Schumacher: Fünf Gründe für die Durststrecke

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Michael Schumacher quält der Durst. Jener nach Champagner. Und Erfolg.

Eine gefühlte Ewigkeit sehnt der Rekordchampion der gepflegten Dusche im edlen Tropfen herbei. Bekanntermaßen zelebriert das Formel-1-Podium auf diese Weise ein gelungenes Wochenende.

Wenn der 43-Jährige am Circuit de Catalunya (Sonntag ab 14 Uhr im LIVE-Ticker) auf das Erlöschen der Ampellichter lauert, sind zwei markante Zahlen allgegenwärtig.

44 Grand Prix, 2051 Tage - solange währt die Durststrecke Schumachers. Am 1. Oktober 2006 stand er letztmals auf dem Treppchen, damals ganz oben. Sein 91. Sieg.

Doch der glorreichen Vergangenheit fährt der siebenfache Weltmeister seit dem Comeback vor zwei Jahren meilenweit hinterher. Dem einstigen Alleinherrscher der Königsklasse wurde längst der Rang abgelaufen. Nun regieren seine Thronfolger um Sebastian Vettel. Auch in der Saison 2012.

Vor dem Spanien-GP hält der Mercedes-Star bei mickrigen zwei Pünktchen. LAOLA1 weiß, was ihm zu schaffen macht.

Schumacher Fahrstil versetzte die Motorsport-Welt einst in Staunen: In Kart-Manier bremst er sich in die Kurve. Diskrete Lenkradbewegungen fangen Übersteuern ab, behutsames Spiel mit dem Gas trägt den Rest bei. Früher als die Konkurrenz beschleunigt er - die entscheidenden Zehntel.

Dem Altmeister kam im fortgeschrittenen Alter seine schlafwandlerische Sicherheit abhanden. Seine „übersinnlichen Reflexe“ - von denen Gerhard Berger sprach - verlor er mitnichten. Allerdings sieht er sich mit einem unlösbaren Mysterium konfrontiert. Den Einheits-Pneus.

„Alle Piloten müssen unter ihren Fähigkeiten fahren. Die Reifen limitieren das Auto. Sobald du etwas schneller bist, fliegen sie dir von der Felge“, attackierte Schumacher unlängst gegenüber „BBC Radio 5“ Hersteller Pirelli. Zu stark sei der Verschleiß, zu schmal das Arbeitsfenster. „Wenn 80 Prozent des Starterfeldes solche Schwierigkeiten haben, sollte man darüber nachdenken.“

Ob sein Appell erhört wird, darf aufgrund des Monopols bezweifelt werden. Kein Vergleich zu Ferrari-Zeiten: „Michael war stark in die Entwicklung Bridgestones eingebunden“, so Mastermind Ross Brawn. In der Gegenwart muss sich Schumacher unterordnen. Erschwerend hinzu kommt…

Niemand verkörpert das akribische F1-Business so wie die lebende Legende. Abertausende Kilometer spulte er nach kräftezehrenden Rennen ab. Unter Regie von „Superhirn“ Brawn hauchte er der „lahmen Roten Göttin“ neues Leben ein. Der Mix aus deutscher Gründlichkeit sowie italienischer Begeisterung bescherte dem Sport eine noch nie erlebte Dominanz.

Als Schumacher nach drei umtriebigen Jahren in der Pension sein Revival bekanntgab, erwarteten vor allem deutsche Fans und Medien Wunderdinge. Die Bürde eines Ausnahmekönners. Dabei ließ man veränderte Gegebenheiten außer Acht. Etwa die Limitierung der Testtage - zwölf in der Vorbereitung, drei während der Saison-, um die Kostenexplosion einzudämmen.

Unbewusst beraubte man den Rekordhalter seiner Stärke: Der Optimierung und Weiterentwicklung. Seine detailverliebten Analysen der Telemetrie-Daten bescherte den Ingenieuren schlaflose Nächte, allerdings auch fünf Titel en suite. Um das Verständnis - mitunter für das schwarze Gold - zu wecken, fehlen schlichtweg Ressourcen.

„Nicht nur Tests, sondern die Reifensätze bei Grand Prix sind limitiert. Wir können nicht zehn Frische nehmen, mit denen wir ihn eine Runde rausschicken, damit er lernt, die Zehntel herauszuquetschen“, schilderte Brawn die Problematik. Übrigens: In Mugello war er mit 149 Runden einer der Dauerbrenner (Fazit).

Was Schumacher vergeblich herbeisehnt, gelang dem vielerorts verschmähten Lotus-Rückkehrer Kimi Räikkönen schon im vierten Anlauf. In Bahrain raste der finnische Express auf Rang zwei. Einmal mehr fristete der Kerpener ein Schattendasein. Der Mittelpunkt deutschen Interesses ist mittlerweile ein anderer: Sein „Nachfolger“ Vettel. Zur Blütezeit undenkbar.

