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Sturm und Profilierungsdrang

Nach den Forschungen zum SK Rapid gibt es nun auch zum SK Sturm eine Auseinandersetzung mit der Rolle des Vereins im Nationalsozialismus. Der Grazer Historiker Walter M. Iber kommt in seiner Arbeit zu Sturm Graz in der Nazi-Zeit mehr oder weniger zu folgendem Schluss: Zuerst der Verein, dann die Partei. Im Vergleich zu einigen anderen Protagonisten aus der Steiermark taten sich der SK Sturm und sein Umfeld keineswegs als besonders regimetreu oder antisemitisch hervor. Nichtsdestotrotz akzeptierte man aus einem opportunistischen Selbsterhaltungstrieb nach und nach die Zeichen der Zeit und somit die NS-Gleichschaltungspolitik sowie die vorgeschriebenen Einheitssatzungen.

Während der Kriegsjahre waren die „Vereinsführer“ regimekonform. Dahinter, in der zweiten und dritten Funktionärsreihe, sei das Vereinsleben aber ohne größere personelle Brüche weitergelaufen, schreibt Iber in seiner Zusammenfassung für das Vereinsmagazin SturmEcho. Auch unter den Spielern waren zunächst kaum NSDAP-Mitglieder zu finden. Aus ökonomischen Gründen und einem gewissen Geltungsbedürfnis heraus hätte man sich aber durchaus für NS-Propagandazwecke einspannen lassen. Auch die Hitlerjugend spielte in der Nachwuchsarbeit offenbar eine wesentliche Rolle. Und als mehr und mehr Spieler zur Wehrmacht eingezogen wurden, schreckte man auch nicht davor zurück auf „Legionäre“ einer in Graz stationierten flämisch-niederländischen Waffen-SS-Einheit zurückzugreifen, um den Spielbetrieb aufrecht zu erhalten.

Insgesamt stellt der Bericht von Walter M. Iber eine Conclusio dar, die weder besondere Bestürzung noch einen besonderen Stolz hervorrufen sollte. Nichtsdestotrotz nutzt Präsident Christian Jauk im aktuellen SturmEcho ein Interview dazu, um dieses Ergebnis mehr oder weniger als Reinwaschung seines Vereins von allem Bösen darzustellen. Vor allem mit ständigen Querverweisen auf den früheren Stadtrivalen und derzeit im Amateurfußball kickenden GAK. Als wäre es nicht ohnehin schon hinlänglich bekannt gewesen, dass der rote Grazer Klub mit dem studentisch-deutschnationalen Milieu verwoben war und auch heute die Schmissträger und Glatzen mehrheitlich dort und nicht bei den Schwarz-Weißen auf der Tribüne zu finden sind.

Es sei hier aber die Frage erlaubt, ob es ein besonderes Verdienst ist, in einer für ganz Österreich finsteren Zeit derjenige zu sein, der eben ein Stück weit weniger im braunen Sumpf gesteckt ist? Und ob es wirklich notwendig ist, sich als Präsident des einen Vereins der Stadt dadurch zu profilieren, dass der andere Klub eben noch schlechter wegkommt? Analyse, Einschätzung und Einordnung der Studienergebnisse, ja. Damit eine Abgrenzung und Erhöhung gegenüber einem anderen erzeugen: nein, Herr Präsident. Auch die Eigenbeschreibung von Jauk im selben Interview, der SK Sturm sei eben immer schon der Klub der einfachen Leute – bescheiden, fleißig und stolz – gewesen, um zugleich dem GAK die Elite-Karte zuzuspielen, ist mehr als entbehrlich. Wie war denn das eigentlich in der Kartnig-Zeit? Eher nicht so bescheiden und einfache Leute-Style, frag nach bei den Fanclubs.

Ein bisschen mehr Gelassenheit stünde dem Präsidenten der Grazer und der derzeitigen Funktionärsmannschaft manchmal besser zu Gesicht. Die Wadlbeißerei und der ständige Profilierungsdrang sind ein wenig kindisch, unsympathisch und nicht notwendig. Weder gegenüber den Wiener Vereinen im sportlichen Bereich, noch gegenüber dem ohnehin derzeit bedeutungslosen Stadtrivalen hinsichtlich der politischen Ausrichtung im Früher und im Jetzt. Ihr seid’s eh super beim SK Sturm, ihr müsst es nicht immer allen extra sagen. Vor allem nicht so.

 

Jürgen Pucher war Gründungsmitglied der Plattform „sturm12.at“ und hat dort über Jahre hinweg mit seiner Kolumne „12 Meter“ die Diskussionen rund um den Grazer Verein und den österreichischen Fußball extrem bereichert. Ab sofort wird er in regelmäßigen Abständen bei LAOLA1 Gastkommentare zum Geschehen im heimischen Kick verfassen.

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