Vettel: "Manchmal im Leben braucht man etwas Neues"

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"Jeder Rennfahrer träumt insgeheim von Ferrari", hat Sebastian Vettel nach seinem ersten Titelgewinn 2010 gesagt.

Nach vier Weltmeistertiteln mit Red Bull Racing scheint sein Traum in Erfüllung zu gehen.

Fakt ist: Die Ehe zwischen Red Bull und dem Heppenheimer ist mit Ende des Jahres geschieden.

Sprichwörtlich über Nacht - aus europäischer Sicht - ist aus einem Gerücht Tatsache geworden. Sehr kurzfristig hat Vettel seine Entscheidung dem Team verkündet.

Wie so oft in einer Saison am Fahrermarkt löst ein Dominostein, das in diesem Fall Vettel heißt, sehr viel aus.

Was waren seine Beweggründe? Warum will Red Bull Alonso nicht? Und wie hat Daniil Kvyat auf seine Beförderung reagiert?

Die wichtigsten Fragen und Antworten zur Sensations-Meldung des Tages:

WIE IST DIESE ENTSCHEIDUNG ZUSTANDE GEKOMMEN?

WIE KOMMT VETTEL AUS SEINEM VERTRAG BEI RED BULL?

Eigentlich hätte der vierfache Weltmeister noch bis 2015 einen Vertrag bei Red Bull Racing gehabt. Dass er nun aus dieser Vereinbarung aussteigt, ist dennoch kein Vertragsbruch, erklärt Helmut Marko: "Es gibt in seinem Kontrakt eine Klausel, dass er uns verlassen kann. Dafür hat er sich nun entschieden". Der Inhalt dieser Klausel: Vettel darf das Team verlassen, wenn er am 30. September nicht mindestens Dritter in der WM ist. Derzeit liegt der Heppenheimer mit 124 Zählern auf Rang fünf des Klassements. 57 Punkte fehlen ihm auf Platz drei, der von seinem Teamkollegen Daniel Ricciardo belegt wird.

Für sich selbst dürfte Vettel den Tapetenwechsel schon länger vollzogen haben. "Ich kenne ihn schon lange. Es war klar, dass er sich in den vergangenen Wochen viele Gedanken gemacht hat und es war klar, worum sie sich drehen", sagt Teamchef Christian Horner. Wichtige Information dabei: Vettel beschäftigt keinen Berater. Er trifft alle seine Entscheidungen selbst und handelt auch seine Deals persönlich aus. Mitgeteilt habe er seinen Entschluss erst sehr kurzfristig, nämlich am Donnerstagabend. "So um zehn Uhr gestern Abend haben wir es endgültig erfahren", so Horner. Bei dieser Zusammenkunft soll es auch sehr emotional zugegangen sein. "Ich habe mit Sebastian und Helmut zusammengesessen. Dort hat uns Sebastian erklärt, dass er das Gefühl hat, dass die Zeit für eine neue Herausforderung gekommen ist. Es ist sehr emotional, natürlich sind wir traurig. Er hat in 15 Jahren so viel mit Red Bull erreicht. Er hat sich diese Entscheidung nicht leicht gemacht", schildert der Teamchef.

WIE HAT DAS TEAM AUF DIE ENTSCHEIDUNG REAGIERT?

Die Überraschung ist Vettel sicher gelungen. Zwar habe man einerseits schon etwas geahnt, andererseits habe der Weltmeister bereits unter anderem das Wintertrainingsprogramm abgesprochen und neue Merchandising-Artikel abgesegnet, erklärt Christian Horner. Sauer ist man auf den 27-Jährigen, zumindest nach außen hin, nicht. "Es gibt da kein böses Blut", stellt Marko klar. "Wir brauchen Fahrer, die maximal motiviert sind. Und er hat nach all den Erfolgen in den vergangenen Jahren eine neue Herausforderung gesucht. Wir holen den nächsten Youngster aus unserem Nachwuchsprogramm ins Team und versuchen, diese Geschichte mit einem anderen jungen Fahrer zu wiederholen", so der 71-Jährige. Vettels Nachfolger Daniil Kvyat war im übrigen so überrascht wie alle anderen. "Zuerst hatte er einen roten Kopf, dann wurde er blass", so Marko dem das Klima im Rennstall am Herzen liegt: "Wir wollen eine konstruktive und offene Stimmung im Team, das können wir mit unseren Junioren garantieren." Doch auch dem Mentor Vettel ist anzumerken, dass ihm der Abschied nicht ganz leicht fällt: "Tja, das Leben geht weiter", seufzt er.

