zeit in der GP2 massiv viel verändert. Es war sehr hektisch in den vergangenen Wochen, weil es viel zu tun gibt. Ich verbringe so viel Zeit wie möglich in der Caterham-Fabrik und spule Zeit im Simulator ab. Aber ich genieße das auch, es ist eine aufregende Zeit.

LAOLA1: Ist die Tatsache, jetzt unter ständiger Beobachtung der Medien zu stehen, gerade vor einer Saison wie dieser, die größte Veränderung für dich?

Ericsson: Zu allererst freut es mich natürlich, dass der Motorsport in Schweden jetzt so viel Aufmerksamkeit bekommt. Ich war schon bei einigen Fernsehstationen, bei Morning-Shows und so weiter. Hoffentlich geht es so weiter, damit der Motorsport in Schweden wieder mehr Bedeutung bekommt, wachsen kann und Fahrer jene Aufmerksamkeit bekommen, die sie auch verdienen.

LAOLA1: Die Testphase war keine einfache. Von Beginn an hatte jedes Team mit Problemen zu kämpfen. Wie schwierig war es bei euch?

Ericsson: Der Start in Jerez war richtig hart für uns, da hatten wir einige Probleme. In Bahrain konnten wir Fortschritte machen und einige Runden mehr absolvieren. Am wichtigsten war es, so viele Runden wie möglich auf die Strecke zu bringen. Es ist im Grunde ganz okay verlaufen, ich bin zuversichtlich, dass wir für Australien in einer guten Verfassung sind.

LAOLA1: Besonders die Autos mit Renault-Motoren hatten große Probleme. Wie hat sich das verändert?

Ericsson: Ja, in Jerez war es wirklich schlimm. In Bahrain lief es dann wesentlich besser. Wir haben einige Runden drehen können und dabei viel gelernt. Für mich war besonders wichtig, so oft wie möglich auf der Strecke zu sein.

LAOLA1: In Anbetracht der Probleme, würdest du aus Fahrer-Sicht sagen, dass die ganzen Neuerungen im Regulativ einfach zu viel für eine Saison waren?

Ericsson: Natürlich gibt es viele Veränderungen, aber es ist für alle gleich. Wir müssen die ersten paar Rennen abwarten und sehen, wie sich alles entwickelt. Derzeit weiß niemand, wo er wirklich steht. Ich persönlich finde das eigentlich ganz gut. Jeder musste ganz von vorne beginnen. Das macht die Sache unglaublich spannend, natürlich auch für uns Fahrer.

LAOLA1: Eine der Regeln, die du kritisiert hast, betraf das Gewicht. Während das Gesamtgewicht der Autos gestiegen ist, wurde das Mindestgewicht der Fahrer nicht dementsprechend angepasst. Warum ist die FIA nicht dazu imstande gewesen?

Ericsson: Die Power Units sind schwerer als erwartet, das macht es zum Problem für alle Teams und besonders die größeren Fahrer sind dadurch benachteiligt. So ist es leider, ich versuche mich nicht zu sehr darauf zu konzentrieren und so viel Gewicht wie möglich zu verlieren ohne dabei aber Kraft und Energie einzubüßen.

LAOLA1: Ich habe gelesen, dass du sogar ein spezielles Diät-Programm hast.

Ericsson: Ja, das ist richtig. Ich arbeite da sehr eng mit einer Klinik in Italien zusammen, die sich in den letzten Jahren auf Formel-1-Fahrer spezialisiert hat. Dadurch bin ich gut vorbereitet. Aber wie gesagt, ich will mich nicht darauf konzentrieren, sondern nur an das Auto und das Fahren denken.

LAOLA1: Du kommst aus einer Familie, die lange nichts mit Motorsport am Hut gehabt hat. Dann hast du als Kind auf einer Kartbahn groß aufgezeigt. Wie kam es dazu?

Ericsson: Ja, anders als viele andere Fahrer komme ich aus keiner Motorsport-Familie. Von uns hat nie jemand im Motorsport gearbeitet. Es war also wirklich Zufall, dass ich mich in diese Richtung entwickelt habe. Mein Vater hat mich zu dieser Kartbahn mitgenommen, um ein bisschen Zeit zu verbringen. Und offensichtlich hatte ich Talent. Dazu kam, dass die Strecke dem ehemaligen Touringcar-Piloten Fredrik Ekblom gehörte. Er war von meiner Leistung angetan und hat meinem Vater und mir geholfen, mir ein Kart zu besorgen. Dann haben wir mit Kartrennen begonnen. Es war wirklich nicht mein Plan, Rennfahrer zu werden. Seit diesem Zeitpunkt habe ich aber hart gearbeitet, um dorthin zu kommen, wo ich jetzt bin. Es war nicht leicht, hat sich aber definitiv ausgezahlt.

LAOLA1: Du hast den harten Weg angesprochen. Es gab viele Höhen und Tiefen in deiner Karriere. Gibt es einen Moment oder ein Rennen, das dir endgültig die Tür zur Formel 1 geöffnet hat?