Da ein Seitenhieb, hier versteckte Kritik. Mit feinem Gespür stärkte er seinen Nummer-eins-Status im Team. Kaum jemand konnte sich dieser Methodik erwehren. Warum? Bis zu Nico Rosberg vermochte ihm keiner Paroli zu bieten. Von Schumi himself zum schnellsten Herausforderer ernannt, wird er den Vorschusslorbeeren gerecht. Das nagt am Ego. Selbst wenn er nicht müde wird, dies zu bestreiten.

„Ich freue mich für Nico. Er hat Mercedes den Sieg geschenkt, der alle glücklich macht“, gestand der Geschlagene neidlos. Die doppelte Premiere beim China-GP – mit Pole Position und Start-Ziel-Erfolg – hätte er trotzdem liebend gern für sich beansprucht. Den Respekt vor dem markanten roten Helm hat Rosberg jedenfalls abgelegt. Bester Beweis: Die Causa Pirelli.

Der 26-Jährige scheut nicht davor zurück, öffentlich zu widersprechen: „Erstens bekamen wir super Sport geboten. Zweitens ist das Reifenmanagement für Team und uns Fahrer herausfordernd.“ Eine Majestätsbeleidigung. Bei Ferrari verpönt.

Muckten Eddie Irvine oder Rubens Barrichello auf, bekamen sie umgehend einen Maulkorb verpasst. Im italienischen Maranello wurde alles auf Schumacher zugeschnitten. Der Bolide maßgeschneidert, nach seinen Bedürfnissen konstruiert. Die Scuderia war eine Ein-Mann-Organisation.

Mit dem Rücktritt zerbröckelte das mühevoll aufgebaute Dream Team. Ein wesentlicher Bestandteil kehrte 2009 in den F1-Zirkus zurück: Ross Brawn. Der Brite kaufte die Überreste Hondas, formte innerhalb kürzester Zeit ein Weltmeister-Team. Gepaart mit dem Einstieg Mercedes‘ bewog dies Schumacher, nochmals durchzustarten.

Lotste er beim Wechsel von Benetton nach Italien diverse Vertrauensmänner mit, modelte er bei den „Silberpfeilen“ wenig um. Es folgten gravierende Schwierigkeiten mit dem Fahrverhalten des Boliden. Nicht zuletzt deshalb engagierte man im OktobSer 2011 Aldo Costa, einen Designer aus Ferrari-Tagen.

"Es ist ein Glück, dass er bei uns ist. Er hat große Kompetenz.“ Tatsächlich kommt Schumacher besser als in den zwei Jahren zuvor zurecht. Aber: Rosberg ist kein braver Adjutant. Eine neue Situation. Mit 43.

17 Jahre liegen zwischen Rosberg und Schumacher – ein Generationen-Duell. Auf der einen Seite: Der hungrige Stern auf dem Mercedes-Himmel. Auf der anderen: Der erfolgsverwöhnten F1-Opa. Das Rad der Zeit lässt sich nicht zurückdrehen. Doch der Lenkrad-Artist weiß, „dass ich zu den Besten der Welt zähle, dass ich motiviert bin, dass es mir Spaß macht“

Spaß? Findet ein Mann, der dem Erfolg alles unterordnete, Gefallen daran, sich in Mittelfeldkämpfen zu verzetteln. Ein Mann, vom Ehrgeiz zerfressen, gesteht plötzlich vor laufenden Kameras Fehler. Ein Mann, dessen Perfektion beängstigend erschien, schwächelt in entscheidenden Phasen.

Verlor Schumacher seinen Killer-Instinkt? Jener Trieb, der ihn zum erfolgreichsten Piloten aller Zeiten werden ließ. Und etliche Kontroversen verursachte. Selten blitzte der „alte Schumi“ auf: Etwa 2010 als er Barrichello in die Leitplanken drängte, und 2011 mit einer 19-Plätze-Aufholjagd im „Wohnzimmer“ Spa. Oder mit der offen vorgetragenen Kritik gegen Pirelli.

Ein Aufwärtstrend ist jedenfalls nicht zu verkennen, besonders auf eine schnelle Runde. Zwei Punkte lassen es zwar nicht erahnen, doch wer genau hinblickt, bemerkt: Fortuna scheint Schumacher nicht hold. „Meine Rennen war oft zu kurz, wettermäßig und von anderen eingeschränkt. Ich glaube nicht, dass wir von mir das gesehen haben, was wir sehen werden“, versprach er kürzlich.

Ein Lebenszeichen. Dass er den Ansprüchen nicht gewachsen ist, verdrängt Schumacher. Er fühlt sich bereit, der jungen Garde eine weitere Lehrstunde zu erteilen. Getrieben vom Durst nach Erfolg. Und Champagner.

Christoph Köckeis

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