Vettel und Ferrari wollen wiederauferstehen

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Zum Mond fliegen. Als Pilot die Welt sehen. Oder einen roten Rennwagen um die Kurven jagen.

Ferrari-Fahrer zu werden, ist oft formulierter Kindheitstraum. Besonders, wenn man wie Sebastian Vettel in Deutschland aufgewachsen ist und Poster von Michael Schumacher an der Wand hängen hatte.

Vier Weltmeister-Titel im Lebenslauf waren gute Argumente, die ihm die Tür nach Maranello geöffnet haben. Also zog der Heppenheimer aus der heimeligen Red-Bull-Kinderstube aus.

Wechselseitige Aufstehhilfe

Trägt man erst Rot, ist es mit dem Romantisieren oft vorbei. Die stolze Scuderia und ihre Fans sind knallhart, wenn es um Output geht.

Dazu ist der Zeitpunkt weder für Fahrer noch Team einfach. Der Rennstall hat die erste sieglose Saison seit 1993 hinter sich. Vettel ist angeknockt, da ihm Daniel Ricciardo letztes Jahr um die Ohren fuhr. So haben beiden Parteien die Hoffnung, sich gegenseitig neuen Schwung zu verleihen.

Für den Deutschen steht noch mehr auf dem Spiel. Denn bei seinen Serientiteln saß er im besten Auto. Nun gilt es, einen Verfolger an Dominator Mercedes heranzubringen.

Neue Umstände, in denen er sein Talent noch einmal beweisen muss. Mit der Gefahr, Zweifler zu bestätigen. Grund zur Anspannung? Keine Spur.

Deutsche Genauigkeit trifft italienische Leidenschaft

Vettel strahlt wie ein frisch verliebter Teenager. Die Dame seiner Begierde heißt „Eva“. So taufte er den SF-15 T. Aber nicht nur das Fahrzeug hat es ihm angetan.

„Maranello ist einfach magisch. Es ist eine besondere Ehre für jeden Rennfahrer, das Logo mit dem springenden Pferd tragen zu dürfen. Hier existiert eine echte Legende, die Leidenschaft ist etwas ganz eigenes. Ich bereue gar nichts“, ließ er bald nach der ersten Kleiderprobe wissen.

Der Hoffnungsträger fühlt sich wohl in seiner neuen Rolle. Das Team gibt ihm die vermisste Zuneigung. „Er gehört schon zu 120 Prozent zur Familie“, beschreibt Teamchef Maurizio Arrivabene die Beziehung zum neuen Adoptivkind.

Die Einstellung des Neuankömmlings beeindruckt ihn: „Wenn ich sehe, wie Sebastian arbeitet, wundern mich seine vier Weltmeister-Titel nicht. Er macht ständig Notizen und analysiert. Damit erinnert er mich an einen anderen Deutschen.“

Kein Schumi III

Der Vergleich mit Michael Schumacher liegt auf der Hand und wird bereits überstrapaziert. Es ist aber nicht ganz fair, ihm diese Fußstapfen aufzuzwingen.

Denn der Rekordweltmeister hatte bei seiner Übersiedelung Mitte der Neunziger die Möglichkeit, wichtige Ingenieure und andere Mitarbeiter in seinem direkten Umfeld vom dominierenden Benetton-Team mitzunehmen. Und brauchte trotzdem fünf Jahre, um die erwarteten Erfolge einzufahren.

Vettel hingegen wagte den bewussten Schritt in eine neue Erfahrung. Dass er nur den Winter gebraucht hat, um sich einzurichten, und die Stimmung positiv ist, ändert nichts daran, dass viele Abläufe Einspielungszeit benötigen.

„Er ist natürlich allgegenwärtig. Aber ich bin Sebastian und nicht Michael. Ich werde meinen eigenen Weg gehen und will ein neues Kapitel in der Ferrari-Historie aufschlagen“, wehrt sich der vermeintliche Nachfolger in der Sport Bild“.

Vettel macht sich selbst Druck

Vielleicht sind es die herrschenden Kräfteverhältnisse in der Formel 1, die ihn von dieser Last vorerst befreien.

Man muss sich an der Gegenwart orientieren: „Vom Mythos allein können wir nicht leben. Wir müssen hinklotzen. Das Ziel ist es, Mercedes einzuholen und auch zu überholen“, mahnt Vettel.

Aber dass dieser Mythos nun einmal Erfolgsverpflichtungen mit sich bringt, spürt man trotzdem. Die teamseitig formulierte Vorgabe lautet bis 2018 wieder Titel zu gewinnen. Eine Frist, die Vettels Ehrgeiz doch wieder durchblitzen lässt.

„Ich will natürlich vorher Weltmeister werden. Ich glaube absolut daran, sonst hätte ich den Schritt nicht gewagt. Je früher, desto besser. Aber mein eigener Antrieb war schon immer größer als das, was die Leute von mir gefordert haben.“

Mercedes nicht einzuholen

Alles Zukunftsmusik, die Note für Note komponiert werden muss. 2015 will man zwei Rennsiege feiern.

„Erst kommen zwei Mercedes, dann hoffentlich zwei Ferrari. Alles, was dahinter ist, interessiert mich nicht“, zeigt Vettel Realismus ebenso wie den Anspruch, sich als erster Verfolger zu etablieren.

Ambitioniert genug, wie auch „Sky“-Experte Marc Surer glaubt: „Sebastian ist technisch sehr versiert und wird große Fortschritte machen. Dann traue ich ihm so manchen Coup zu. Es wäre aber eine Überraschung, könnte er die ganze Saison mit Mercedes mithalten. Eine Sekunde Rückstand ist realistisch.“

Dabei vergisst er nicht auf eine Warnung: „Kimi wird ein harter Gegner. Er fühlt sich endlich wohl und war bei den Tests der Schnellere.“

Achtung auf den Grinse-Finnen

Denn Vettels positive Vibes wirken auf alle. Das gilt auch für den Kollegen auf der Strecke, bekanntlich guter Kumpel des „Neuen“.

Im Vorjahr schien der Finne noch wie ein Fremdkörper bei den Roten, jetzt regiert statt gewohnter Unterkühlung Euphorie.

„Ich kenne das Team ja jetzt schon seit ein paar Jahren, aber ich muss sagen, dass die Atmosphäre dieses Jahr sehr gut ist. Die Leute sind glücklich und arbeiten sehr eng miteinander zusammen. Im Vergleich zum Vorjahr haben wir großartige Arbeit geleistet.“

Unbekannte Redefreudigkeit, die Arrivabene verblüfft. „Kimi lacht auffallend oft. Als ich ihn zum ersten Mal so sah, machte ich mir Sorgen. Ich fragte ihn, ob er krank sei.“

Man scharrt in den Startlöchern

Von Fahrerseite kann also fast nichts schief gehen, das Auto scheint im Rahmen der Möglichkeiten zu laufen und die Trauben hängt man sich selbst nicht zu hoch. Zeit für die Ernte.

Die Chancen der Scuderia, endlich wieder ins Spitzenfeld vorzudringen, stehen jedenfalls gut. Mit dem Ergebnis im ersten Qualifying hat man den Anspruch auf Platz zwei offiziell angemeldet.

Und vielleicht beginnt am Sonntag eine große Geschichte, die Sebastian Vettel zukünftig bevorzugt in Rot von Kinderzimmerwänden strahlen lässt. Zumindest gegen diese Schumi-Analogie hätte er sicher nichts.

 

Johannes Bauer

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