Ericsson: Im Motorsport ist es nicht einfach. Es gibt nicht viele Tage, an denen du nach einem Wochenende heimkommst und vollauf zufrieden bist - außer natürlich, wenn du gewonnen hast. Das macht die Sache mental schwierig. So war das auch für mich im letzten Jahr. Der Start in die Saison war extrem hart. Im Grunde ist alles gegen mich gelaufen. Es gab Probleme am Auto, dazu passierten Unfälle und so weiter. Ich habe aber nicht aufgehört, hart zu arbeiten und dadurch das Blatt wenden können. Letztlich war ich so stark wie noch nie. Zusammenfassend kann man sagen, dass das letzte Jahr mir gut veranschaulicht hat, wie schwer es sein kann und wie wichtig es ist, niemals aufzugeben.

LAOLA1: 2009 durftest du bei BrawnGP an Testfahrten teilnehmen. Warum wurde danach nicht mehr daraus?

Ericsson: Zu dieser Zeit war ich sehr erfolgreich in der Formel 3 und habe viele Rennen gewonnen. Das hat mir den Test für Brawn gebracht. Danach lief es aber aus unterschiedlichen Gründen nicht mehr nach Wunsch in der GP2. Ich habe die Jahre danach sehr hart arbeiten müssen, um jetzt so weit zu kommen.

LAOLA1: Welche Rolle spielt Geld, um so weit zu kommen? Die Kritik, die Jahr für Jahr auftaucht, dass Talent immer weniger zählt, wird dir auch nicht entgangen sein.

Ericsson: Das weiß ich nicht. Mein Job ist es, zu fahren, den Rest erledigt mein Management. Ich bin nur froh darüber, mich mit den besten Fahrern der Welt messen zu dürfen.

LAOLA1: Du bist der erste schwedische Pilot in der Formel 1 seit Stefan Johansson im Jahr 1991. Die Erwartungen in deiner Heimat sind also sicher groß. Siehst du dich selbst als Vorbild für andere junge Fahrer in Schweden?

Ericsson: Hoffentlich kann ich das sein. Es ist eine großartige Sache, mein Land zu repräsentieren, immerhin ist es wirklich schon einige Jahre her, dass Stefan Johansson aufgehört hat. Hoffentlich wächst der Motorsport in Schweden durch mein Engagement in der Formel 1, sodass mehr Fahrer Chancen in den verschiedenen Kategorien bekommen.

Kaumui Kobayashi ist Ericssons Teamkollege, Testfahrer ist Robin Frijns (NED)

LAOLA1: Du hast mit Kamui Kobayashi einen durchaus routinierten Piloten zur Seite gestellt bekommen. Was kannst du von ihm lernen?

Ericsson: Ich habe mich sehr gefreut, als ich gehört habe, dass Kobayashi mein Teamkollege sein wird. Er ist ein guter Fahrer und hat in der Formel 1 bei Toyota und Sauber schon bewiesen, wie stark er ist. Für mich ist er eine ideale Hilfe beim Start in die Formel 1. Von seiner Erfahrung kann ich sehr profitieren. Natürlich ist er auch ein guter Maßstab für mich und ich werde versuchen, ihn zu schlagen.

LAOLA1: Für das Team kann es heuer nur das Ziel sein, Marussia hinter sich zu lassen, oder?

Ericsson: Ziele sind schwer zu formulieren vor dieser Saison, weil wir nicht wissen wo wir stehen. Das weiß niemand so genau. Aber klar ist, dass das letzte Jahr für Caterham nicht gut gelaufen ist. Dieses Jahr soll ein klarer Schritt nach vorne gelingen.

LAOLA1: In Österreich wird dem Comeback von Spielberg entgegengefiebert. Kennst du die Strecke, beziehungsweise was hast du davon gehört?

Ericsson: Ich bin leider noch nie dort gefahren, aber ich habe gehört, dass es eine Oldschool-Strecke mit ein paar guten Überholmöglichkeiten sein soll. Das klingt nach viel Spaß, ich freue mich auf jeden Fall auf das Rennen.

LAOLA1: Welche Strecke im Rennkalender magst du am liebsten?

Ericsson: Spa ist natürlich für jeden Fahrer ein Höhepunkt, aber am meisten freue ich mich auf Suzuka. Ich bin ein Jahr in der Formel 3 in Japan gefahren und habe die Strecke damals kennengelernt. Ein fantastischer Kurs. Mit einem F3-Auto war es schon der Wahnsinn, ich kann es kaum erwarten dort in einem Formel-1-Boliden Gas zu geben.

LAOLA1: Abschließend noch zu deiner Fahrernummer. Es ist die 9 geworden. Warum?

Ericsson: (lacht) Ich habe leider keine gute Story dafür. Ich hatte nie eine Glückszahl oder so etwas. Die 9 hat sich für mich einfach nach einer guten Zahl angehört.

 

Das Interview führte Andreas Terler

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