Silverstone - Zum 50. Mal Heimat des Motorsports

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46, 47, 48 ... 48?

Da stimmt doch etwas nicht. Hat man sich in Silverstone verzählt?

Ja und nein.

Genau genommen findet das große 50er-Jubiläum der Heimstätte des Britischen Grand Prix erst in zwei Jahren statt.

Allerdings wurden schon 1948 und damit zwei Jahre vor der ersten offiziellen Formel-1-Saison Autorennen im zum County Northamptonshire gehörenden 2000-Seelen-Dorf ausgetragen.

Unzählige denkwürdige Geschichten ereigneten sich seither auf jenem Areal, auf dem anno 1950 der allererste Formel-1-Weltmeisterschaftslauf stattfand.

DER ERSTE SIEGER

Es war ein milder Maitag im Jahr 1950 als die Formel 1 ihre Geburtsstunde erlebte. Auf dem ehemaligen Gelände der Royal Air Force nahmen 21 Autos am Premierenlauf teil. Vor den Augen von 200.000 Besuchern, unter ihnen auch King George VI und Queen Elizabeth, dominierte Alfa Romeo nach Belieben. Die Startplätze eins bis vier gingen an die roten Renner. Das wäre auch im Rennen so gewesen, wenn Juan Manuel Fangio nicht mit gebrochener Pleuelstange hätte aufgeben müssen. Nach 70 Runden ging der Sieg an Giuseppe "Nino" Farina aus Italien. Sechs Rennen und zwei weitere Erfolge später stand der Turiner als erster Weltmeister fest. Zwei Saisonen später setzte Farina seine Karriere 1952 bei Ferrari fort, konnte dort aber seinen Gesamtsieg nicht wiederholen. 1956 erklärte er seine Rennfahrerkarriere für beendet und versuchte sich als Autohändler, Fahrlehrer und Karrosseriedesigner bei seinem Onkel Pinin. Im Alter von 65 Jahren verunglückte Farina bei einem Verkehrsunfall tödlich. Er fuhr gegen einen Telegrafenmast.

Silverstone-Rekordsieger Alain Prost

REKORDE

Den Titel "Rekordsieger des Grand Prix von Großbritannien" teilen sich Jim Clark und Alain Prost mit fünf Triumphen. Während der Brite diese Erfolge aber auch in Brands Hatch und Aintree einfuhr, war der Franzose fünf Mal ausschließlich in Silverstone siegreich. 1983, 1985, 1989, 1990 und 1993 ließ sich der "Professor" auf der Insel feiern und erinnert sich gerne daran zurück: "Silverstone war immer eine meiner Lieblingsstrecken. Das Gefühl bei meinem ersten Sieg 1983 im Renault werde ich nie vergessen. Die Fans waren so laut - man konnte ihre Leidenschaft trotz des Turbo-Sounds hören. Die Briten lieben Motorsport - das hat sich auch in den letzten 20 Jahren nicht geändert." Erfolgreichster Konstrukteur in Silverstone ist Ferrari mit 16 Rennsiegen vor McLaren (14) und Williams (10). Meist richtig flott unterwegs war Lokalmatador Nigel Mansell. Sieben Mal fuhr er die schnellste Rennrunde. Auch die schnellste jemals gezeitete Rennrunde geht mit 1:09.832 Minuten (1987) auf seine Kappe. Angesichts der zahlreichen Umbauten an der Strecke wohl ein Bestwert für die Ewigkeit.

DIE VERÄNDERUNGEN

Sage und schreibe elf Layouts hatte die Strecke bereits. Zu Beginn standen auf dem Areal Start- und Landebahn des 1943 errichteten Militärflugplatzes im Mittelpunkt. Damit bestand der Kurs fast nur aus langen Geraden und engen Haarnadelkurven. 1949 verlegte man das Rennen auf die Verbindungsstraßen, die um die Start- und Landebahnen lagen. Die Grundrisse dieses Kurses bestanden über mehrere Jahrzehnte. Zwischen den Rennen von 1990 und 1991 wurde der Silverstone Circuit eines gravierenden Redesigns unterzogen. Aus der Highspeed-Piste, bei der die meisten Kurven mit dem vierten und fünften Gang gefahren wurden, machte man eine technisch anspruchsvollere Strecke. Noch einmal kräftig umgekrempelt wurde die Strecke im Jahr 2010 durch die Errichtung der "Silverstone-Arena". Der neue Streckenabschnitt führt nach der Abbey-Schkiane rechts in Richtung "Becketts" und geht von dort in einer Spitzkehre über eine lange Gerade zur Priory-Kurve. Seither ist die Strecke um 760 Meter länger. Den aktuellen Rekord auf der runderneuerten Piste hält Mark Webber. 2009 wurde mit Bernie Ecclestone ein Vertrag über 17 Jahre geschlossen.

