Arbeitssam durch die Nacht

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Die Übernächtigen im Fliegerzirkus

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Hannes Arch hat einmal erklärt, dass sich das Red Bull Air Race in einer Pionierzeit vergleichbar mit jener, in welcher die Formel 1 vor rund 40 Jahren steckte, befinde.

Wer jedoch durch das Hangar-Lager im polnischen Gdynia flaniert, der sucht vergeblich nach den Zigarre-rauchenden und Oberkörper-freien Macho-Idolen, die einst die Königsklasse des Vierradsports mythifizierten.

„Nein, wir machen das nur hinter den Vorhängen“, scherzt Arch. Gemeint hatte der Steirer mit der Pionierzeit freilich weniger den Grad der Professionalität der Piloten, sondern vielmehr das junge technische Reglement gepaart mit unbekanntem Terrain, welche erlauben, die Entwicklung der Flugzeuge in sehr vielfältige Richtungen voranzutreiben. Und das, obwohl seit der diesjährigen Rückkehr der Air-Race-Serie zumindest die Motoren vereinheitlicht wurden.

Eine Frage der Accessoires

Die logische Folge daraus ist, dass nicht Arch, sondern sein Techniker Nigel Dickinson übernächtigt dreinschaut. Die Ursache ist freilich streng beruflicher Natur. Der Brite nimmt das mit Humor. Eine Einstellung, die praktisch in der Job-Beschreibung eines Air-Race-Ingenieurs steht.

„Ja, gestern ist es etwas länger geworden“, beziffert er das Arbeitsende mit irgendwas nach Mitternacht. Das Resultat lässt sich aber sehen. Dickinson hat der Edge 540 neue „Schuhe“ verpasst. Also jene aerodynamischen Kästen, welche die Räder umhüllen.

Die neue Rad-Verkleidung

Auf den ersten Blick fällt im Vergleich zu den alten nur die unterschiedliche Farbe auf. „Nein, es ist tatsächlich die Form. Auch wenn es nicht leicht zu erkennen ist, ist diese um eine Kleinigkeit anders. Sie kommen im Qualifying zum ersten Mal zum Einsatz, wir haben sie noch nie getestet.“

Sie sollen helfen den Rückstand auf Paul Bonhomme zu verkürzen, der die Konkurrenz im Freitags-Training um 1,7 Sekunden und Arch (4.) um knapp zwei Sekunden distanzierte.

Stillstand ist Rückschritt

Es ist genau diese Jagd nach Hundertstel und Tausendstel, die Arch sowie das ganze Team auf Trapp und oft bis spät in die Nacht wach hält. Die Weiterentwicklung ist stetig, reißt niemals ab und kennt keine Pause.

„Das ist definitiv kein Nine-to-Five-Job“, bestätigt Arch, der sich in die Tüfteleien zu hundert Prozent miteinbringt. Herzblut und Leidenschaft sind ein Muss. Abschalten fällt da oft schwer. „Im Prinzip gehst du mit dem Projekt schlafen“, meint der Steirer.

Auf Raubzug

Das weniger glänzende Material in der Mitte ist die Haihaut

Doch die neuen Schuhe sind nicht das einzige, was Archs Flieger neu zu bieten hat. Voller Stolz zeigt Dickinson auf den Flügel, der zunächst eher gewöhnlich wirkt. Erst bei der Berührung mit dem Finger fällt das glattere Material auf, welches das Zentrum der Tragfläche bedeckt.

„Das ist Hai-Haut“, verrät Dickinson stolz. Von Sponsor X-Bionic zur Verfügung gestellt, soll es für ein besseres Handling sorgen.

So kommt es, dass im Endeffekt jeder Flieger sich im Hangar-Lager mehr oder weniger von den anderen unterscheidet. Dass kopieren an der Tagesordnung steht, liegt auf der Hand. Dickinson weiß das, nimmt es aber gelassen. Was ihm bleibt, ist, selbst die Augen offen zu halten und zu schauen, was die Konkurrenz zu bieten hat.

Etwas, das in der Pionierzeit der Formel 1 wohl nicht anders war.

 

Aus Gdynia berichtet Reinhold Pühringer

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