WAS SAGT ER SELBST ZU DIESEM SCHRITT?

Viel will der Deutsche zu seinem Entschluss nicht sagen. Vergeblich rannten ihm am Samstag vor dem Qualifying mehrere TV-Teams hinterher. Ein paar Aussagen sind aber sehr wohl dokumentiert. "Es ist keine Entscheidung gegen Red Bull, sondern eine für etwas anderes", wird Vettel von "auto motor und sport" zitiert. Damit versucht er sich gegen den Vorwurf zu wehren, Red Bull nur deshalb zu verlassen, weil er in diesem Jahr kein Auto hat, mit dem er um die WM kämpfen kann. "Red Bull hat nichts falsch gemacht. Wir gehen in Freundschaft auseinander. Es hat auch nichts mit den Ergebnissen zu tun, auch wenn sie nicht dem entsprachen, was ich mir erwartet habe", gibt er zu. Davonlaufen würde er aber nicht. "Manchmal braucht man im Leben eben etwas Neues. Und wenn sich die Gelegenheit bietet, muss man zugreifen.

IST DER WECHSEL ZU FERRARI SCHON FIX?

Quasi. Was fehlt, ist - wie so oft - die offizielle Bestätigung seitens der Scuderia. Es ist aber schon mehr als ein offenes Geheimnis, dass Vettel im kommenden Jahr neben Kimi Räikkönen für die Roten an den Start gehen wird. "Offenbar hat ihm Ferrari ein sehr interessantes Angebot gemacht", erklärt Horner ganz offen. Der Teamchef glaubt, dass sich bei dem Rennstall aus Maranello in Zeiten des Umbruchs offenbar ein passendes Fenster für einen solchen Wechsel aufgetan hat. Vettel selbst gibt sich zum Thema Ferrari noch zugeknöpft, will aber "in Kürze" seine Zukunftspläne bekanntgeben.

WAS PASSIERT JETZT MIT ALONSO?

Der Spanier und Ferrari scheinen jedenfalls von Red Bulls plötzlicher Bekanntgabe ein wenig überrumpelt worden zu sein. Alonso soll sich jedenfalls am Donnerstag darauf geeinigt haben, seinen Vertrag mit Ende des Jahres auslaufen zu lassen. "Ich weiß nicht, ob er sich damit nicht ins Niemandsland begeben hat", rätselt der ehemalige Rennfahrer und F1-Experte Martin Brundle. Der bisher kolportierte fliegende Wechsel zwischen Alonso und Vettel stand bei Red Bull jedenfalls nie zur Debatte. "Fernando ist ein wunderbarer Fahrer, aber unsere Philosophie ist es, in junge Talente zu investieren und diese an die Spitze zu bringen. Bisher haben uns die Ergebnisse bestätigt", gibt Horner zu verstehen. Helmut Marko schlägt in dieselbe Kerbe: "Alonso würde unser Junior-Programm ad absurdum führen. Es war immer die Politik von Red Bull, sich die Weltmeister von morgen heranzuzüchten." Dem zweifachen Weltmeister Alonso bleiben offenbar nur zwei Optionen. Entweder er heuert beim noch auf etwas holprigen Beinen stehenden Projekt McLaren-Honda an, oder er gönnt sich eine Auszeit. "Er könnte zu Hause sitzen und sich ein Jahr umschauen. Das haben viele getan, auch Michael Schumacher", sagt Eddie Jordan, der keine großen Hoffnungen in McLaren hat. "Die Frage ist: Kann McLaren um den Titel kämpfen? Ich glaube nicht. Wird Fernando dort hingehen, sich herumschlagen und das Team aufbauen? Ich denke nicht", so der Brite.

Sicher ist: Es werden nicht die letzten Fragen sein, die in diesem Formel-1-Jahr am Fahrermarkt beantwortet werden müssen.

 

Andreas Terler

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