DIE GROSSEN MOMENTE

Über die Jahre ereigneten sich natürlich unzählige denkwürdige Szenen im Home of British Motorsport. Eines der packendsten Duelle der Geschichte spielte sich Jackie Stewart und Jochen Rindt im Jahr 1969 ab. Weit vor dem Rest des Feldes lieferten sich die beiden einen Kampf auf Biegen und Brechen. Fast 30 Mal wechselte die Führung zwischen dem Briten und dem Österreicher, ehe in Runde 46 ein Teil des Heckflügels an Rindts Lotus einen Reifen aufschlitzte und den späteren Weltmeister zu einem Boxenstopp zwang. Stewart sprach nach dem Rennen von einem der besten seiner Karriere.

Unübersichtlich wurde es 1973 als der Südafrikaner Jody Scheckter die bis dahin größte Massenkarambolage in der Formel 1 auslöste. Der McLaren drehte sich in der ersten Runde und löste damit einen Crash aus, an dem neun Autos beteiligt waren. Glücklicherweise blieben große Verletzungen aus, nur Andrea de Adamich hatte Pech. Der Italiener brach sich nicht nur das Knie und sein Sprunggelenk, sondern saß auch über eine Stunde in seinem Auto fest, bis ihn die Marshalls befreien konnten.

Jedes Team musste einmal klein anfangen - auch Williams. In Grove wird man sich besonders gerne an das Jahr 1979 zurückerinnern, als der Schweizer Clay Regazzoni für den Rennstall rund um Frank Williams und Patrick Head den allerersten Sieg für das Team einfuhr - noch dazu mit über 24 Sekunden Vorsprung.

Nur knapp zwei Sekunden lagen 1987 zwischen den ersten beiden Fahrern - was am Ende dennoch sensationell war. Denn Nigel Mansell fehlten nach einem ungeplanten Reifenwechsel schon über 30 Sekunden auf Teamkollege Nelson Piquet. Angefeuert von tausenden Fans startete der "Schnauzbart der Nation" in den verbleibenden 35 Runden eine beispiellose Aufholjagd und fuhr am Ende seinen wohl sensationellsten Rennsieg ein.

Gerne hätte 1995 Damon Hill seinen Sieg aus dem Vorjahr wiederholt. Er musste damals aber erkennen, dass es an einem Michael Schumacher kaum ein Vorbeikommen gab. Als er trotzdem zum Überholmanöver ansetzte, endeten beide Boliden neben der Strecke und waren aus dem Rennen. Umjubelter Nutznießer war damals Johnny Herbert, der seinen ersten von drei GP-Siegen feierte.

Besonders gefinkelt ging es Schumacher 1998 an, als er einen dramatischen Sieg davontrug, ohne über die Start-Ziel-Gerade zu fahren. Eine wesentliche Rolle dabei sollte Alexander Wurz spielen, den Schumi während einer Safety-Car-Phase überholt hatte und dafür eine Stop-und-Go-Strafe aufgebrummt bekam. Diese trat der Ferrari-Pilot aber erst in der letzten Runde an, wodurch er vor Ankunft in der Ferrari-Box die Ziellinie überfuhr. McLaren legte umgehend Protest ein - ohne wirklichen Erfolg. Eine Zehn-Sekunden-Strafe nahm Schumacher gerne in Kauf, lag er doch über 20 Sekunden vor dem Zweiten Mika Häkkinen.

Wetterkapriolen dürfen in der Liste der denkwürdigsten Silverstone-Momente natürlich auch nicht fehlen. Allen voran jene im Jahr 2008, als sich so viele Autos wie nie zuvor von der Strecke drehten - Felipe Massa im Ferrari erwischte es alleine fünf Mal. Während auch Sebastian Vettel, Jenson Button und Robert Kubica ihr Fahrzeug nicht auf dem Kurs halten konnten, ging der Sieg am Ende mit über einer Minute Vorsprung an den späteren Weltmeister Lewis Hamilton.

FUN FACTS

Oh Lord! - Im Jahr 2003 sorgte Cornelius Horan, ein seines Amtes enthobener Priester als Flitzer für Aufsehen. Er trug einen Kilt und einen Banner auf dem zu lesen stand "Lest die Bibel!". Horan kam zwei Monate ins Gefängnis.

Unlucky No. 13 - Divina Galica, die übrigens auch zwei Mal als Skiläuferin an Olympischen Winterspielen teilnahm, war 1976 die letzte Formel 1 Pilotin, die mit der Unglücksnummer 13 am Britischen Grand Prix teilnahm. Sie verpasste aber die Qualifikation. Die hat Pastor Maldonado, der heute diese Fahrernummer sein Eigen Nennen darf, 2014 immerhin geschafft.

Heiliger Rasen - Nicht weniger als 14 Leute sind dafür verantwortlich, dass am Silverstone Circuit die Rasenflächen den Anforderungen der Veranstalter entsprechen.

Jungspund - Der jüngste Sieger in Silverstone war Sebastian Vettel im Jahr 2009. Damals zählte der Heppenheimer 22 Lenze.

Bleibt daheim! - Organisator Richard Phillips empfahl 2012 über 30.000 Fans, doch bitte nicht an die Strecke zu kommen. Aufgrund der Regengüsse mussten einige Parkplätze gesperrt werden.

 

Andreas Terler

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